Stephans Spitzen: Ehe für alle?

kolumneStephans Spitzen: Ehe für alle?

Kolumne von Cora Stephan

Das irische Votum pro Homo-Ehe erhitzt die Gemüter. Vor allem die katholische Kirche protestiert; sie hat keinen Anspruch, die Ehe zu definieren. Bleibt die eigentliche Frage. Wozu braucht es die Ehe?

Warum wollen sie plötzlich alle heiraten? Auch noch ausgerechnet schwule Männer, die einst als schillernder Gegenpol zum bürgerlichen Spießertum auftraten? Warum wollen sie normal, warum „gleich“ sein, wohingegen die schwule Männerbewegung der 70er Jahre doch alles andere als das zum Ziel hatte? Und wieso reicht plötzlich die „eingetragene Partnerschaft“ nicht mehr aus, warum muss jetzt ganz in Weiß oder Schwarz oder Himmelblau und auch noch vor dem Traualtar ewige Treue geschworen werden?

Die Gefühle, die Romantik? Das wenigstens kann ich nachvollziehen. Ich habe meine Freundin G. immer verstanden, die davon träumte, ihre Liebste auf Händen über die Schwelle der gemeinsamen Wohnung zu tragen. Eine schöne Vorstellung! Doch warum braucht es dafür die Ehe, warum die staatliche Beglaubigung, warum den kirchlichen Segen? Kann man sich keine anderen Riten und Gebräuche vorstellen? Und überhaupt - wieso ist, wenn hier von Ehe gesprochen wird, immer nur von „Liebe“ die Rede? Hat es sich bei Schwulen und Lesben noch nicht herumgesprochen, dass die beste Voraussetzung für eine Scheidung die Ehe ist?

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Die drei Güterstände in der Ehe

  • Zugewinngemeinschaft

    Die Zugewinngemeinschaft ist der gesetzliche Güterstand, wenn ein Paar keinen Ehevertrag geschlossen hat. Die Vermögen der Ehegatten bleiben dabei grundsätzlich getrennt. Keiner der Ehegatten haftet durch die Heirat für Schulden des anderen, es sei denn, er unterschreibt einen entsprechenden Darlehensvertrag mit oder bürgt für die Schulden des anderen. Allerdings sind etwaige Vermögenszuwächse während der Ehe im Fall einer Scheidung auszugleichen.

  • Gütertrennung

    Ehepaare, die im Güterstand der Gütertrennung leben wollen, müssen dafür einen Ehevertrag schließen. Dort wird dann festgelegt, dass die Vermögen während der Ehe getrennt bleiben und im Fall einer Scheidung kein finanzieller Ausgleich stattfinden soll. Eine solche Vereinbarung kann sinnvoll sein, wenn ein Ehegatte ein großes Vermögen besitzt, oder ein Unternehmen mit in die Ehe gebracht hat.

  • Gütergemeinschaft

    Der Güterstand der Gütergemeinschaft kommt in der Praxis relativ selten vor. Per Ehevertrag vereinbaren die Partner, dass ab dem Zeitpunkt der Trauung jegliches individuelles Eigentum zum hälftigen Eigentum des Ehegatten. Dies gilt auch für Vermögen, welches vor der Hochzeit besessen wurde.

Kurz: was hat die ganze Romantik mit einem höchst pragmatischen Institut wie der Ehe zu tun? Liebe jedenfalls war seit deren Erfindung nie der Sinn von Ehe, sie kam vor, sie durfte sein, sie diente dem gemeinsamen Projekt: Der geteilte Hausstand half Wirtschaften – ohne Frauen ist bäuerliche Landwirtschaft schwerlich denkbar. In nicht ganz so hart arbeitenden Kreisen sollte die Ehe vor allem die Erbfolge sichern, nur ein männlicher Nachkomme schützte das Erbe vor dem Zugriff der lieben Anverwandten oder verfeindeten Familien, wobei in früheren Zeiten wechselnder Herrschaftsverhältnisse die Beglaubigung durch die Kirche half. Die Kirche aber hat das Institut der Ehe nicht erfunden und daher auch keinen Anspruch darauf, sie zu definieren.

