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Soziologe Hartmut Häussermann: "Ghettos gibt es in Deutschland nicht"

von Dieter Schnaas und Christopher Schwarz

Der Soziologe Hartmut Häussermann über die soziale Spaltung in den Städten, das Ende des Hausfrauenmodells und die Renaissance der City.

Hartmut Häussermann ist einer der renommiertesten deutschen Stadtforscher Quelle: dpa
Hartmut Häussermann ist einer der renommiertesten deutschen Stadtforscher Quelle: dpa

WirtschaftsWoche: Herr Häussermann, die Stadt der Neuzeit war stets ein Versprechen auf Freiheit, politische Emanzipation und wirtschaftlichen Wohlstand. Neuerdings jedoch sprechen Stadtforscher wie Sie von der Krise der Städte. Was meinen Sie damit?

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Hartmut Häussermann: Dass die Stadt heute nicht mehr eine sichere Heimat für alle ist. Das war in den Sechziger-, Siebzigerjahren anders. Damals hatten alle noch eine Beschäftigung. Es war eine Zeit wachsender Einkommen und wachsender Steuereinnahmen für die Städte. Die soziale Marktwirtschaft war der Grundkonsens der Bundesrepublik, Ludwig Erhard sprach von der „formierten Gesellschaft“, in der jeder seinen Platz finden sollte. Damals gab es noch einen sozialen Wohnungsbau, der Familien eine Wohnqualität sicherte, die sie aus ihrem Lohneinkommen nicht bestreiten konnten. Städtepolitisch hatte das eine ungeheuer integrative Wirkung.

Und seit es kein Wachstum und keinen sozialen Wohnungsbau mehr gibt, geht es mit den Städten bergab?

Die Städte waren seit Mitte des 19. Jahrhunderts damit beschäftigt, die ungebildeten, unqualifizierten Massen, die vom Land in die Stadt strömten, aufzunehmen – ein Prozess, der bis weit ins 20. Jahrhundert hineinreichte und dank des wirtschaftlichen Wachstums nach dem Zweiten Weltkrieg auch gut gelang. Das Resultat war die Verbürgerlichung des Proletariats. Heute hat sich die Arbeitsmarktsituation grundlegend verändert. Fabrikarbeitsplätze, die gering Qualifizierten gute Löhne bescherten, gibt es in den Städten kaum mehr. Viele Menschen wurden arbeitslos; ein großer Teil wird nicht mehr gebraucht. Diese Leute werden in Marginalquartiere abgedrängt, an den sozialen Rand der Stadt. Die Stadt ist damit keine Integrationsmaschine mehr. Das nennen wir die Krise der Stadt.

Und der soziale Wohnungsbau kann die urbane Krise nicht abfedern?

Einen sozialen Wohnungsbau gibt es – von wenigen Ausnahmen abgesehen – seit 20 Jahren nicht mehr. Und die Privatisierung des Wohnungsbaus hat in Verbindung mit der Einführung des Niedriglohnsektors und steigender Arbeitslosigkeit dazu geführt, dass immer mehr Menschen die Marktmieten in vielen Quartieren nicht bezahlen können. Das schlägt sich sozialräumlich nieder. Denn wo wohnen die? In Gegenden, die von denen, die es sich leisten können, gemieden werden. Faktisch läuft das auf eine soziale Ausgrenzung hinaus.

Woran erkennt man diese Randquartiere?

Man erkennt sie an den Langzeitarbeitslosen, an den Hartz-IV-Empfängern, an den vielen Migranten, an der sichtbaren Ärmlichkeit, an einer durch sinkende Kaufkraft langsam verwahrlosenden Infrastruktur. Man findet in diesen Vierteln Resterampen und Billigmärkte, Gruppen von Alkoholikern, herumlungernde Jugendliche, Alte, die in Mülleimern  stöbern – und Straßenzüge, denen man sofort ansieht: Hier herrscht Armut. So etwas gab es in den Sechzigerjahren nicht.

Erleben wir eine Rückkehr zu getrennten städtischen Wohlstands- und Elendsquartieren wie im 19. Jahrhundert?

In gewisser Weise schon. Auch damals gab es keine staatliche Wohnungspolitik und eine stark ausgeprägte soziale Absonderung. Heute erleben wir das Gleiche – allerdings längst nicht so krass wie damals. Der gesellschaftliche Reichtum ist unvergleichlich größer, wir haben einen Sozialstaat, der immer noch ganz gut funktioniert. Aber wir haben eben auch eine wachsende Zahl von Leuten, die auf Transferleistungen angewiesen und ganz konkret davon bedroht sind, dauerhaft abgehängt und abgedrängt zu werden.

Ist diese Beschreibung nicht ein wenig übertrieben? Bereits in den Sechzigerjahren war von einer Krise der Städte die Rede. Schon damals hieß es, dass Stadt und Umland sich polarisieren...

