Sozialkassen 2030: Hoffnung für die Rente, Kollaps bei der Gesundheit

AnalyseSozialkassen 2030: Hoffnung für die Rente, Kollaps bei der Gesundheit

von Cordula Tutt

Regierungsgutachter halten die aktuelle Politik der schwarz-roten Koalition bei den Sozialkassen für ungerecht und nicht finanzierbar.

Läuft gut zurzeit. Mehr als 31 Millionen Menschen in Deutschland mit festem Job zahlen in die Sozialkassen. Die Bundesregierung gönnt den Wählern die Rente mit 63, Mütterrente, mehr Leistungen für Kranke, Geld für Gesundheitsprofis und mehr für Pflegebedürftige.

Doch so schön wird es nicht bleiben. Egal wie gut die Wirtschaft läuft – die Zahl der Jüngeren schrumpft, die Älteren werden mehr und länger leben. Das passt nicht in Wahlkampfzeiten, die ein Jahr vor der Bundestagswahl angebrochen sind. Union und SPD versuchen sich bei Versprechen für Rentner zu überbieten.

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Hier grätscht nun der Wissenschaftliche Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums hinein und legt Zahlen vor, wie es in rund 15 Jahren, also 2030, und sogar in knapp 30 Jahren, also 2045, um die soziale Sicherung bestellt sein dürfte. Die Ökonomen mit Regierungsauftrag haben eine eher gute Nachricht und eine, die die Deutschen vor schwere Entscheidungen stellen wird: Sie machen Hoffnung bei der Rente und warnen vor dem Kollaps bei Krankenkassen.

Altersvorsorge: So viel Rente darf der Standardrentner erwarten

  • Zur Prognose

    Die Prognosen beziehen sich auf den sogenannten Standardrentner, der 45 Jahre Beiträge gezahlt und immer das Durchschnittseinkommen der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten verdient hat. Die angegebene Bruttostandardrente versteht sich vor Steuern. Das Sicherungsniveau vor Steuern gibt das Verhältnis der Renten im Vergleich zum Durchschnittseinkommen der beitragszahlenden Beschäftigten abzüglich der durchschnittlichen Sozialversicherungsbeiträge an.

     

    Quelle: Rentenversicherungsbericht 2015, Deutsche Rentenversicherung Bund, Stand: November 2015

     

  • 2010

    Beitragssatz zur GRV: 19,9 %

    Bruttostandardrente: 1224 Euro monatlich

    Sicherungsniveau vor Steuern: 51,6 %

  • 2016

    Beitragssatz zur GRV: 18,7 %

    Bruttostandardrente: 1372 Euro monatlich

    Sicherungsniveau vor Steuern: 47,7 %

  • 2020

    Beitragssatz zur GRV: 18,7 %

    Bruttostandardrente: 1517 Euro monatlich

    Sicherungsniveau vor Steuern: 47,6 %

  • 2025

    Beitragssatz zur GRV: 20,4 %

    Bruttostandardrente: 1680 Euro monatlich

    Sicherungsniveau vor Steuern: 46,0 %

  • 2029

    Beitragssatz zur GRV: 21,5 %

    Bruttostandardrente: 1824 Euro monatlich

    Sicherungsniveau vor Steuern: 44,6 %

Ihre Vorhersage deckt sich mit dem, was am Mittwoch von Bundessozialministerin Andrea Nahles (SPD) bekannt wurde. Wenn niemand bei der Rente etwas ändert, zahlen gesetzlich Versicherte 2030 rund 22 Prozent ihres Lohnes dafür ein, Ruheständler bekommen etwa 44,5 Prozent ihrer vorigen Bezüge heraus. Gerechnet wird hier mit einem „Eckrentner“, jemand der 45 Jahre durchschnittliche Beiträge zahlte. 2045, wenn die Zahl der älteren noch gestiegen sein wird, zahlen die Jüngeren aber schon etwa 23,5 Prozent des Einkommens in die Rente, die Senioren schaffen nur noch 42,5 Prozent Rentenniveau. Mit solchen Zahlen wird schon mal Angst geschürt, vor allem unter Älteren, die fürchten, kein auskömmliches Leben mehr führen zu können.

Doch der Beirat von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) gibt Entwarnung. Die meisten würden nicht von Armut getroffen, wenn die Politik etwas umsteuere. Nur bei Langzeitarbeitslosen, bei Menschen, die wegen einer Krankheit oder Behinderung nur eingeschränkt arbeiten könnten sowie bei kleinen Selbstständigen müsse die Regierung für mehr Absicherung sorgen.

Die Ökonomen geben einen einfachen Rat für die Rente: Alle 15 Jahre steige die Lebenserwartung um drei Jahre, rechnet Rentenexperte Axel Börsch-Supan vom Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik vor. Zwei Jahre davon sollten die Menschen länger arbeiten, ein Jahr hätten sie dann länger Rente. „Da wird niemand etwas weggenommen“, argumentiert Börsch-Supan. Er weiß, dass sich kein Politiker mit Forderungen nach einer Rente mit 68, 69 oder 70 beliebt macht, und betont lieber die länger gezahlte Pension.

