
wiwo.de: Das Zentrale Thema des Ärztetages heißt Rationierung. Bekommen gesetzlich Versicherte hierzulande nicht mehr die medizinischen Leistungen, die sie dringend brauchen?
Lauterbach: In unserem System gibt es Über-, Unter- und Fehlversorgung gleichzeitig. Vor allem haben wir Überversorgung: So röntgen wir die Patienten zum Beispiel doppelt so häufig wie unsere europäischen Nachbarn. Wir haben Krankenhausbetten im Überfluss, jedes vierte Bett ist hierzulande leer. Herzkatheter-Untersuchungen werden bei uns mehr als doppelt so häufig durchgeführt im Vergleich zum EU-Durchschnitt. Außerdem gehen die Menschen extrem oft zum Arzt. Mit rund 550 Millionen Arztbesuchen im Jahr liegen unsere Patienten mit Österreich an der EU-Spitze. Insofern finde ich es völlig absurd, wenn die Ärztefunktionäre nun fordern, Krankheiten nach Dringlichkeit zu klassifizieren und eine Debatte über Rationierung führen wollen.
"Kirche im Dorf lassen"
Dennoch haben viele Versicherte das Gefühl, an ihnen würde gespart. Die Ärzte wollen nun, dass dies nicht zufällig und willkürlich geschieht, sondern „Regeln" für das Sparen entwickeln. Ist das eine so schlechte Idee?
Ja, denn erst einmal sollten wir prüfen, wo gespart werden kann. Jetzt ganz aktuell bauen wir eine gigantische Überversorgung mit Anlagen für die Protonen-Therapie für Krebspatienten auf. So ein Gerät kostet über 100 Millionen Euro. Hier werden mehr Geräte angeschafft, als alle unsere EU-Nachbarn zusammen haben, obwohl der Nutzen gar nicht wissenschaftlich erwiesen ist. Solange so viel Geld verschwendet wird, weigere ich mich, über gezielte Rationierung zu reden. Und so lange die Ärztefunktionäre nicht bereit sind, über die Überversorgung zu reden, ist das alles doch eine Scheindebatte.
Bestreiten Sie, dass es versteckte, schleichende Rationierung überhaupt gibt?
Nein, das bestreite ich ja gar nicht. Es gibt zwei Bereiche, in denen ganz klar Unterversorgung herrscht: Zum einen gibt es viele Spitzenmediziner, insbesondere an Uni-Kliniken, die den gesetzlich Versicherten nicht zur Verfügung stehen, weil sie sich lieber den Privatpatienten widmen. Gesetzlich Versicherten sind da Versicherte zweiter Klasse. Um dieses Problem zu beheben, müssten sie gesetzliche und private Versicherung verschmelzen. Und zum anderen gibt es Engpässe bei Hausärzten und Kinderärzten in ländlichen Regionen und bestimmten Ballungsgebieten. Das hat etwas damit zu tun, wie die Ärzte untereinander die Honorare verteilen. Haus- und Kinderärzte kommen da zu kurz.
Die Ärzte klagen nach wie vor darüber, dass sie zu wenig Geld bekommen. Zu recht?
Nein. Die Ärzte bekommen einen Zuwachs von mehr als drei Milliarden Euro. Und dass die Honorar-Reform nicht gelungen ist, daran sind die Mediziner selbst schuld, sie haben das System schließlich entwickelt. Die neuen Verteilungsregeln sind mangelhaft: Sie bestrafen Ärzte, die sich viel Zeit für die Patienten nehmen, mit ihnen reden, sie gründlich untersuchen. Sehr leistungsfähige Spezialpraxen werden durch das neue System benachteiligt. Aber unter dem Strich ist genug Geld da. Die Ärzte sollten bedenken, dass wir mitten in einer schweren Wirtschaftkrise stecken. Hunderttausende Menschen werden ihren Arbeitsplatz verlieren. Ärzte dagegen sind nicht von Arbeitslosigkeit bedroht. Die Mediziner sollten also die Kirche im Dorf lassen.










