Stephans Spitzen: Das Herz schlägt links - wenn der Verstand schläft

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Herzschlag vorhanden! Doch funktioniert auch der Kopf?

Kolumne von Cora Stephan

Linke Politik gilt als warm und menschlich. Liberalismus als kalt und herzlos. Die intellektuellen Nebelwerfer der Bevormundung haben ganze Arbeit geleistet.

Warum ist links, „wo das Herz schlägt“, also warm und gut, liberal hingegen kühl, „verkopft“ und irgendwie unmenschlich? Das kommt einem beim Blick in die Geschichte nicht nur unlogisch, sondern geradezu herzlos vor.

Sozialistische Experimente in der Sowjetunion, in China, in Korea oder Kambodscha haben Millionen an Menschenopfern gekostet, und immer noch gilt die „Idee“ als irgendwie richtig, auch wenn die Ausführung zu wünschen übrig ließ? Und was ist „warm“ am Marxismus, an diesem grauen hochaufgetürmten Theoriegebäude, das nur mit erheblichem Abstraktionsvermögen, aber gewiss nicht mit menschlicher Wärme zu erfassen ist? Was ist „fortschrittlich“ an einem linken Dogmatismus, der keinen abweichenden Gedanken zulässt?

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Und warum müssen Liberale sich das Prädikat „mitfühlend“ zulegen – weil es ihnen niemand glaubt, wenn sie es nicht extra erwähnen? Ja, den Liberalen fehlen die „Pathosformeln“ (Rainer Hank) – positiv formuliert: sie werfen nicht mit Nebelkerzen.

Der olle Spruch „Wer mit 20 nicht links war, hat kein Herz, wer es mit 30 immer noch ist, keinen Verstand“, erklärt zwar nicht die vielen linken Terrorgreise der Geschichte, aber er löst womöglich einen Teil des Rätsels: idealistische Jugend möchte Gerechtigkeit. Ich wollte das als Dreizehnjährige auch und fand es herzlos, dass mein Vater, Landgerichtsrat liberaler Prägung, mich mit dem Satz abspeisen wollte: „Gerechtigkeit gibt es nicht, höchstens ein Urteil nach Recht und Gesetz.“

Als Bärbel Bohley nach der „Wende“ enttäuscht rief, sie habe Gerechtigkeit erwartet, aber den Rechtsstaat bekommen, konnte ich darüber längst lächeln und „glücklicherweise“ sagen.

Was die Menschen vom Kapitalismus halten

  • Deutschland

    Kapitalismus funktioniert gut und würde durch Regulation nur geschwächt: 16 Prozent

    Kapitalismus hat Probleme, die mit mehr Regulation behoben werden könnten: 75 Prozent

    Kapitalismus ist am Ende, ein neues Wirtschaftssystem muss her: 8 Prozent

    Quelle: GlobeScan/Statista

  • Frankreich

    Kapitalismus funktioniert gut und würde durch Regulation nur geschwächt: 6 Prozent

    Kapitalismus hat Probleme, die mit mehr Regulation behoben werden könnten: 47 Prozent

    Kapitalismus ist am Ende, ein neues Wirtschaftssystem muss her: 43 Prozent

  • Italien

    Kapitalismus funktioniert gut und würde durch Regulation nur geschwächt: 5 Prozent

    Kapitalismus hat Probleme, die mit mehr Regulation behoben werden könnten: 59 Prozent

    Kapitalismus ist am Ende, ein neues Wirtschaftssystem muss her: 29 Prozent

  • Spanien

    Kapitalismus funktioniert gut und würde durch Regulation nur geschwächt: 5 Prozent

    Kapitalismus hat Probleme, die mit mehr Regulation behoben werden könnten: 56 Prozent

    Kapitalismus ist am Ende, ein neues Wirtschaftssystem muss her: 29 Prozent

  • Großbritannien

    Kapitalismus funktioniert gut und würde durch Regulation nur geschwächt: 13 Prozent

    Kapitalismus hat Probleme, die mit mehr Regulation behoben werden könnten: 57 Prozent

    Kapitalismus ist am Ende, ein neues Wirtschaftssystem muss her: 19 Prozent

  • USA

    Kapitalismus funktioniert gut und würde durch Regulation nur geschwächt: 25 Prozent

    Kapitalismus hat Probleme, die mit mehr Regulation behoben werden könnten: 53 Prozent

    Kapitalismus ist am Ende, ein neues Wirtschaftssystem muss her: 13 Prozent

  • China

    Kapitalismus funktioniert gut und würde durch Regulation nur geschwächt: 11 Prozent