Die Rentenversprechen - Was die Parteien vorhaben

  • CDU / CSU

    CSU-Chef Horst Seehofer hatte die jüngste Rentendebatte angestoßen mit der Äußerung, dass die Riester-Rente gescheitert sei und die Kürzung des Rentenniveaus die Hälfte der Bevölkerung in die Sozialhilfe führen würde. Doch ist das nicht Unionslinie. Der Unionsmittelstand fordert sogar eine Stärkung der Riester-Rente. Nach allem, was man hört, könnte die Union im Wahlkampf für ein behutsames Nachsteuern beim Rentenniveau eintreten. Das Verhältnis von Einkommen zur Rente soll wohl doch nicht auf 43 Prozent sinken können, so wie derzeit bis 2030 erlaubt. Die Union will wohl auch die Eigenvorsorge stärken. Diskutiert wird, den Bürgern ein Einheitsprodukt anzubieten.

  • SPD

    SPD-Chef Sigmar Gabriel will verhindern, dass die Renten sich zu stark vom Einkommen abkoppeln. Menschen mit kleinem Lohn dürften im Alter nicht reihenweise auf Sozialhilfe angewiesen sein. Im Wert der Rente spiegelt sich für Gabriel auch der Wert der Arbeit. Doch die Reformagenda 2010, die auch die Rente bezahlbar halten sollte, dürfte die SPD nicht komplett zurückdrehen. Die öffentlich geförderte private Zusatzvorsorge abschaffen will die SPD auch nicht. Man will sich aber mehr um das Wohl älterer Arbeitnehmer kümmern.

  • LINKE

    Um Renten armutsfest zu gestalten, soll nach dem Willen der Partei das Rentenniveau von heute 48 Prozent wieder auf das Niveau vor den Rentenreformen der vergangenen Jahre steigen - auf 53 Prozent. Niemand dürfe nach 40 Beitragsjahren mit einer Rente über Grundsicherung abgespeist werden.

  • GRÜNE

    Auch die Grünen wollen, dass die Rente vor Altersarmut schützt. Sie sprechen von einem Rentenniveau von nicht unter 46 Prozent. Geringe Rentenanwartschaften sollen mit einer steuerfinanzierten Garantierente aufgewertet werden. Die rund 2,3 Millionen Selbstständigen ohne obligatorische Alterssicherung sollen verpflichtend in der Rentenversicherung aufgenommen werden.

  • FDP

    Die Liberalen wollen flexiblere Renteneintritte möglich machen und Hinzuverdienstgrenzen neben dem Rentenbezug aufheben. Sie treten dafür ein, bei der Grundsicherung im Alter einen Freibetrag für Einkommen aus privater und betrieblicher Altersvorsorge nicht anzurechnen. FDP-Chef Christian Lindner schlug die Zusammenlegung der Grundsicherung im Alter mit der Rente vor.

  • AfD

    AfD-Parteichef Jörg Meuthen hatte eine Rente nach Schweizer Modell vorgeschlagen - dort gibt es drei Säulen: die gesetzliche Rentenversicherung, eine kapitalgedeckte Arbeitnehmerversicherung und geförderte Anlagen in private Rentenversicherungen.

Börsch-Supan will noch eine zweite Änderung: „Wir empfehlen eine automatische  Anpassung.“ Die Schweden machten erfolgreich vor, wie das Rentenalter automatisch an die steigende Lebenserwartung angepasst werde. Nach dem Modell der Ratgeber im Wirtschaftsministerium würde das Rentenniveau so nur gering auf 46 Prozent sinken und ab 2036 sogar steigen, wenn geburtenschwache Jahrgänge in Ruhestand gehen.

Nicht so gute Botschaften hat der Wissenschaftliche Beirat für die gesetzliche Krankenversicherung, bei der immerhin knapp neun von zehn Deutschen versichert sind. Die Kassen verlangen zurzeit im Schnitt 15,7 Prozent des Bruttolohns. 2040 könnte der Anteil auf happige 24,5 Prozent steigen. Das ist die mittlere Annahme, die die Wissenschaftler für realistisch halten, wenn die Politik nichts ändert.

Zu wenig Wettbewerb zwischen den Kassen, zu viele Krankenhäuser, zu viele Leistungen und wenig Effizienz, meckern die Gutachter übers Gesundheitswesen. Vor allem neue wie sehr teure Krebstherapien dürften zudem bald die Kosten nach oben treiben, ist Gesundheitsexperte Friedrich Breyer von der Uni Konstanz sicher.

Der Rat, damit die Krankenversicherung bezahlbar bleibt: „Wir dürfen nicht mehr jede neue Therapie als Kassenleistung übernehmen“, sagt Breyer. Bisher müssten neue Medikamente und Behandlungen nur belegen, dass sie einen Zusatznutzen zum Bisherigen hätten. „Den Nutzen werden wir aber künftig ins Verhältnis zu den zusätzlichen Kosten setzen müssen.“ Nicht mehr alles sei bezahlbar – vor allem neuartige Krebstherapien seien sehr teuer. „Wir sollten als Gesellschaft lieber schon jetzt mit einer Diskussion beginnen, was uns Gesundheit wert ist und was die Allgemeinheit noch bezahlen soll.“ Das geschehe in Ländern wie Großbritannien längst. Dort werde festgelegt, wie teuer eine Therapie sein darf, die Beschwerden lindert oder gar das Leben rettet.

Soweit sind viele Menschen in Deutschland eher noch nicht. Ökonom Börsch-Supan appelliert derweil an Politiker, in der Zwischenzeit nichts zu tun, was die Jüngeren noch mehr belastet. Sein Appell an die Wahlkämpfer von Union und SPD: „Keine teuren Dummheiten machen! Die lassen sich vor Wahlen gut verkaufen, aber sie werden langfristig sehr, sehr teuer.“

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