Standort Deutschland: Der Preis der Arbeit steigt

Standort Deutschland: Der Preis der Arbeit steigt

, aktualisiert 10. März 2016, 16:24 Uhr
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Die Arbeitskosten sind 2015 gestiegen – um 2,6 Prozent pro geleistete Arbeitsstunde.

Quelle:Handelsblatt Online

Die Arbeitskosten legen in Deutschland schneller zu als im EU-Vergleich. Das liegt nicht zuletzt an höheren Lohnnebenkosten. Hilft der Preisauftrieb der Binnenkonjunktur oder schadet er dem Standort Deutschland?

BerlinDie Arbeitskosten in Deutschland sind im vergangenen Jahr deutlich stärker gestiegen als in den beiden Vorjahren. Pro geleistete Arbeitsstunde legten sie um 2,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu. Besonders kräftig fiel das Plus mit 3,1 Prozent bei den Lohnnebenkosten aus – der größte Anstieg seit dem Jahr 2010. Die Bruttoverdienste kletterten um 2,5 Prozent, einen stärkeren Zuwachs hatte es zuletzt 2012 gegeben. Hier dürften sich vor allem die Auswirkungen des gesetzlichen Mindestlohns zeigen.

Für den europäischen Vergleich liegen bisher nur die Daten von 27 der 28 EU-Staaten bis zum dritten Quartal 2015 vor. Demnach sind die Arbeitskosten in Deutschland verglichen mit dem Vorjahreszeitraum um 2,4 Prozent gestiegen. Das Plus liegt damit deutlich über dem EU-Durchschnitt von 1,8 Prozent. Die größten Steigerungen gab es mit jeweils mehr als sieben Prozent in Lettland, Bulgarien und Rumänien. Sinkende Arbeitskosten verzeichneten auf Jahressicht Portugal, Slowenien, Zypern, Italien und Luxemburg. Deutschlands wichtiger Handelspartner Frankreich musste mit 1,1 Prozent ein geringeres Kostenplus verkraften, die Niederlande verzeichneten eine stagnierende Entwicklung.

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Dass die Arbeitskosten im Durchschnitt der EU nur um 1,8 Prozent und der Euro-Zone nur um 1,1 Prozent gestiegen sind, ist für das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) ein Beleg für weiter akute Deflationsgefahr. Deutschland habe sich nicht dazu verleiten lassen, in einen Unterbietungswettlauf mit wirtschaftlich schwächeren Ländern einzusteigen, sagte IMK-Arbeitsmarktexperte Alexander Herzog-Stein. „Damit leistet die stärkste Volkswirtschaft Europas einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung in Europa“, sagte der Ökonom.

Selbst wenn man die Lohnstückkosten zugrunde lege, die die Produktivitätsentwicklung berücksichtigten und deshalb aussagekräftiger seien, gebe es in Deutschland keinen Grund zur Sorge, schreiben die IMK-Forscher. Die Lohnstückkosten hätten sich 2015 mit zwei Prozent konform zum EZB-Inflationsziel entwickelt. In der langfristigen Entwicklung zwischen 2000 und 2015 lägen sie mit einem Plus von einem Prozent im Jahresdurchschnitt zudem weit unter dem Mittel im Euro-Raum. Unter dem Strich habe die Entwicklung von Löhnen und Arbeitskosten im vergangenen Jahr die Binnennachfrage gestärkt, ohne die sehr hohe internationale Wettbewerbsfähigkeit zu dämpfen, sagte der Wissenschaftliche Direktor des IMK, Gustav A. Horn.


Arbeitgeber warnen vor „Höhenflügen“ in der Tarifrunde

Eine andere Rechnung macht das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) für die Industrie auf: Die sehr hohen deutschen Arbeitskosten würden nicht durch eine entsprechende Produktivität ausgeglichen, warnen die Forscher. Deshalb seien von 1991 bis 2014 die industriellen Lohnstückkosten in Deutschland um durchschnittlich 0,5 Prozent pro Jahr gestiegen – im Ausland dagegen um 0,1 Prozent gesunken.

So warnt etwa der Arbeitgeberverband Gesamtmetall vor „Höhenflügen“ in der laufenden Tarifrunde, in der die IG Metall fünf Prozent mehr Entgelt für die 3,8 Millionen Beschäftigten der Branche verlangt. Die Konkurrenz in Frankreich könne schon heute mit nur 92 Prozent, in Tschechien und Polen sogar mit nur rund einem Fünftel der westdeutschen Arbeitskosten kalkulieren.

Dass das Plus hierzulande zuletzt wieder kräftiger ausgefallen ist, hat nach Einschätzung des IMK neben den Tariflohnerhöhungen auch mit der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns von 8,50 Euro pro Stunde Anfang 2015 zu tun. Wie das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung untersucht hat, sahen im Januar 2016 nur noch drei Prozent von rund 4.500 Vergütungsgruppen aus 40 Branchen und Wirtschaftszweigen Stundenlöhne von weniger als 8,50 Euro vor. Dank einer Ausnahmeregel im Gesetz können Branchen mit allgemeinverbindlich erklärten Tarifverträgen noch bis Ende dieses Jahres vom Mindestlohn abweichen. Davon haben die Branchen Landwirtschaft/Gartenbau, Textil- und Bekleidungsindustrie, Leih-/Zeitarbeit und Wäschereidienstleistungen Gebrauch gemacht. Vor allem in Ostdeutschland liegen die untersten Tarifentgelte hier zum Teil noch unter 8,50 Euro pro Stunde.

Bei Einführung des Mindestlohns Anfang 2015 sahen noch sechs Prozent der Vergütungsgruppen Stundenlöhne unter 8,50 Euro vor, Ende 2013 lag der Anteil bei zehn Prozent, Anfang 2010 bei 16 Prozent. Die positive Entwicklung der vergangenen Jahre habe sich fortgesetzt, sagte der Leiter des WSI-Tarifarchivs, Reinhard Bispinck. „Der gesetzliche Mindestlohn hat sich so als wirkungsvolle Untergrenze und als Stütze der Tarifpolitik erwiesen.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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