    Kapitalismus hat Probleme, die mit mehr Regulation behoben werden könnten: 58 Prozent

    Kapitalismus ist am Ende, ein neues Wirtschaftssystem muss her: 18 Prozent

  • Russland

    Kapitalismus funktioniert gut und würde durch Regulation nur geschwächt: 12 Prozent

    Kapitalismus hat Probleme, die mit mehr Regulation behoben werden könnten: 44 Prozent

    Kapitalismus ist am Ende, ein neues Wirtschaftssystem muss her: 23 Prozent

Doch seit der Wiedervereinigung geht es in Deutschland nicht liberaler zu, im Gegenteil: seit Angela Merkel die Wahl gegen Gerhard Schröder 2005 nur knapp gewann, wird Politik im Wohlfühlmodus betrieben. Denn was war die Bazooka, mit der Gerhard Schröder die Kanzlerin beinahe geschlagen hätte? Sie nannte sich „Projekt Wärmestrom“, ihre Projektile hießen Solidarität, Menschlichkeit, Gerechtigkeit, die dem „kalten“ Marktliberalismus, den Angela Merkel damals noch pflegte, entgegengeschleudert wurden.

Das hat sich die Kanzlerin gemerkt – und das haben wir nun davon. Oben moralisierende Symbolpolitik, unten die Müllhalde gescheiterter Großprojekte zum Wohle der Menschheit (der Frauen, der Umwelt, des Globus). Und dafür schlägt das Herz? Der Kopf schüttelt sich.

Gerecht, solidarisch, menschlich und gut

Der erzliberale Buchautor und "FAZ"-Redakteur Rainer Hank hat über das Phänomen „Links, wo das Herz schlägt“, ein Buch geschrieben, und wer sich bislang als Konvertit zum Liberalismus allein gefühlt hat, darf sich beruhigt zurücklehnen: auch Hank war mal einer von denen, die er heute zu seinen Feinden zählt – ein Linker, so ein bisschen nach Herz-Jesu-Art, als ehemaliger Ministrant. Und als gelernter Theologe geht er mit dem eigenen und dem Irrtum anderer durchaus liebevoll um, hier wird nicht mit Renegatenfuror scharf abgerechnet und polemisiert.

Nein, es ist viel schlimmer. Hank möchte dem linken Mainstream sein Liebstes wegnehmen: den Glauben, links sei gerecht, solidarisch, menschlich und gut. Denn der Liberalismus ist in seiner Geschichte nicht nur mit entschieden weniger Menschenopfern ausgekommen, er verfügt auch über die besseren Lösungen für die Frage aller Fragen: wie können wir dafür sorgen, dass es sowohl gerecht als auch frei zugeht im Zusammenleben?

Gerechtigkeit ist keine Frage der individuellen Moral

Uns bessern und gute Menschen sein? Das ist die Antwort der „Gutmenschen“, wie boshafte Liberale den linken Mainstream nennen. Doch Gerechtigkeit ist keine Frage der individuellen Moral, die ist Privatangelegenheit, und am Gutmenschentum stören nicht die guten Menschen, sondern die Weigerung, auch die womöglich und wahrscheinlich unerwünschten Folgen einer guten Tat zu bedenken.

Gleiche Löhne für gleiche Arbeit? Damals, kurz nach der Wende, als es die DDR noch gab, waren im deutschen Westen alle gutwilligen Kreise dafür, dass das östliche Lohnniveau dem westlichen lieber gestern als heute angeglichen wurde, egal, ob das die Produktivität der sich gerade erst wieder entwickelnden Betriebsamkeit erlaubte – die nicht nur, aber auch daran schnell zugrunde ging.

Dass man den Menschen in der DDR damit einen wenn auch vielleicht nur befristeten Wettbewerbsvorteil nahm, hatten nur die westdeutschen Gewerkschaften begriffen, wo man nicht daran dachte, sich von den Brüdern und Schwestern die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Egoismus also, der unter falscher Flagge segelte.

Tauchsieder Die Lüge von den Segnungen des Marktes

Die wachsende Ungleichheit bedroht den Leistungswillen der liberalen Gesellschaft. Neuerdings sind sogar die Finanzmärkte besorgt, dass die Schere zwischen Reich und Arm immer weiter aufgeht.

Der "Kapitalist" im 19. Jahrhundert Quelle: Getty Images

Ähnlich der Mindestlohn, auch er dient weniger dem Schutz jener, die von unten in den Arbeitsmarkt hineindrängen und dazu jede Chance ergreifen, sondern dem Schutz der Arbeitsbesitzenden vor Konkurrenz.

