Stephans Spitzen: Ist das Vertrauen weg?

kolumneStephans Spitzen: Ist das Vertrauen weg?

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Ein Flugzeug auf dem Flughafen München.

Kolumne von Cora Stephan

Die Verunsicherung der Bürger nach der Germanwings-Katastrophe ist allgegenwärtig. Doch das Vertrauen insgesamt hat gelitten – auch in die Politik. Das ist wenig verwunderlich, aber gefährlich.

Alle wissen es: Absolute Sicherheit gibt es nicht, nichts ist völlig kontrollierbar, die Natur schon gar nicht, also auch nicht die Natur der Menschen. Was immer man nach dem Absturz von Airbus 4U9525 nun erfinden wird, um etwas zu vermeiden, von dem man noch gar nicht weiß, was genau es war: es mag kurzfristig beruhigen, aber nichts kann das Schlimmstmögliche ausschalten.

Das ist kein Trost für die Hinterbliebenen und vermittelt den Verängstigen keine Sicherheit. Viele Angehörige möchten Gewissheit: darüber etwa, dass ihre Lieben nicht an einem vermeidbaren Fehler zugrunde gegangen sind. Allen anderen hilft vielleicht die Erinnerung an ein alltägliches Wunder: dass das Schlimmstmögliche eben nicht passiert.

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Die wenigsten Piloten dürften Depressionen haben, die wenigsten Depressiven sind selbstmordgefährdet, die wenigsten Selbstmörder nehmen andere mit in den Tod. Nicht alles, was möglich ist, geschieht: Hochhäuser stürzen nicht ein, Atomkraftwerke explodieren nicht, die Unfallhäufigkeit auf deutschen Straßen wird Jahr um Jahr geringer, der Wald lebt, Flugzeuge bleiben oben und landen sicher.

Trotz des Absturzes von 4U9525, trotz solcher und anderer Katastrophen vertrauen Menschen anderen Menschen –  und ohne dieses Vertrauen gäbe es keine menschliche Gemeinschaft.

Schrecklicher Verdacht: Co-Pilot flog absichtlich in den Tod

  • Absichtliche Abstürze in der Vergangenheit

    Suizide in der Luftfahrt sind selten, aber sie kommen vor. Im November 2013 kostete der Absturz einer Embraer-Maschine der Fluglinie Linhas Aéreas de Moçambique 33 Menschen das Leben. Laut der zuständigen Behörde in Namibia hatte der Co-Pilot das Cockpit kurz vor dem Unglück verlassen, um zur Toilette zu gehen. Der Pilot verriegelte daraufhin die Tür und steuerte das Flugzeug in Richtung Boden.  Eine Boeing 767 der EgyptAir stürzt im Oktober 1999 US-Staat Massachusetts. Nach einer Untersuchung der US-Flugsicherheitsbehörde schaltete der Co-Pilot von Flug 990 den Autopiloten aus und leitete den Sinkflug ein. 1997 ließ der Pilot eines SilkAir-Flugs von Jakarta nach Singapur seine Boeing 737 absichtlich in einen Fluss stürzen - 104 Menschen starben. Auch bei der seit einem Jahr verschollenen Malaysia-Airlines-Maschine gilt die Selbsttötung eines der Piloten als eine der plausibelsten Unglücksursachen. 

  • Häufigkeit

    Laut einem offiziellen Report der US-Luftfahrtbehörde Federal Aviation Administration (FAA) aus dem vergangenen Jahr sind Selbsttötungen, die mit einem Flugzeug ausgeführt werden, „selten und ungewöhnlich“. Untersucht wurden 2758 tödliche Flugzeugunglücke auch kleinerer Maschinen in den USA, die sich zwischen 2003 und 2012 ereigneten. In acht Fällen gilt die Selbsttötung des Flugzeugkapitäns als Ursache. Sieben der Piloten waren bei dem Unglück allein an Bord.

  • Hintergründe der Piloten

    Alle Piloten, die ihre Maschinen abstürzen ließen, waren männlich und zwischen 21 und 68 Jahren alt. Als mögliche Motive für die Taten identifiziert der FAA-Bericht unter anderem Depressionen, Beziehungsprobleme und finanzielle Schwierigkeiten. Vier der Piloten wurden positiv auf Alkohol getestet. Zwei nahmen offenbar Antidepressiva.

Wir vertrauen täglich: im Straßenverkehr, dass sich auch andere an die Straßenverkehrsordnung halten. Beim Reisen mit dem Zug: dass der Zugführer sein Geschäft versteht. Beim Zahnarzt, beim Elektroinstallateur, vor Gericht: wir wissen von der Fehlbarkeit der Menschen, auch jener „Experten“, von denen wir annehmen können, dass sie ihren Beruf anständig gelernt haben. Doch wir vertrauen darauf, dass sie in unserer Welt leben, in einer Welt, in der zumindest einige der zehn Gebote gelten – vor allem jenes, einem anderen nicht mutwillig zu schaden.

Wem das Vertrauen in die grundsätzliche Gutwilligkeit seiner Gegenüber nicht ausreicht, verlässt sich auf Konventionen, auf Regeln des Zusammenlebens, in denen nicht die Moral des Einzelnen die Hauptrolle spielt, sondern lediglich seine Bereitschaft, sich an diese Regeln zu halten. Und wem selbst die Tatsache nicht zureichend erscheint, dass ein Regelverstoß geahndet wird, dass es also im Interesse des potentiellen Regelbrechers liegt, sich konform zu verhalten, der rechnet doch zumindest damit, dass niemand um den Preis seines eigenen Lebens die Regeln bricht.

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