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Sozialleistung: Betreuungsgeld für Hartz-IV-Empfänger ökonomisch überflüssig

von Cornelia Schmergal

Union und FDP basteln an einem Kompromiss, der politisch für Ruhe sorgt. Ökonomisch überflüssig bleibt die neue Sozialleistung trotzdem.

Die Hartz-IV-Reform ist das Aufreger-Thema seit dessen Einführung zum 1. Januar 2003. Ein Jahr später, 2004, wird Hartz IV zum Wort des Jahres gekürt. Die Reform wird vom Boulevard mal als Kahlschlagsgesetz gebrandmarkt ("So schlimm ist Hartz IV wirklich"), mal als Grundlage des neuen deutschen Wirtschafts-Wunders gewürdigt. Gerne aufgegriffen werden aber auch Betrugs-Geschichten oder Gerechtigkeitsdebatten, wie bei diesem Ausriss der Bild-Zeitung von 2010.

Nein, langweilig wird es mit diesem schwarz-gelben Bündnis nicht. Zumindest dann nicht, wenn es darum geht, voneinander unabhängige Politikideen zu einem großen Prä-Koalitionsrunden-Verhandlungspaket-Klumpatsch zusammenzurühren. Im November wollen die Spitzen von Union und FDP wieder tagen. Dieses Mal im Klumpatsch-Programm: Die CSU will ein neues, hochumstrittenes Betreuungsgeld durchsetzen. Das will die FDP nicht.

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Oder nur, wenn dafür im Gegenzug die Praxisgebühr abgeschafft wird. Auch die CDU-Frauen wollen das Betreuungsgeld nicht. Oder nur, wenn dafür ältere Frauen bei der Rente besser gestellt werden. Damit hadert wiederum die FDP. Sie will durchsetzen, dass Geringverdiener, die privat vorgesorgt haben, ihre Ersparnisse im Alter bis zu einer bestimmten Höhe nicht auf die Grundsicherung anrechnen müssen. Schon politisch hat das Betreuungsgeld damit jetzt irgendwie mit der privaten Altersvorsorge zu tun, auch wenn der Bogen reichlich weit ist. Beide Themen dürften auf der Tagesordnung des nächsten Koalitionsausschusses stehen.

Auch rein faktisch wollen Union und FDP Betreuungsgeld und Altersvorsorge verknüpfen, wie aus Koalitionskreisen verlautet. Anders als bislang geplant (und von CSU-Chef Horst Seehofer ursprünglich lautstark erhofft), sollen auch Hartz-IV-Empfänger vom geplanten Betreuungsgeld in Höhe von 150 Euro monatlich profitieren. Allerdings werden sie die Leistung nicht in bar erhalten. Sie können das Geld entweder in einen Riester-Vertrag oder in Vorsorge für künftige Bildungskosten investieren.

Tücken des Betreuungsgeldes

Auch Eltern, die nicht Arbeitslosengeld II erhalten, können das Betreuungsgeld für das Alter ansparen statt es sich überweisen zu lassen. Als Anreiz erhalten sie 15 Euro obendrauf. Dieser Kompromiss stammt eigentlich schon von Ende September. Aber erst jetzt macht er Schlagzeilen. Und wieder einmal zeigt er die Tücken des überflüssigen und unsinnigen Betreuungsgeldes.

Es ist ordnungspolitisch nicht zu begründen, warum man Eltern monatlich 150 Euro dafür überweisen sollte, dass sie eine staatliche Leistung nicht in Anspruch nehmen. So ganz überzeugt war wohl auch die Koalition von ihrer Wahnsinnsidee nicht, sonst hätte sie wohl kaum sogleich erwogen, die Gründe anzuzweifeln, die hinter jedem Antrag auf das Betreuungsgeld stehen würden – und Unterschiede zu machen zwischen jenen, die bewusst zu Hause bleiben und dafür länger aus dem Job aussteigen, und allen anderen, die ohnehin keine Wahl haben.

Finanziell unabhängige Eltern sollten die Leistung bekommen. Hartz-IV-Empfänger nicht. Sie hätten die Leistung auf ihre Grundsicherung anrechnen müssen.

Dafür gibt es gute Gründe. Etwa die Logik des Sozialsystems. Auch das Kindergeld wird mit den Hartz-IV-Sätzen verrechnet. Und auch vom Elterngeld profitieren Hartz-IV-Empfänger nicht. Würde der Staat ihnen Betreuungsgeld auszahlen, wäre eine neue Diskussion über das Lohnabstandsgebot die Folge gewesen.

