Standort-Politik: NRW auf dem Weg zur globalen Drehscheibe

05. Juni 2008
Kreative Ökonomie im Innenhafen von DuisburgBild vergrößern
Kreative Ökonomie im Innenhafen von Duisburg
von Andreas Große-Halbuer

Die Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen brummt, das Land wird zur Drehscheibe der Globalisierung. Jetzt will die Landesregierung den Standort international besser vermarkten.

Es kommt nicht alle Tage vor, dass der Ministerpräsident eines ostdeutschen Bundeslandes beim Chef einer 40-Mann-Bude in Nordrhein-Westfalen durchklingelt und fragt: „Hätten Sie Lust, mit Ihrem Unternehmen zu uns zu kommen? Wir bieten Ihnen umfangreiche Fördergelder.“ Von dieser Begebenheit erzählt der Ingenieur und Gründer Ahmet Lokurlu so beiläufig wie darüber, dass seine Sekretärin jetzt eine größere Vitrine für die vielen Preise besorgen musste, die Lokurlu gewonnen hat. Ständig wird er eingeladen, viele wollen sich mit ihm schmücken. Klar, er freut sich über den Rummel. „Doch das alles“, sagt Lokurlu, „kostet so viel Zeit.“

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Und davon hat der Aachener einfach nicht genug. Lokurlu, ein Deutscher türkischer Abstammung, formt gerade aus einem sehr simplen Gedanken ein sehr zukunftsträchtiges Unternehmen. Alles begann mit einem Sonnenbrand, während eines Strandurlaubs im türkischen Alanya, wo er schmerzhaft an die Kraft der Sonne erinnert wurde. Der junge Ingenieur überlegte, wie er die Sonnenenergie in Kälte umwandeln könne – und entwickelte ein Kollektorensystem, das Wasserdampf erzeugt sowie einen Wärmetauscher antreibt. Das Ganze funktioniert wie ein Kühlschrank, nur in viel größerem Maßstab. Und ohne Strom.

Lokurlus Unternehmen, Solitem, kann sich nun vor Anfragen nicht retten. Gerade die sonnenverwöhnten Südländer interessieren sich für die energiesparende Technologie, die sich etwa für große Hotels eignet. Auch die nordrhein-westfälischen Landespolitiker freuen sich über Lokurlu und bedachten ihn vor wenigen Wochen mit einem Landes-Förderpreis.

Erfolgsgeschichten wie diese sollen das Image des Industrie-Standorts NRW verbessern. Das mit 18 Millionen–Einwohner –Bundesland will nicht länger dauer-kriselnder Montanriese sein, sondern mit High Tech und hochspezialisierten Dienstleistungen punkten. „Der Strukturwandel“, sagt Wirtschaftsministerin Christa Thoben (CDU), „hat als Klagemauer ausgedient.“

Das sagt sich leicht. Aber die Voraussetzungen sind günstig. NRW hat sich in einem Kraftakt von der Subventionslast des Bergbaus befreit und wird die Steinkohleförderung spätestens 2018 einstellen; bisher sind 130 Milliarden Euro Subventionen in diese Branche geflossen. Hinzu kommt, dass die Wirtschaft brummt, die Steuern sprudeln, die Auftragsbücher der Unternehmen gefüllt sind. 2007 schnitt NRW mit einem Plus von 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erstmals seit Jahren besser ab als Gesamtdeutschland. Zugleich sank die Zahl der Arbeitslosen um knapp 160.000, die Arbeitslosenquote ging binnen Jahresfrist von 10,7 auf neun Prozent zurück. „Nordrhein-Westfalen“, sagt der Volkswirt Roland Döhrn vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen, „hat sich spürbar erholt und besser entwickelt als gedacht.“

Vor allem der Maschinenbau treibt das Wachstum; die Produktion stieg 2007 um 17 Prozent. Die nordrhein-westfälischen Maschinen- und Anlagenbauer können die Masse von Aufträgen aus aller Welt kaum bewältigen. Das gilt nicht nur für die Hersteller von Energiegewinnungsanlagen, Turbinen und Bergwerkmaschinen, die vom  weltweiten Rohstoff-Boom profitieren, sondern auch für die Produzenten aufwendiger Chemieanlagen.

Beispielhaft dafür ist das Dortmunder Traditionsunternehmen Uhde. Für den Anlagenbauer, der inzwischen zum ThyssenKrupp-Konzern gehört, war 2006/07 das erfolgreichste Geschäftsjahr der 87-jährigen Unternehmensgeschichte: höchster Jahreszuwachs an Aufträgen (84 Prozent), höchster Auftragsbestand (2,7 Milliarden Euro), höchster Mitarbeiterbestand (4400). „Wir rechnen zwar nicht damit, dass sich solche Steigerungen wiederholen werden“, sagt Uhde-Geschäftsführer Klaus Schneiders, „aber die Zahl der Aufträge wird sich auf sehr hohem Niveau einpendeln.“

Die weltweit 4400 Mitarbeiter arbeiten an der Kapazitätsgrenze, um ihre Auftraggeber, staatliche Petrochemie-Unternehmen im Mittleren Osten, zufriedenzustellen. Uhdes Exportquote liegt bei 90 Prozent. Das Unternehmen baut Anlagen, mit denen sich aus Erdöl Grundstoffe wie Polyethylen gewinnen lassen, die im Verpackungsmaterial jeder Shampoo-Flasche und jeder Plastiktüte enthalten sind.

