SPD: „Mehr als ein Selbstbesäufnis unter Genossen“

SPD: „Mehr als ein Selbstbesäufnis unter Genossen“

, aktualisiert 08. Februar 2017, 15:01 Uhr
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Die Zeit „vor Martin“ ist bei den Genossen vorbei – die Partei ist im Umfragehoch.

von Heike AngerQuelle:Handelsblatt Online

Seit der Nominierung von Martin Schulz als Kanzlerkandidat steigen die Umfrage für die SPD in ungeahnte Höhen. Das erstaunt selbst Werbeguru Frank Stauss, der es ablehnte, mit der SPD in den Wahlkampf zu ziehen.

BerlinDas alles sei „absurd“ und eine „wahnsinnige Veränderung“, findet Werbeguru Frank Stauss. Noch Anfang des Jahres sei die Frage gewesen, wie düster die Bundestagswahl für die SPD ausgehe. Jetzt drehe sich plötzlich alles darum, wie stark die SPD werde. „Bei über 30 Prozent bist Du im Spiel um den ersten Platz“, meint der erfahrene SPD-Wahlkämpfer.

Tatsächlich fällt seit der Nominierung von Martin Schulz als Kanzlerkandidat eine Umfrage für die SPD besser aus als die andere. Am Mittwoch etwa wurden Zahlen von Forsa bekannt, nach denen die SPD erstmals seit Ende 2012 wieder über 30 Prozent steigt.  So gewinnen die Sozialdemokraten im Vergleich zur Vorwoche weitere fünf Prozentpunkte, steigen von 26 auf 31 Prozent und verkürzen damit den Rückstand zur CDU/CSU auf drei Punkte. Die Union liegt jetzt nach der Forsa-Umfrage bei 34 Prozent. Ein Punkt weniger als in der Vorwoche. In einer Umfrage von Insa, die am Montag veröffentlich wurde, hatte die SPD die Union sogar überholt.

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Frank Stauss, Mitinhaber der Kommunikationsagentur Butter und Bestsellerautor von „Höllenritt Wahlkampf“, wird die SPD zwar nicht im Rennen um das Kanzleramt begleiten. Ende letzten Jahres verkündete er, nicht zur Verfügung zu stehen. Dass hält den bekennenden Sozialdemokraten dennoch nicht davon ab, die Lage für die Partei kritisch zu analysieren.  

„Ich habe mir ernsthafte und große Sorgen um die SPD gemacht“, bekennt Stauss in einem Podcast für das Kampagnen-Blog „Zielgruppenfernes Verhalten“. Denn: „Ich habe es in der Konstellation vor Martin für möglich gehalten, dass sie in Existenznot gerät.“

„Vor Martin“, das meint die Zeit, bevor Martin Schulz als SPD-Kanzlerkandidat und neuer Parteichef nominiert wurde. Die Zeit, in der die SPD in den Umfragen über Monate bleiern zwischen 20 und 23 Prozent lag. Das meint die Zeit unter SPD-Chef Sigmar Gabriel, der lange mit sich rang, ob er selbst die Kanzlerkandidatur übernehmen will.

Nun also „Zeit für Martin Schulz“, wie der SPD-Slogan lautet. Für Stauss ist da „Dynamik“ drin. Die SPD habe in der Regierung vieles umsetzen können, etwa den Mindestlohn, mehr Lohngerechtigkeit für Frauen und Männer oder eine Geschlechterquote für Aufsichtsräte. „Es fehlte aber der Repräsentant, der das auch glaubwürdig und nach vorne gerichtet vermitteln konnte“, meint Stauss. Martin Schulz erfülle die Sehnsucht nach einer starken Stimme, die für das moderne Deutschland spreche. „Bundeskanzlerin Merkel steht für eine gewisse Stabilität, aber auch Stagnation und Schulz für einen Aufbruch“, sagt der Stratege.


Steilvorlage Nordrhein-Westfalen

„So heftig, wie das in den letzten Tagen abgelaufen ist, habe ich das noch nicht gesehen“, sagt auch Kajo Wasserhövel, der unter SPD-Chef Franz Müntefering die Bundestagswahlkämpfe 2005 und 2009 leitete. Er fühlt sich an die Schlussphase des Wahljahres 2005 erinnert, als Kanzler Gerhard Schröder die Wahl gegen seine Herausforderin Angela Merkel auf den letzten Metern fast noch für sich entschied. „Damals kam in eine über längere Zeit betonierte Stimmungslage Bewegung“, sagte Wasserhövel der Nachrichtenagentur Reuters. Das sei nun ähnlich. Von einem Strohfeuer geht er nicht aus: „Das ist schon eine fundamentale Veränderung der Stimmungslage.“

Auch Stauss sieht in den Umfragen derzeit „viel Bewegung“. Es kehrten Wähler zurück, die bislang die SPD nicht wählen wollten, weil ihnen der Vorsitzende nicht gefiel. Die SPD werde auch für grüne Wähler attraktiv, weil sich die Grünen mit ihrem „Schlafwagen-Duo“ aus Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir selbst aus dem Rennen genommen hätten.

„Das kann ein Momentum entwickeln, von dem wir derzeit noch gar nicht absehen können, wo das hinführt und wie lange es anhält“, meint Stauss. Dass es sich um einen „Starthype“ handelt, glaubt der erfahrene Wahlkämpfer nicht: „Die Umfragen sind ja kein reines Selbstbesäufnis unter Genossen.“ Der langjährige Wahlkampfleiter Wasserhövel verweist zudem auf den Wert der Umfragen für die Motivation der Wahlkämpfer: „Da wird sehr, sehr viel Kraft gerade frei.“

Doch bis zur Bundestagswahl am 24. September ist es noch etwas hin. Stauss empfiehlt der SPD, neben der sozialen Gerechtigkeit auch den „Zukunftsaspekt“ stärker zu fokussieren. Die Partei sei immer am besten gewesen, wenn sie sich als Fortschrittspartei profiliert habe. Das sei etwa mit Willy Brandt und „mehr Demokratie wagen“ der Fall gewesen, aber auch mit Schröder und seinem „Feuerwerk an Reformen“.  

Stauss selbst organisiert derzeit den SPD-Wahlkampf für die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Die Wahl am 14. Mai gilt als kleine Bundestagswahl. „Ich bin gespannt, ob wir eine Steilvorlage hinbekommen“, sagt Stauss.  

Quelle:  Handelsblatt Online
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