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Sozialstaat: SPD und Union drehen Reformen zurück - und belasten den Arbeitsmarkt

von Cornelia Schmergal (Berlin)

Ausgerechnet in der schwersten Wirtschaftskrise fallen Wahlkampf und steigende Arbeitslosigkeit zusammen. SPD und Union drehen unzählige Reformen zurück und belasten den Jobmarkt mit einer schweren Hypothek.

Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit in Deutschland
Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit in Deutschland

Sie kamen zu Hunderten. Mit dem Sonderzug waren aufgebrachte Conti-Beschäftigte aus Frankreich nach Hannover gefahren, um ihren deutschen Kollegen zu zeigen, was eine echte Demonstration ist. Gegen Werksschließungen, gegen Kündigungen. Echte französische Demonstranten, direkt aus dem Mutterland des Volkszorns — quelle horreur. Die Polizei hatte sich gewappnet und am Bahnhof Hunderte Zettelchen verteilt. „Das Abbrennen von Reifen ist verboten“, stand darauf zu lesen. Auch auf Französisch, sicherheitshalber.

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Am Ende waren die Proteste dann doch ziemlich deutsch. Die Arbeiter stellten sich in ordentlichen Reihen auf und hielten Schilder hoch, auf die sie „Gegen Sozial-Kahlschlag“ gepinselt hatten. Als maximale Provokation bauten die Gewerkschafter einen Stapel aus Reifen auf — und zündeten ein Grillfeuerchen darauf an. Garantiert windgeschützt. Es blieb ruhig in Hannover. Und doch will Bruno Hickert, Konzernbetriebsratschef bei Continental, Eskalationen nicht ausschließen. „Arbeitsplatzverluste schüren Ängste“, sagte er am Rande der Proteste, und Ängste führten irgendwann zu Reaktionen.

Allerdings sind die Reaktionen in Deutschland milde. Nicht eine Gewerkschaft ruft zu Massenprotesten auf. Nicht eine Belegschaft setzt ihre Manager fest oder verwüstet ganze Büros, so wie etwa in Frankreich. Und wenn Michael Sommer, der Republik oberster Gewerkschafter, und Gesine Schwan, der Sozialdemokratie streitbare Präsidentschaftskandidatin, nicht ein wenig Vorwahlgetöse veranstaltet hätten, wäre von sozialen Unruhen vielleicht nie die Rede gewesen. Noch herrscht Ruhe im Lande. Nur in Berlin ist die blanke Arbeitsmarkt-Panik ausgebrochen: In Parteizentralen und Ministerien grassiert die Angst vor der Fünf-Millionen-Marke.

Die größte Rezession in der Geschichte der Republik fällt ausgerechnet mit dem Wahlkampf zusammen. Längst hat die Bundesregierung alle Prognosen revidiert und schätzt nun, dass die Wirtschaft 2009 um sechs Prozent einbrechen wird. Über eine Million Menschen könnten in der Krise ihren Job verlieren. In diesem Herbst schon, vielleicht genau zur Wahl, wird die Zahl der Arbeitslosen wieder über die Vier-Millionen-Marke klettern. Im nächsten Jahr könnten gar fünf Millionen Arbeitslose gezählt werden. Und auf keinen Fall will sich die Politik vorwerfen lassen, sie habe nicht genug dagegen getan.

Arbeitslose als Wahlkampfthema

Der Arbeitsmarkt, so viel ist klar, wird den Wahlkampf bestimmen. Vor allem fürchtet sich die Koalition davor, dass verängstigte Gewerkschafter und Linksaktivisten kurz vor der Wahl zu Massenprotesten aufrufen könnten. Jedes Aufbegehren soll daher im Vorfeld betäubt werden — mit sozialen Wohltaten. Wahlium für das Volk.

Die Reformwut der Gerhard-Schröder-Ära ist vorbei. Nun wird zurückgedreht, was das Zeug hält. Den Aufschlag machte Bundessozialminister Olaf Scholz, als er am vergangenen Montag 20 Millionen Rentnern und potenziellen Wählern erklärte, er schließe Rentenkürzungen aus. Für immer. Zuvor hatten Wirtschaftsinstitute gemahnt, da die Löhne in der Krise schrumpften, müsse 2010 auch die Rente sinken. Ob diese Rechnung überhaupt stimmt, zweifelt das Ministerium zwar an. Aber prophylaktisch kann man ja schon mal Milde walten lassen.

Das Procedere hat System. Rentenkürzungen? Nun für alle Zeiten verbannt. Kurzarbeitergeld? Wird vermutlich noch einmal verlängert. Arbeitslosengeld? Soll nach dem Willen der Koalition künftig leichter zu bekommen sein. Hartz-IV-Empfänger? Dürfen schon bald vermutlich mehr Erspartes behalten. Für solche Wohltaten würden die Abgeordneten sogar ihren Sommerurlaub unterbrechen und im Juli oder August zu einer Sondersitzung des Bundestages anreisen.

8 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 06.05.2009, 01:33 UhrAnonymer Benutzer: Geiselnehmer der Manager

    Tja Frau Schmergel, die SPD fragt sich noch immer, weshalb der Rückhalt bei den Menschen sinkt. Nun, da fragen Sie den Kanzler der bosse. Er und seine Agenda 4713 sind die Ursachen. Sie und das neoliberale Klientel glauben ja, daß uns die Agenda den Aufschwung gebracht hat. Sicher glauben Sie auch noch, daß der Klapperstorch die Kinder bringt. Schlimm ist es auch nicht, wenn Unternehmen Kurzarbeit anmelden obwohl es genügend Arbeit gibt. Das nennt man Mitnahmeeffekt oder bETRUG. Aber das ist ja längst nicht so schlimm wie die Hartz iV Schmarotzer, die den Sozialstaat zu grunde richten !!! Wie war das doch gleich mit staatlichen Verkaufsgarantie für die Versicherungswirtschaft = Riesterrente. Dumm wer so ein Vertrag besitzt, vielleicht auch noch mit einem Akiten-Fonds... Ach ja, wie war das doch gleich mit der Krise? Die brandstifter (Asmussen, Weber etc.) spielen jetzt Feuerwehr.

  • 05.05.2009, 23:09 UhrAnonymer Benutzer: Orpheus

    Wartet nur einmal bis jene, die gefeuert werden oder schon arbeitslos sind, in die Hartz4-Falle geraten. Viele wird es treffen, trotz Kurzarbeit. Dann könnte es mit dem Frieden vorbei sein und sich die Angstträume des Wirtschaftsestablishments erfüllen. bisher war Arbeitslosigkeit und Hartz4 das Problem der anderen....

  • 05.05.2009, 22:50 UhrAnonymer Benutzer: ich vergesse

    nie dieses eine Zeitungsfoto von Herrn Schröder und Herrn Hartz
    zusammen im Profil (linke Gesichtshälften).
    Als aufmerksamer bahnfahrer in einer Metropolregion sehe ich wie sich Deutschland verändert.
    Die etablierten deutschen Listen- Politiker müssen sich ernsthaft
    um die Zweitstimmen ihrer deutschen bürger ohne Migrations-
    hintergrund Gedanken machen.
    Demokratie, gut dass wir sie seit 60 Jahren haben, in guten wie
    in sclechten Zeiten.

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