Stephans Spitzen: Von wegen „postfaktisch“! Realität ist gefragt

kolumneStephans Spitzen: Von wegen „postfaktisch“! Realität ist gefragt

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Ist aus der Politik der Sachlichkeit eine Politik geworden, die nur noch die Ängste und Sorgen der Deutschen beruhigen soll?

Kolumne von Cora Stephan

Politiker sprechen nicht den Verstand an, sondern die Herzen „unserer Menschen“. Statt um deren „Ängste und Sorgen“ sollten sie sich um harte Fakten kümmern.

Wir leben in postfaktischen Zeiten, meinte Angela Merkel jüngst. Soll heißen: „Die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sie folgen allein den Gefühlen.“

Nun würde ich mir nie anmaßen, einen Generalverdacht in Bezug auf „die Menschen“ auszusprechen, das kommt nur einer Bundeskanzlerin zu. Diese nun ist zutiefst davon überzeugt, dass es vor allem darum gehe, den Bürgern da draußen die Welt mit unendlicher Geduld, nämlich „definitiv nicht zum ersten Mal, aber vielleicht noch einmal nachdrücklicher“ zu erklären. Zum Beispiel „Richtung, Ziel und Grundüberzeugung unserer Flüchtlingspolitik“.   

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Denn wenn 82 Prozent der Befragten einer Umfrage zufolge eine Korrektur dieser Politik wünschen, meint die Kanzlerin, müssen sie doch irgendetwas nicht verstanden haben, oder?

So tönt es schon seit langem. Man muss den Menschen etwas immer noch besser erklären (nicht etwa, sich selbst korrigieren). Man muss sie abholen, wo sie stehen (sich also auf ein ziemlich tiefes Niveau herunterbeugen). Kurz: Es braucht mehr Gefühl und Wellenschlag.

Ach, das Bemühen von Politikern um die Gefühlsmenschen da draußen in unserem Land ist rührend und mitleiderregend zugleich. Seit Jahrzehnten glauben Politiker, sich nicht an den Verstand, sondern an die Herzen „unserer Menschen“ wenden zu müssen, deren „Ängste und Sorgen“ man ernst zu nehmen habe. Thilo Sarrazins  Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ hielten besorgte Politiker vor allem deshalb für schädlich, weil der Mann mit buchhalterischer Sorgfalt „kalte“ Zahlen und „nackte“ Fakten servierte. Der Erkenntnis, dass das Buch sich womöglich genau deshalb hundertausendfach verkaufte, wich die politische Klasse weiträumig aus.

Ich bezweifle, dass „die Menschen“ von Politikern vor allem erwarten, gefühlsecht bedient zu werden. Unzweifelhaft aber glaubt das die politische und meinungshabende Elite. Innenminister Thomas de Maizière hat das einmal in sympathischer Wahrhaftigkeit ausgeplaudert. Nach der Absage eines Fußballspiels in Hannover wegen einer Terrorwarnung wollte er die Entscheidung nicht näher begründen, denn „ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern.“

Stephans Spitzen Im Flüchtlingschaos ist nur Sachlichkeit hilfreich

Die CDU möchte gegenüber Flüchtlingen keine „Angst schüren“, weil das dem politischen Gegner nützen könnte. Beschwichtigungspolitik aber nützt ihm womöglich weit mehr.

huGO-BildID: 49303243 ARCHIV - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) lässt sich am 10.09.2015 nach dem Besuch einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber der Arbeiterwohlfahrt (AWO) und der Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in Berlin-Spandau für ein Selfie zusammen mit einem Flüchtling fotografieren. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa (zu dpa "Frankreich und Merkels Asylpolitik: Gleichschritt trotz Kurswechseln?" vom 18.09.2015) +++(c) dpa - Bildfunk+++ Quelle: dpa

Ja, klar: nackte Fakten und kalte Zahlen, bloße Sachverhalte, ja: die ganze dumme Wahrheit verunsichern. Was wäre etwa, wenn wir wüssten, wie viele Menschen aus aller Herren Länder nach der Grenzöffnung im September 2015 eingereist und bis heute nicht registriert worden sind? Könnte uns das womöglich verunsichern? Also reden wir besser nicht drüber?

Beschwichtigen und Beschönigen liegt an der Wurzel des  Vertrauensverlusts, der sich nicht nur in den vergangenen Landtagswahlen ausdrückt. Gefühlsschwangere Politik, gewürzt mit allerlei Durchhalteparolen, macht misstrauisch. Sie nährt den Verdacht, dass Politiker nur dann ehrlich sind, wenn sie das Wahlvolk als „Pack“ und „Pöbel“ beschimpfen, gerne auch als ressentimentgeladene Ossis, die „Fremde“ hassen, obwohl sie doch gar keine kennen.

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