Soziologie: Renaissance der Bürgertugenden

InterviewSoziologie: Renaissance der Bürgertugenden

von Dieter Schnaas und Christopher Schwarz

Der Soziologe Heinz Bude über die bürgerliche Sehnsucht nach Größe, das Vorbild der Musterbürger zu Guttenberg, van der Leyen und Müntefering sowie die Verunsicherung der Mitte.

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Heinz Bude

WirtschaftsWoche: Karl-Theodor zu Guttenberg ist der „Mann des Jahres“, verehrt als Tugendrepräsentant und bürgerlicher Held. Ist das nicht eine ungeheure Ironie der Geschichte? Einst vertrieben die Bürger die Fürsten von ihren Schlössern – heute steht ihnen ausgerechnet ein Freiherr Modell.

Bude: In gewisser Weise haben Sie recht. Aber vergessen Sie nicht, dass der Bürger immer auch ein Adliger im Kleinformat ist. Alle bürgerlichen Begriffe von Würde und Ehre sind letztlich adeliger Herkunft. Im Wunsch, ein Bürger zu sein, steckt die Vorstellung, dass es etwas gibt, was über die pure Selbstbewahrung und das bloße Durchkommen hinausreicht.

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Hat ein Bürger also auch etwas Paternalistisches an sich?

Warum nicht? Ich glaube, ein bisschen „liberaler Paternalismus“ würde uns heute guttun. Das wäre ein Paternalismus, der uns Bürgern sagt: Ihr führt euer Leben nach eigenen Vorstellungen, das ist wunderbar, wir schätzen das sehr – aber trotzdem lassen wir euch nicht allein, wenn einmal etwas schiefgeht.

Tony Blair und Gerhard Schröder haben das einmal den „Dritten Weg“ genannt.

Es geht immer wieder darum, aus der Falle zwischen Sozialismus und Liberalismus herauszukommen. Der „liberale Paternalismus“ vermeidet einerseits den schnellen Ruf nach dem Staat, der alles richten soll – und andererseits die Herzlosigkeiten des Neoliberalismus, der den Schwachen schulterzuckend bedeutet, dass sie nicht stark genug sind. Ich glaube, die Zeit ist heute reif dafür.

Und Guttenberg wird in dieser Zeit deshalb zu einer Identifikationsfigur, weil er es eigentlich gar nicht nötig hätte, sich ums Ganze zu kümmern?

So ist es. Guttenberg führt erstens die Bedeutung des Familienmotivs vor Augen, er ist zweitens bereit, ständischen Zeichen Ausdruck zu verleihen – etwa in der Art, wie er sich anzieht –, und er setzt sich drittens fürs Allgemeine ein. Mit dieser Dreiheit ist er die Idealbesetzung für eine gesellschaftliche Mitte, die etwas darstellen will. Der Bürger will auf keinen Fall als Kleinbürger erscheinen.

Kleinbürger – das wären dann die Steuerflüchtlinge, die Faulpelze, die Gier- und Geizhälse, die „Masters of the Universe“, die sich selbst für die Größten hielten?

Vom französischen Soziologen Luc Boltanski stammt der Gedanke: Wenn Sie eine Gesellschaft verstehen wollen, müssen Sie danach fragen, was für die Leute Größe ist. Im Neoliberalismus war Größe die Siegessicherheit des Erfolgs – und dieser Erfolg war wichtiger als die Leistung. Heute geht es in der Mitte darum, eine neue Idee von Größe zu entwickeln. Sie hat viel mit Reputation zu tun, mit Anerkennung – und mit der Idee eines exemplarischen Lebens. Für den amerikanischen Schriftsteller Philip Roth besteht das bürgerliche Streben darin, ein Leben von Bedeutung führen zu wollen.

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