...ja, und dass in der Stadt nur die A-Gruppen zurückbleiben, also die Armen, Alten, Arbeitslosen und Auszubildenden – und dass die anderen, staatlich gepäppelt mit Eigenheimzulagen und Pendlerpauschalen, ins Umland ziehen, ins Reihen- oder Einfamilienhaus. Es stimmt, ja: Die Städte haben schon damals Manifeste veröffentlicht: Rettet die Städte jetzt! Und der deutsche Städtetag hat immer gewarnt: „Wir gehen zugrunde. Die, die Einkommenssteuer zahlen gehen raus, und wir bleiben auf denen sitzen, die Geld kosten.“

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19 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 23.04.2010, 15:21 UhrAnonymer Benutzer: Friedrich Engels

    Schon Marx hat in seinem Hauptwerk, Mdas Kapital, am Ende von bd.1 von der "ursprünglichen Akkumulation" geredet. Dies bedeutet verkürzt, das Menschen von ihren kleinen besitztümern auf dem Land vertrieben, nicht mehr in Subsistenz und eigenbestimmter Wirtschaft leben durften Sie wurden von Großgrundbesitzern vertrieben, die etwa im damaligen England das Land für große Schafherden benötigten. Die Menschen sind nicht freiwilig und in eigenem, freudigen Entschluss in die Städte gegangen. Dort fanden sie sich dann wieder, als ein Mittel, auf ihre alleinige Arbeitskraft reduziert, die in den Fabriken dringend benötigt wurde. Das war kein natürlicher Prozess, sondern ein gemachter und gesteuerter. Das Wachstum der Städte ist kein Heils-bringende und positive Entwicklung, sondern eine Niedergangsform der Menschheit, begründet auf Unfreiheit, Ausbeutung, Vernützung und Lohnsklaverei. Da kann man schönreden wie man will, Häusserman verschweigt Quellen und historische Fakten, wie das halt heute unter affirmativen Wissenschaftlern eben Gang und Gäbe ist.

  • 20.04.2010, 16:29 UhrAnonymer Benutzer: Städtischer Boden und Erbbaurecht

    Gut, der Soziologe beschreibt die soziale Wirklichkeit in den Städten.

    Doch woher kommen eigentlich leer stehende Wohungen bei gleichzeitiger Obdachlosigkeit?

    Der - wörtlich - tiefere Grund liegt in unserer (kapitalistischen) bodenordnung und den damit verbundenen Realkredit ("abgesicher" über Hypotheken).

    Das Recht auf Privateigentum wird fälschlicherweise auch auf das Gut "bODEN" ausgedehnt. Der boden ist nun einmal "vom lieben Gott" gemacht und deshalb ein Gemeingut und keine Ware.

    Leider mangelt es in den Städten an diesem bewusstsein und daraus sich ergebenden Konsequenzen. Das Gemeingut bODEN sollte deshalb in Städten und Gemeinden vorwiegend in Form des kommunalen Erbbaurechtes zur privaten Nutzung gegen Erbbauzinsen genutzt bzw. bewirtschaftet werden.

    Mit den Einnahmen aus dem kommunalen Erbbaurecht können Städte und Gemeinden die sozioökonomischen Verwerfungen eindämmen - und langfristig sogar eliminieren. So ist es denkbar, dass die Einnahmen aus den Erbbauzinsen pro bürgerin in Form eines kommunalen Grund-Einkommens ausgezahlt werden. Damit könnte sich Stadtbewohner die durchschnittliche Miete leisten. Segregation müsste es nicht länger geben.

    Also die hohen bodenpreise bzw. die damit korrespondierenden hohen Mieten sind das Problem und die darin verborgene boden-Rente. Statt sozialem Wohnungsbau brauchen wir eine soziales bodenrecht in Form des Erbbaurechtes bzw. einer reinen bodenwert-Steuer auf bundesebene.

    Auf dieser Grund-Lage kann man Städte in sozialer Hinsicht bauen - für ein wirklich gutes, urbanes Leben.

    Mehr dazu unter:

    http://sffo.de/sffo/bodordg1.htm

    L.P. Häußner, Karlsruhe

  • 20.04.2010, 14:16 UhrAnonymer Benutzer: wolfgang

    wenn ich die kommentare so lese, dann soll der staat es richten. sozialer wohnungsbau um nur das meist zitierte bsp. zu nennen.
    wenn es den sozialen wohnungsbau noch geben würde wer soll dann investieren. die anderen? warum nicht selbst? geht schon mit einem kleinen invest. den rest bringen dann die mieter, oder nicht? oder soll der staat die wohnungen bauen. bitte selbst investieren und dann vermieten, als über die höheren mieten zu jammern. dann lernt man auch die andere seite kennen und das bild wird sicher ganz schnell ein anderes. und was mir bei den beiträgen fehlt ist die selbstverantwortung. nicht der staat hat für mich zu sorgen, letztendlich bin ich selbst für mich verantwortlich.

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