Bereits jetzt wird die Bereitschaft steuerlich anerkannt, in einer Partnerschaft füreinander zu sorgen, das gilt für kinderlose Ehepaare ebenso wie für homosexuelle Paare. Auch der Adoption eines Kindes steht nichts im Wege, sofern es das leibliche Kind eines der Partner ist. Dass homosexuelle Paare dafür auch schon mal eine Leihmutter bezahlen, deutet auf ein Dilemma hin: selbst wenn demnächst Schwangerschaften in der Retorte erfolgen, sind für die Zeugung eines Kindes Mann und Frau vonnöten. Doch auch das wäre nur dann ein Argument gegen die Ehe, wenn Ehe Kinder voraussetzte – das aber tut sie nicht. Auch Frauen nach der Menopause und unfruchtbaren Männern verwehrt niemand die Ehe. Es gibt heute weit mehr kinderlose Heteropaare als gleichgeschlechtliche Ehe- bzw. Partnerschaftsverhältnisse ohne Nachwuchs.

Ehe ist also offenbar auch ohne Kinder ein Wert – warum? Weil sich zwei Menschen dazu verpflichten, einander in guten und in schlechten Zeiten beizustehen. Das ist Subsidiarität im besten Sinne des Wortes: Solidarität als eine private Verpflichtung, zwar staatlich beglaubigt, aber nicht staatsabhängig.

Jonathan Rauch brachte in einem Essay vor knapp zehn Jahren ein noch stärkeres Argument ins Spiel, das übrigens auch in der Vergangenheit schon von Bedeutung war: Ehe ist dazu geeignet, Männer zu zivilisieren. Wenn in schwule Partnerschaften das Couchpotatotum vieler Heteroehen einzieht – umso besser! Dann sind die Männer von der Straße und richten keinen Schaden an. (Oder holen sich beim anonymen Sex Aids.) Vom konservativen Standpunkt aus spricht also nichts gegen die „Homoehe“.

Ehe bedeutet überdies soziale Kontrolle: wer heiratet, teilt der anteilnehmenden und kritisch zuschauenden Öffentlichkeit seinen Bindungswillen und sein Treueversprechen mit. Das wäre dann wohl, nach Aids, der letzte Sargnagel für die schwule Libertinage der 70er Jahre. Zuletzt: wenn Männer junge Frauen heiraten, die später bei Pflegebedürftigkeit als ihre Krankenschwestern fungieren – warum sollte das nicht auch für Schwule und Lesben gelten?

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Das Institut Ehe hat also vielerlei soziale Vorteile, die gesellschaftlich und staatlich honoriert – „privilegiert“ - werden sollten. So gesehen, gibt es kein Argument gegen „Ehe für alle“ – und den schrillen Schrei nach „Gleichheit“ und Abschaffung von „Privilegien“ (der Heteroehe) könnten sich die Lobbyisten der Homoehe sparen: Eheschließung ist ein sozialer Akt, der gesellschaftlich nützlich sein kann. Kein schöner Ersatz für das romantische Liebesideal, vielleicht, aber ein weit wirkungsvolleres Argument. Jonathan Rauch geht allerdings noch weiter: Ehe sei etwas, das die Gesellschaft von Paaren erwarten sollte, schon, damit Singles bei Alter und Krankheit nicht dem Staat zur Last fallen. Ehe sei weit mehr als eine Frage des „Lifestyle“. Ob das alle so sehen, die in der Ehe lediglich ein Privileg sehen, das ihnen nicht vorenthalten werden sollte?

„Man darf sich durchaus davor gruseln“, schreibt der irische Schriftsteller John Banville, „stämmige Männer mittleren Alters in taubenblauen Klamotten und mit Orangenblüten im Haar zu sehen oder stämmige Frauen mittleren Alters mit Frack und Zylinder. Und doch, nach all der Zeit, die sie ein Schattendasein führen mussten, wer wollte ihnen da wohl diesen einen Tag im Rampenlicht missgönnen?“ Spießbürgerlichkeit ist ein Menschenrecht.

Ist die Furcht, „Ehe für alle“ bedeute eine Erosion des Fundaments der Gesellschaft, also gänzlich unberechtigt? Ja. Und nein. Mehr dazu in der kommenden Woche.

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