
Es ist Sonntag in Püttlingen, einem kleinen Ort am Rande von Saarbrücken. Püttlingen, das ist sozialdemokratische Diaspora, tiefschwarz und katholisch. Biedere Einfamilienhäuser, steingewordene Eigenheimzulage, umgeben von geschwungenen Tälern. In der Barbarahalle, am Fuße des Püttlinger Wäldchens, lässt sich die örtliche SPD ihr Frühlingsfest dennoch nicht vermiesen. Vielleicht, weil die Politik sich heute vornehm im Hintergrund hält. Jo Leinen ist da, der frühere saarländische Umweltminister, der jetzt für die SPD im Europa-Parlament sitzt. Auch Denise Klein, die Bürgermeisterkandidatin der SPD, tritt auf. Beide stellen sich am 7. Juni zur Wahl. Aber Wahlkampf? Sieht eigentlich anders aus. Knapp 200 Genossen beklatschen eine Kindermodenschau, sondieren das Angebot des Schmuckhändlers in der Hallenecke – und plündern die Kuchentheke.
Ein Tag später, Saarbrücken. Im Filmhaus in der Mainzer Straße hat Oskar Lafontaine zur Pressekonferenz geladen. Der Presseaufmarsch zur Vorstellung seiner Wahlwerbespots hält sich in Grenzen, Lafontaine nimmt es gelassen. An den Kinowänden hängen Schwarz-Weiß-Bilder von Filmlegenden. Etwa von James Dean, was durchaus etwas hat – denn auch bei der Kandidatur von Oskar Lafontaine für das Amt des saarländischen Ministerpräsidenten fragen sich viele: Ob er weiß, was er tut? Für den 30. August, den Tag der Landtagswahl, prophezeit er „ein Kopf-an-Kopf-Rennen“. Die zuletzt schlechter gewordenen Umfrageergebnisse tut Lafontaine ab: „Damit wird doch nur Politik gemacht.“
Stimmung besser als Lage
Bei der SPD und der Linkspartei an der Saar ist es ein bisschen wie im ganzen krisengeschüttelten Land: Die Stimmung ist deutlich besser als die Lage. Tatsächlich geht es um mehr als nur um Kuchen und Parolen. Nach dem spektakulären Scheitern von Rot-Rot-Grün in Hessen könnte hier – kurz vor der Bundestagswahl und mithilfe der Grünen – das erste Linksbündnis in einem westdeutschen Flächenland an die Macht kommen. Und das in einem Land, das selten im Mittelpunkt steht. Saarländische Ministerpräsidenten regieren nur knapp eine Million Einwohner und müssen deshalb mit dem Spott leben, sie seien doch nur bessere Oberbürgermeister. Dafür aber dürfen sie mitreden und mitbestimmen in der großen Bundespolitik.
Davon träumt auch Oskar Lafontaine, von 1985 bis 1998 Ministerpräsident für die Saar-SPD, der jetzt unter knallroter Flagge gegen seine alten Genossen antritt – und der Linkspartei im Westen bislang unerreichte Umfragewerte beschert. Für die Saarländer geht es damit nicht nur um das neue Verhältnis von links und links, sondern auch um die Frage, wie die Sozialdemokraten mit dem Fleisch von ihrem Fleische umgehen.
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