KommentarSPD: Die alte Tante im Fieber

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WirtschaftsWoche-Reporterin Cornelia Schmergal

Der dramatische Wahlverlust der SPD stürzt die Genossen in tiefe Depression. Ein Kommentar von WirtschaftsWoche-Redakteurin Cornelia Schmergal.

Die Genossen hatten es geahnt: Dieses Wahlergebnis sollte desaströs werden. Daher wollte niemand im Willy-Brandt-Haus in der ersten Reihe stehen, direkt vor den Objektiven dutzender  Fernsehkameras, als .um18 Uhr die erste Hochrechnung über die Bildschirme flatterte. Nur Claus Matecki blieb standfest. Der Spitzengewerkschafter, Mitglied im DGB-Vorstand, trotzte den Objektiven und ließ sich tapfer abfilmen. Und so flackerte über die Monitore das Bild eines entsetzten Genossen, der seine Erschütterung nicht verbergen konnte: Künftig wird die Republik schwarz-gelb regiert.

Partei ist ins Mark erschüttert

Man hatte mit einer Niederlage gerechnet in der SPD. Lange schon waren auch gestandene Wahlkämpfer davon ausgegangen; dass der künftige Kanzler gewiss nicht Frank-Walter Steinmeier heißen werde. Ein Bündnis von Union und FDP gelte es zu verhindern, lautete am Ende das Motto. Auf 28 Prozent hatte die SPD nach letzten Umfragen der Vorwahlwoche gehofft, mit 25 Prozent hatte die Parteispitze noch in ihren letzten Gesprächen am Wahlnachmittag gehofft. Dass es in den ersten Prognosen dann nur rund 23 Prozent wurden, hat die Partei ins Mark erschüttert.

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Totenstille herrschte in der Parteizentrale, als die erste Hochrechnung bekannt wurde. Wenn man von gelegentlichen laut gezischten Flüchen und Verwünschungen einmal absieht.  Dass es so schlimm werden sollte, hat selbst die Pessimisten in der Parteizentrale umgehauen. Mit rund 23 Prozent fuhr die SPD das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte in der Bundesrepublik ein. Nur  im Jahr 1953, mitten in der Ära Adenauer, hatte die SPD noch schlechter abgeschnitten. Damals erreichte sie 28,8 Prozent. Das hätte die SPD im Jahr 2009 als satten Erfolg gewertet.

Konsternierte Gesichter bei der SPD

Entsetzte Gesichter bei den Quelle: dpa

Entsetzte Gesichter bei den Anhängern der SPD: Das historisch schlechteste Ergebnis trifft die Partei mitten ins Mark

Bild: dpa

Wer am Abend mit Vertretern der Parteispitze sprach, blickte in konsternierte Gesichter. Die SPD hatte ein Desaster erlebt, das die Partei an diesem Abend schlicht überforderte.

Es gibt eine Reihe von Erklärungsansätzen für die sozialdemokratische Katastrophe. Man habe die Unentschlossenen nicht mobilisieren können, heißt  es aus dem Wahlkampfteam. Man hätte die Erfolge der SPD in der großen Koalition besser erklären müssen, heißt es in der Parteispitze. Man hätte die Rente mit 67 zurück drehen müssen, heißt es aus dem Gewerkschaftslager. Am Ende fehlte der SPD wohl vor allem eines: eine glaubwürdige Machtoption. Weil die SPD jede Kooperation mit der Linkspartei im Bund ausschloss, die FDP aber nicht mit der Sozialdemokratie koalieren wollte, blieb als Idee für die SPD nur die Fortsetzung  der ungeliebten großen Koalition – oder  der Gang in die Opposition.

Nun also stellt sich die SPD darauf ein, die Oppositionsbänke im Bundestag zu übernehmen.

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