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Kommentar Soziale Ungleichheit: Warum unsere Armen nicht arm sind

von Ferdinand Knauß

Sozialpolitiker sprechen gerne von Armut. Tatsächlich gibt es die nur noch in der Statistik. Das wirkliche Problem ist der wachsende Reichtum der Rentiers.

Eine Frau bittet in einer Fußgängerzone um Almosen. Quelle: dpa
Eine Frau bittet in einer Fußgängerzone um Almosen. Mit den Armen in Europa würden viele Menschen auf der Welt gerne tauschen. Quelle: dpa

 

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224 Euro im Monat sind sehr wenig. Wer damit auskommen muss, gilt in Deutschland als arm. Dennoch möchten Hunderttausende, oder gar Millionen Menschen auf der Welt gerne arm sein. Arm in Deutschland. Sie riskieren mit rostigen Booten auf dem Mittelmeer ihr Leben, um ein Dasein mit 224 Euro zu führen, das nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes nicht einmal „menschenwürdig“ ist. Weswegen Asylbewerber demnächst 336 Euro erhalten werden.

Das Urteil der Karlsruher Richter ist sehr fragwürdig. So fragwürdig wie alles Reden von Armut und menschenwürdiger Existenz im gegenwärtigen Deutschland. Ist die Menschwürde mit Euro und Cent zu erkaufen? Und was heißt überhaupt arm?  Ein durchschnittlicher Deutscher des Jahres 1946 würde die Existenz eines Asylbewerbers oder eines Hartz-IV-Empfängers des Jahres 2012 sicher für alles andere als menschenunwürdig oder ärmlich halten.

Das Statistische Bundesamt definiert jeden als arm, der weniger als 40 Prozent des mittleren Einkommens der Deutschen zur Verfügung hat. Wer bis zu 60 Prozent davon hat, ist „armutsgefährdet“. Nach den Ergebnissen des Mikrozensus 2011 galten demnach Einpersonen-Haushalte mit einem monatlichen Einkommen von weniger als 848 Euro pro Kopf als armutsgefährdet. Das trifft auf immerhin 15 Prozent der Einwohner Deutschlands zu.

Menschen gelten, einer Definition der Europäischen Union zufolge, dann als armutsgefährdet, wenn sie mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung auskommen müssen. Das mittlere Einkommen ist der Wert an der Grenze zwischen ärmeren und reicheren Personen. Vor diesem Hintergrund galten 2011 Einpersonenhaushalte dann als armutsgefährdet, wenn sie ein Monatseinkommen von weniger als 848 Euro hatten. Im Vorjahr waren das noch 826 Euro.

Bild: dpa

Wenn nun ein gütiger Spender über alle Deutschen gleichmäßig verteilt einen Geldsegen niedergehen lassen würde, dann würde das an der Zahl der Armen und Armutsgefährdeten überhaupt nichts ändern. Denn dann stiege ja auch das mittlere Einkommen der Deutschen, also die Größe an der sich die Armut bemisst. Diese statistische Armut verschlimmert sich nach dieser Methode sogar, wenn die Preise und die Einkommen am unteren Ende gleichbleiben, aber die Einkommen am oberen Ende steigen. Wenn also statt mittellosen Asylbewerbern alljährlich zehntausende Multimillionäre nach Deutschland einwanderten, würden die Einheimischen dadurch „ärmer“ – zumindest in der Sicht der Bundes-Statistiker und der Beamten in Ursula von der Leyens Sozialministerium, die den Bericht „Lebenslagen in Deutschland“, alias Armuts- und Reichtumsbericht, verfasst haben. Konsequenterweise müssten dann auch die Verfassungsrichter den Preis dessen, was sie als menschenwürdige Existenz verstehen, nach oben korrigieren.

Verhöhnung tatsächlicher Armut

Der Armutsbericht wird alle vier Jahre veröffentlicht und ist für Sozialpolitiker und Wohlfahrtsorganisationen immer wieder ein großes Ereignis. Denn er bietet ihnen Gelegenheit und gute Argumente dafür, dass ihre Bemühungen notwendig sind – und die finanziellen Ressourcen dafür erhöht werden sollten. Das stärkste Argument dafür ist Armut. Und die ist nach dem Bericht – mal wieder – gewachsen. Nicht, weil mehr Menschen weniger Geld haben, sondern weil die Reichen deutlich reicher geworden sind. Gewachsen ist also nicht die Armut, sondern die soziale Ungleichheit.

Von Armut in Deutschland zu sprechen, ist eigentlich eine Verhöhnung der tatsächlichen, bitteren Armut in anderen Weltgegenden ist es eigentlich ziemlich geschmacklos. Der Bericht in der heute erschienenen WirtschaftsWoche über ausbeuterische Textilunternehmen in Bangladesch bietet zum Beispiel einen kurzen, erschütternden Blick auf tatsächliche, bittere Armut. Wer wissen will, was echte Armut bedeutet, kann aber auch einen älteren Menschen fragen, der noch den Hungerwinter 1946/47 erlebt hat. Damals wussten viele Mütter nicht, wie sie ihre Kinder ernähren sollten. Das war Armut. Wenn heute Menschen sich selbst oder – noch schlimmer – ihre Kinder verwahrlosen lassen, ist das nicht die Folge materieller Not, sondern persönlichen Versagens.