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Würden sie aber umgekehrt gar nicht profitieren, hätte die SPD eine neue Gerechtigkeitsdebatte eröffnet und der Koalition unterstellt, sie wolle Langzeitarbeitslose zu Eltern zweiter Klasse abstempeln. Beides wäre der Koalition im nahenden Wahlkampf höchst ungelegen gekommen.

Dass auch Hartz-IV-Empfänger von der neuen Sozialleistung profitieren sollen, wenn sie das Geld sogleich in die private Altersvorsorge stecken, mag der bestmögliche politische Kompromiss sein. Ökonomisch betrachtet bleibt das Betreuungsgeld eine vollkommen überflüssige Leistungsausweitung, auf die die Koalition besser verzichten sollte.

2 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 22.01.2013, 12:22 UhrMaier

    Ob "Hartz IV" wirklich "faul" macht, möchte ich nicht beurteilen. Von der Hand zu weisen ist diese Begrifflichkeit aber nicht. Beispiel: Mein Mann - Generation "ü 40" hat einen Realschulabschluß sowie eine abgeschlossene Lehre als Kfz-Mechaniker zzgl. Zusatzausbildungen. Obwohl der Tarif der IGM eigentlich sehr gut ist, verdiente er bei einer vertraglich vereinbarten 45-Stunden-Woche, die meist noch überschritten wird, lediglich 1.600,-- Euro brutto. Davon kann eine vierköpfige Familie in Deutschland (Raum Stuttgart) beileibe nicht existieren. Aber leider kann man sich seine Arbeitsstellen heute in den Ballungsgebieten kaum noch aussuchen. Als er seinen Chef, der für ihn während der Probezeit vom Staat noch 50% Zuschuss zu diesem Dumpinglohn erhalten hat, auf die finanzielle Situation ansprach, war er draußen. Fazit: ausgebildete Facharbeiter verdienen in Deutschland deutlich unter Hartz IV (das liegt bei einer vierköpfigen Familie inkl. Wohngeld bei ca. 1.600,-- Euro), der Staat unterstützt das Lohndumping noch durch großzügige Bezuschussung an die einstellenden Firmen, zahlt darüber hinaus an den Arbeitenden noch Sozialleistungen in Höhe von mehreren hundert Euro, denn Arbeit soll sich ja lohnen, und wundert sich, dass die Einen, Ungelernten, "hartzen" zum Beruf erklären, und er selbst zum Anderen pleite geht. Hauptsache, die Statistiken stimmen, denn jeder arbeitende Bürger, vom Ein-Euro-Jobber bis Krösus, taucht in der Arbeitslosenstatistik nicht als solcher auf. Hurra! - S. Maier

  • 20.10.2012, 07:15 UhrJoselyn

    Frau Merkel und Co haben Deutschland zu einem Billiglohnland werden lassen durch die Dumpinglöhne und Zeitarbeit. Unternommen dagegen wurde nichts, von keiner Partei. Wirtschaft und Industrie sind zufrieden und haben mehr Geld übrig zum "Spenden" und für ihre eigenen Taschen. Die wollen gar keine Facharbeiter in großen Mengen, die können ja mehr Gehalt verlangen als jemand, der in dem Beruf nicht ausgebildet ist.

    Die Kehrseite ist, dass die Bevölkerung kein Geld mehr hat zum konsumieren und durch die Minilöhne auch nur Ministeuern in die Kassen gezahlt werden.

    Immer mehr Menschen werden und sind arbeitslos oder erhalten nur Minimallöhne. Wir haben 1,5 Millionen arbeitslose Jugendliche, bereits jetzt gehen 120.000 Rentner arbeiten, weil sie sich mit ihrer Rente nicht einmal den Lebensunterhalt sichern können.

    Second Magazine vom 08.04.12:
    Aufgrund des Artikels (Thema Arbeitslosigkeit in Deutschland) hatten wir eine tiefergehende Analyse vorgenommen, und wir kamen zu dem Schluss, das darf doch nicht wahr sein:
    5,4 Millionen Menschen empfangen ALG I+II. (Statistisches Bundesamt)
    8,8 Millionen Menschen ernähren sich unterhalb des Mindestlohnes (DGB 14.03.12)
    18 Millionen Menschen bekommen Geld zur Grundsicherung (Statistisches Bundeamt)
    nicht weniger als 32 Millionen Menschen haben im Monat weniger als 400,00 €. Das lässt sich auch nicht mit den immer wieder gefälschten Zahlen beschönigen.

    Es gibt also genug Menschen in Deutschland, die mittlerweile von wenig Geld leben müssen. Was ist eigentlich mit dem Gleichbehandlungsgrundsatz ? Es darf nicht wahr sein, dass Hartz IV Empfänger diese Leistung nicht erhalten sollen.

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