Stephans Spitzen: Lasst Opa in Ruhe

kolumneStephans Spitzen: Lasst Opa in Ruhe

Kolumne von Cora Stephan

Ältere Gesellschaften haben ihre Vorzüge: sie sind friedlicher. Und manchmal ist weniger einfach mehr. Warum die demografische Entwicklung ein willkommenes Geschenk ist.

Ein Gespenst geht um in Deutschland, ein vitaler Wiedergänger vielmehr. Denn wer alt genug ist, kann sich noch daran erinnern, dass die Debatte schon vor fünf, zehn, zwanzig Jahren virulent war: Deutschland stirbt aus, und bevor es das tut, was sich manch einer hingebungsvoll zu wünschen scheint, vergreist es. Illustrationen zeigen gebeugte alte Männer, die bedrohlich ihre Krückstöcke schwingen, oder eine Bevölkerungspyramide, die beinahe schon auf dem Kopf steht, also eine ebenfalls schwankende Angelegenheit wäre: nicht mehr die Jungen bilden die starke Basis, sondern unten sitzt Schmalhans und oben thronen die Greise in sonder Zahl und wollen nicht weichen. Jugend, allein unter Greisen? Schlimm!

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Ja, die einzigen, die man heutzutage noch straflos beleidigen darf, sind alte weiße Männer, zur Not auch alte weiße Frauen. „Hilfe, wir vergreisen“ ist ein Ruf, der offenbar allen Angst einjagen soll, die das zweite Kind noch nicht geplant haben, der Rest skandiert „Ausländer, lasst uns mit den Deutschen nicht allein.“ „Generation Rollator“ ist der neue Buhmann der Nation.

Doch lasst euch sagen, ihr, die ihr noch nicht so weit seit: das mit dem Älterwerden hat durchaus seine Vorzüge. Zum Beispiel erinnert sich unsereins noch daran, dass der Aufschrei vor Jahren ganz anders lautete. Angesichts der explosiv wachsenden Weltbevölkerung riefen die üblichen Verdächtigen: Hilfe, wir sind zu viele! Und nun ist es Schreckensmeldungen wert, dass wir – endlich – wieder weniger werden?

Doch gemach: Soweit ist es ja noch gar nicht. Bevölkerungsprognosen sind relativ zuverlässig, und die neueste des Statistischen Bundesamt gibt Entwarnung: die Bevölkerung hierzulande schrumpft langsamer als erwartet, ihre Zahl sinkt frühestens 2023 unter den Stand von 2013 (80 Millionen). Bis zum Stand von 1913 (rund 65 Millionen) ist es also noch eine Weile hin. Überhaupt sollte sich der Ruf nach mehr Zuwanderung endlich ein besseres Argument aussuchen – denn selbst eine schrumpfende Bevölkerung mit einem geringeren Anteil Jüngerer ist nicht dazu verdammt, unterzugehen. Eine Generation, die mit der Parole „Small is beautiful“ und beißender Kritik an der „Wachstumsgesellschaft“ aufgewachsen ist, sollte den Alarmisten eigentlich lächelnd widerstehen.

Längst wissen wir, dass sich in allen Altersstufen Vor- und Nachteile die Waage halten: in jungen Jahren mögen einige innovativer sein, später sind viele gründlicher. Jüngere Menschen sind häufiger krank oder depressiv als ältere, denen man im übrigen eine geringere Neigung zu Alkoholmissbrauch und Randale nachsagen kann. Erfahrungswissen kann der Innovation im Wege stehen und ist doch unverzichtbar. Längst ist 60 das neue 50, was nur die Groko und Andrea Nahles nicht begreifen wollen.

Es gibt, leider, natürliche Grenzen der Schönheit. Doch schlimmer als alt zu sein, ist früh zu sterben.

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Ach, es ist immer wieder verblüffend, wie fantasielos man gerade hierzulande mit einem Phänomen umgeht, das ein willkommenes Geschenk sein sollte. Im Schnitt erreichen die Menschen weltweit seit der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert Jahr um Jahr bei besserer Gesundheit ein höheres Lebensalter. Dass es tendenziell mehr Ältere als Jüngere gibt, ist nicht nur Ergebnis einer sinkenden Geburtenrate, sondern verdankt sich einem längeren Leben für viele.

Längst ist erkannt, dass man die Lebensarbeitszeit anders verteilen und vor allem verlängern muss, um dieser Wirklichkeit Rechnung zu tragen. Dazu braucht es zuvörderst politische Willenskraft, keine höhere Geburtenrate, die man nicht erzwingen und keine höhere Zuwanderung, die man nicht verkraften kann.

Natürlich hat die Angelegenheit mehr als eine Krux: ältere Gesellschaften mit weniger Nachwuchs sind auch weniger bereit, ihn als Kanonenfutter zu opfern. Länder mit einer großen Anzahl junger Männer aber kennen die weise Zurückhaltung der älteren Nationen nicht. Der verschwenderische Umgang mit dem, was man im Überfluss zu haben glaubt, mit Jugend nämlich, ist nun ernstlich keine Alternative.

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