Dass trotzdem von Armut gesprochen wird, ist aber sicher kein Zufall. Denn der Begriff ist emotionaler als "soziale Ungleichheit". Er löst Mitleid aus: Erb“arm“en. Und er ist daher gut geeignet, für die politische Agitation. Sozialpolitiker und die Wohlfahrtsindustrie können nicht wirklich wollen, dass die Armut aus den Statistiken verschwindet. Denn wer die Bekämpfung eines Problems zu seinem Beruf gemacht hat, hat kein Interesse daran, dass das Problem endgültig gelöst wird.

21 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 30.09.2012, 21:33 Uhrsuchtgrueblerxy

    An diesem Artikel könnte man vieles kritisieren, ein Punkt erscheint jedoch besonders krass.
    zitat
    Langfristig hält keine Gesellschaft solch eine Diskrepanz aus zwischen dem offiziösen Anspruch, eine Leistungsgesellschaft zu sein, und der Wirklichkeit einer Rentierswirtschaft.
    Diese Kritik ist unberechtigt. Gerade in diesen Tagen hört man z.B. immer wieder, dass möglichst jeder Bürger privat fürs Alter vorsorgen soll, weil die gesetzliche Rente immer weniger zum Unterhalt beiträgt. Und wer diese Vorsorge erfolgreich betrieben hat, ist nun mal auch Rentier. Je früher und je mehr Rentiers ihren Lebensunterhalt ganz oder teilweise aus Vermögen bestreiten können, umso weniger fallen Sie bei den Wechselfällen des Lebens der Allgemeinheit und dem Sozialstaat zur Last. Der Staat sollte aus diesem Grunde eigentlich in seinem eigenen Interesse für nachhaltig seriöse und geschützte Vermögensanlage sorgen. Die Leistungsgesellschaft würde davon üppig profitieren, weil sie durch die ersparten leistungslosen Ausgaben erheblich höhere Beträge in die Förderung und Gestaltung von mehr Leistungsfähigkeit der Leistungsgesellschaft einbringen könnte.

  • 28.09.2012, 22:43 UhrEr70ausef

    Dennoch möchten Hunderttausende, oder gar Millionen Menschen auf der Welt gerne arm sein. Arm in Deutschland. Sie riskieren mit rostigen Booten auf dem Mittelmeer ihr Leben, um ein Dasein mit 224 Euro zu führen.
    Na da kann man mal sehen wie die, die fürstliche Gelder bekommen so einen Blödsinn zu schreiben denn die auf so rostigen Booten ihr Leben riskieren wissen in ihrem Land ja nur davon das besonders Deutschland reich ist und hoffen darauf an dem Reichtum teilhaben zu können und wenn sie dann 224 € erhalten ist es doch noch ein bisschen mehr als was sie in ihrem Land haben. Ja damit will man wieder von der Wirklichkeit der Armut in Deutschland ablenken von den mehr als 7 Millionen in Armut lebenden oder ist das nicht arm wenn man bei diesem Angebot an Überfluß sich nur die billigsten Lebensmittel kaufen kann, sich kaum mal eine neu Hosen, eine Jacke geschweige denn ein Paar Schuhe kaufen kann. Kein Mal ein Mittagessen in einer Gaststätte einnehmen kann. Nicht ins Theater oder ins Kino gehen. Keine Urlaub hat. Aber wer kann das schon nachvollziehen da doch ein großer Teil fürstliches Einkommen hat und weder über Energie und Gaspreis Erhöhung nachdenken müssen für die auch der Benzinpreis mit 5,00 € noch kein Problem darstellt und auch die ständigen Preiserhöhungen im Supermarkt noch lange kein Problem sind

    Von Armut in Deutschland zu sprechen, ist eigentlich eine Verhöhnung der tatsächlichen, bitteren Armut in anderen Weltgegenden ist es eigentlich ziemlich geschmacklos. Ja das ist geschmacklos und eine Verhöhnung von denen die es wissen und absolut nichts tun nur große Worte machen und gerade Deutschland brauchte im eigenen Land keinen Armut zulassen und könnte auch viel dazu beitragen von dem Überschuss den wir haben anderen Ländern zu helfen auch das was in Deutschland alles in den Müll kommt und die vielen Lebensmittel die vernichtet werden könnten manchen Hunger in den armen Ländern hilfreich sein

  • 27.09.2012, 23:56 UhrArmesEutschland

    Mit dieser Arm-Reich-Debatte wollen die Politiker einen Schuldigen für ihre eigenen Fehler finden und dem Volk zum Fraß vorwerfen.
    Bei diesem Nährboden könnte es gelingen. Man sollte wirklich aus dieser EU auswandern.

    Die Politik hat die Fehler gemacht - und gleich mehrfach wiederholt.
    Trotzdem erhoffen diese Intelligenzbestien ein anderes Ergebnis.
    Es wird alles getan, um die Vereinigten Pleitestaaten Europas zu schmieden. Zahlen soll das der Mittelstand. Die "wirklich" Reichen haben ihr Geld längst außer Landes gebracht. Wer will es Ihnen verdenken?

    In unserem Land läuft so viel schief - und wir haben keine Opposition, welche den Namen verdient. Wir können nur hoffen, dass die Freien Wähler auch außerhalb Bayerns gewählt werden.
    Ansonsten verliert Deutschland alles - zugunsten dieses Kunstprojektes EU.

    Für mich ist das ein Putsch der Politiker gegen das eigene Volk!
    Schaut mal alle bei rottmeyer.de rein. Dort gibt es ein interessantes neues Video von Prof. Schachtschneider!

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