Aber gegen Kinderarbeit sind wir doch alle? Nein. Es ist, etwa in Bangladesch, ein Weg hinaus aus der Armut. Ein Verbot der Kinderarbeit tut unseren warmen Herzen gut, schadet aber den Kindern in der Dritten Welt, denen doch eigentlich geholfen werden soll.

„Es ist so einfach, gut zu sein – solange man sich weigert, die ungeliebten Konsequenzen einer Moral des warmen Herzens zur Kenntnis zu nehmen.“ Dabei haben wir das doch eigentlich bereits in der Schule gelernt, dass man den Satz des Mephisto besser umkehrt – und vor der Kraft warnt, die stets das Gute will und doch das Böse schafft. Dass jeder Eingriff, so gut er auch gemeint sein mag, unerwünschte Folgen haben kann, ist in der Naturwissenschaft unbestritten – nur dort nicht, wo es um das geht, was „das Soziale“ heißt und was nicht selten lediglich gut getarnte Abhängigkeit bedeutet.

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Karg und vernunftgesteuert

Warum ist es so schwer, das Mumbojumbo der Menschheitsretter zu durchschauen und das Menschenfreundliche des Liberalismus zu erkennen? Rainer Hank gibt einen wichtigen Hinweis, der für seine und meine Generation der in den 70er Jahren politisch Sozialisierten womöglich ganz entscheidend ist: Chiles Diktator Augusto Pinochet holte 1973 liberale Ökonomen, um das wirtschaftlich bettelarme Land zu reformieren. Das Bündnis mit einem reaktionären Regime, Wohlstand also ohne Freiheit, bekam der liberalen Idee schlecht.

Und dann ist da noch eine wortmächtige Kaste, der diese ganze liberale Skepsis nicht passt, so karg und vernunftgesteuert, wie sie daherkommt, ganz ohne wehenden Talar und wenigstens ein bisschen Pathos: die Intellektuellen, jene öffentlichen Mandarine, die mit der ganzen „Anmaßung des Wissens“ (Hayek) ihre „paternalistische Praxis als moralischen Auftrag“ begreifen. Ihnen ist das Besetzen der Begriffe bestens gelungen, sie sind die kaum getarnten Ablassprediger, die ihrem Publikum, mit der Apokalypse drohend, die Taler aus der Tasche ziehen. Sie sind die Propheten eines wuchernden Steuerstaates geworden, der alle, die seinen höheren moralischen Auftrag nicht würdigen, passenderweise als „Sünder“ bezeichnet.

Doch in diese Kirche muss man nicht gehen. Hinter dem Nebel der Wohlfühlfloskeln liegt klarer Himmel. Man nennt das Aufklärung.

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20 Kommentare zu Stephans Spitzen: Das Herz schlägt links - wenn der Verstand schläft

  • Mit dem Statement besser Kinderarbeit als garkeine Arbeit tut weder dem liberalem Gedanken noch den Kindern einen gefallen. Abgesehen davon das die Menschen trotz ihrer Arbeit in 12 h Schichten noch nicht einmal das Exisistenzminimum ihres Landes verdienen und im Dreck leben.

  • Die Bevormundung kommt allerdings sowohl von links, als auch von rechts. Der Artikel geht insofern an der Realität vorbei, als der Liberalismus eigentlich keine große Rolle spielt. Höchstens als Vorwand für Machterhalt bestimmter Kreise. Die FDP ist ja politisch kaum noch präsent. Was waren das noch Zeiten, in der Zeit der linksliberalen Koalition.
    Sicher müssen wirtschaftliche Naturgesetze beachtet werden. Zuerst muss nämlich produziert werden. Danach kann man verteilen. Aber diese Bedingungen des Wirtschaftens in einem Atemzug mit wirtschaftlicher Unterdrückung zu nennen, ist nicht in Ordnung! Wer bereit ist, zu einem Lohn zu arbeiten, der unter einer bestimmten Grenze liegt, wird sich niemals verbessern, nur den ganzen Markt kaputt machen. Beide Beteiligte nehmen dann außerdem noch den Steuerzahler in Anspruch, jedenfalls hier in unserem nicht mehr so sozialen Staat. Liberalismus und die Verteidigung der Freiheit sollte eben doch etwas mehr sein, als die Verteidigung der Kapitaleigner.

  • Ein vom ersten bis zum letzten Wort ins Schwarze treffender Artikel, dem man nichts mehr hinzufügen möchte. Danke dafür!

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