Im Vergleich zu den ewigen Musterländern Baden-Württemberg und Bayern hat Nordrhein-Westfalen einen Wettbewerbsvorteil. Die internationale Finanzkrise und der daraus resultierende Nachfragerückgang in den USA treffen den deutschen Süden stärker. Die großen Autobauer Daimler, BMW und Porsche sind auf die Nachfrage aus den Vereinigten Staaten angewiesen. Die NRW-Unternehmen hingegen sind eher auf den schnell wachsenden Märkten Chinas, Russlands und Indiens überdurchschnittlich stark vertreten. „Das Land“, urteilt RWI-Forscher Döhrn, „wird perspektivisch von den Schwerpunkten des globalen Wachstums begünstigt.“

Die Landesregierung will nun vor allem kleinen und mittelständischen Unternehmen ausländische Märkte schmackhaft machen. Die neu gegründete Landestochter NRW International, ein Zusammenschluss von Land, Handels- und Handwerkskammern, unterstützt nordrhein-westfälische Betriebe bei der Auslandsexpansion. Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) hat seit seinem Amtsantritt vor drei Jahren gleich 17 internationale Dienstreisen absolviert. Mal trifft er sich mit Kaliforniens Regierungschef Arnold Schwarzenegger, um eine Hollywood-Filmproduktion mit Michelle Pfeiffer nach Köln zu holen. Mal reist er nach Budapest, um den wirtschaftlichen Austausch von NRW und Ungarn zu forcieren. Auch Wirtschaftsministerin Christa Thoben schleust in Serie Unternehmerdelegationen ins Ausland, während Innovationsminister Andreas Pinkwart (FDP) grenzüberschreitende Wissenschaftskooperationen einfädelt und seine Hochschulen zur Internationalisierung antreibt.

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Kommentare | 2Alle Kommentare
  • 07.06.2008, 01:03 UhrMichael

    Eine wohlwollende interpretation. Die ausländischen Direktinvestitionen sind z.b. deswegen in bayern im Vergleich geringer da a) bayern gut 1/3 weniger Einwohner hat - das relativiert sich also deutlich zu gunsten der bayern - und b) in bayern äußerst viele Großkonzerne aber auch "New Economy"-Unternehmen sitzen. Und das ganz ohne die beschriebene Extra-Förderung wie im Osten. Diese organische Stärke ist es, die bayern auch in Zukunft zum attraktivsten Standord in der Republik machen wird. im übrigen, Arbeitslosigkeit von nun 9% im Vergleich mit 4% in bayern bei erheblich höherer Kaufkraft. Oder ein etwas bildhafter Vergleich: Opel kommt aus NRW, bMW aus bayern. So ist auch die restliche Wirtschaft strukturiert. Dazu kommt dass bayern nicht nur innovationsstark ist und viel Dienstleistung beherbergt sondern einen sehr vitalen industriellen Kern hat der stark mit der dortigen Hochschullandschaft verzahnt ist. Das alles macht den Erfolg aus, dazu die schöne Landschaft und die hohe Lebensqualität die es erheblich einfacher Macht die HiPotentials aus aller Welt anzuwerben - wer will dagegen schon nach NRW? Selbst Köln ist für jene Spezialisten aus dem Ausland da wenig attraktiv. ich setze derzeit stark auf bayrische Unternehmen, aktuelle Verkaufszahlen von z.b. bMW geben mir da recht.

  • 05.06.2008, 15:12 Uhrckastrup

    Schade, dass mit Nordrhein-Westfalen - auch in diesem Fall - zum Großteil das Ruhrgebiet und die Rheinschiene verbunden wird. Ostwestfalen, gerade mit seinem Schwerpunkt Maschinenbau, trägt auch maßgeblich zum Erfolg und Aufschwung des Landes bei.

    Gut finde ich den Kommentar zu Richard Floridas Ansichten, die bei Regional- und sogar Kommunalpolitikern derzeit en vogue sind. Positiver Effekt dieser "Mode" ist aber meiner Meinung nach, dass sich politische Regionen zunehmend auch als gesellschaftliche Regionen verstehen und mehr Menschen ansprechen als zuvor. Denn wie gesagt - wer will nicht zur kreativen Klasse gehören oder in einer entsprechend kreativen Region leben?

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