Sozialstaat: Der Aufschrei der Hartz-IV-Aufstocker

KommentarSozialstaat: Der Aufschrei der Hartz-IV-Aufstocker

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Cornelia-Schmergal

von Cornelia Schmergal

1,3 Millionen Menschen müssen ihre Niedriglöhne mit Hartz IV aufbessern, titeln die Zeitungen. Wirklich? Warum die Zahlen täuschen. Ein Kommentar von WirtschaftsWoche-Reporterin Cornelia Schmergal.

Was für ein Aufschrei. Mehr als eine Million Beschäftigte kämen mit ihrem Lohn nicht aus und müssten nebenbei Hartz IV beziehen, so die Nachricht des Tages. Im Jahr 2009 haben 1,325 Millionen Bürger Arbeitslosengeld II bekommen, obwohl sie ganz oder teilweise berufstätig waren. Und diese „Aufstocker“ seien ein Beleg dafür, dass die soziale Spaltung im Lande zunehme.

Vielleicht sollte man das Wort „Aufstocker“ demnächst einfach abschaffen. Denn es vermittelt einen völlig falschen Eindruck. So sieht es inzwischen übrigens auch die Bundesagentur für Arbeit (BA), die sich vergebens müht, Entwarnung in Sachen sozialer Spaltung zu signalisieren. Bei den Aufstockern handele es sich nämlich mitnichten um „Vollzeitbeschäftigte, deren Lohn nicht ausreicht, um auf dem soziokulturellen Existenzminimum zu leben“, teilte die BA mit. Schon das Wort Aufstocker suggeriere, es müsse etwas Größeres (nämlich der Lohn), mit etwas Kleinerem (nämlich staatlicher Stütze) aufgestockt werden.

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Hartz IV plus Minijob

In Wahrheit liegt der Fall allerdings meist genau anders herum, wie der Blick in die Statistik zeigt. Die meisten  der 1,325 Millionen Aufstocker leben vom Arbeitslosengeld II und verdienen sich nebenbei etwas dazu. Ihr Job hilft ihnen also, etwas besser leben zu können – und nicht etwa schlechter. Mehr als die Hälfte der Aufstocker (insgesamt also mehr als 600.000 Betroffene) verdient nicht mehr als 400 Euro nebenbei, übt also nur einen Mini-Job aus. Beinahe jeder Fünfte achtet darauf, nicht mehr als 100 Euro im Monat zu verdienen – das ist genau jene Summe, die ein Hartz-IV-Empfänger nebenbei verdienen darf, ohne seine staatlichen Leistungen zu mindern.  Von Ausbeutung kann da keine Rede sein. Zieht man noch die Teilzeit-Beschäftigten, die Auszubildenden und die Selbständigen ab, bleiben in der Statistik gerade mal 300.000 echte Vollzeit-Beschäftigte, die ihren Lohn aufstocken müssen.

Natürlich muss man die Frage stellen, woher diese 300.000 Vollzeit-Aufstocker eigentlich kommen. Mal angenommen, sie alle hätten zuvor einen gut bezahlten, regulären Arbeitsplatz gehabt. Ihre Chefs hätten sie inzwischen aber verdonnert, zu viel geringeren Löhnen zu arbeiten, weil die Steuerzahler den Rest des Einkommens ohnehin irgendwie aufstocken – dann wäre das tatsächlich eine menschenverachtende Subventionierung und der Aufschrei völlig berechtigt. Allerdings: Dass diese These ein Massenphänomen sein könnte, dafür gibt es in der Statistik keinen einzigen Beleg. Eher liegt der Schluss nahe, dass es sich um jene Menschen handelt, die nach längerer Arbeitslosigkeit wieder den Einstieg in einen Job gefunden haben. Und denen ein mäßig bezahlter Job daher erst einmal lieber ist als gar keiner. 

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