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Steuerpolitik: Griff in die Tasche der Steuerzahler

von Bert Losse

Die Regierung muss endlich die kalte Progression eindämmen. Andere Länder machen vor, wie das geht.

WirtschaftsWoche-Redakteur Bert Losse
WirtschaftsWoche-Redakteur Bert Losse

Es gibt kaum einen anderen steuerpolitischen Missstand, der in Deutschland so lange angeprangert und so lange politisch ignoriert wurde wie die kalte Progression. Dahinter verbirgt sich der Zugriff des Fiskus auf sauer erarbeitete und oft hart erkämpfte Bruttolohnerhöhungen der Arbeitnehmer. Ein Prozent Lohnsteigerung bringe dem Staat zwei Prozent höhere Steuereinnahmen, gestand einst der ehemalige Bundeswirtschaftsminister Michael Glos. Das liegt am progressiven Steuertarif, der in Deutschland ein steigendes Einkommen mit überproportional steigender Steuerlast ahndet und vor allem Klein- und Mittelverdiener über Gebühr belastet. Im ungünstigsten Fall führt ein höherer Bruttolohn sogar zu einem Netto-Minus im Portemonnaie.

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Lohnsumme steigt

Auch steuersystematisch ist die kalte Progression ein Akt staatlichen Raubrittertums. Steigt die Inflation so stark wie die Löhne, ändert sich an der wirtschaftlichen Position des Arbeitnehmers nichts. Nach der in Deutschland geltenden Besteuerung nach Leistungsfähigkeit dürfte dann eigentlich kein Euro mehr an Steuern fällig werden. Schätzungen zufolge hat die kalte Progression aber seit 2006 fast 63 Milliarden Euro zusätzlich in die Staatskassen gespült. Auch 2011 kassieren der Bundesfinanzminister und seine Länderkollegen ab: Die gesamtwirtschaftliche Lohnsumme dürfte um 4,3 Prozent gegenüber Vorjahr zulegen, allein im ersten Quartal waren es plus 4,4 Prozent.

Umso überraschender sind die aktuellen Signale aus Berlin. Wenn die Bundesregierung auf Druck der FDP die Steuern nun doch senken will, wie Kanzlerin Angela Merkel in der vergangenen Woche andeutete, ist das eine überfällige Nachricht. Auch wenn dahinter wohl weniger die Sorge um die Finanzen der Mittelschicht als die Angst vor einem deutlichen Denkzettel bei der Bundestagswahl 2013 steht.

Inflation einbeziehen

Noch ist unklar, was Schwarz-Gelb konkret vorhat und wie sich der Bundesrat in der Steuerfrage positioniert. Anstatt wie in der Vergangenheit an einzelnen Steuersätzen, Freibeträgen und Progressionszonen herumzufummeln, sollte Berlin jetzt den großen Schritt wagen – und die Einkommensgrenzen an die Inflationsrate koppeln. Dies würde den Arbeitnehmern nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft pro Jahr zwischen 3,0 und 3,5 Milliarden Euro bringen (und dem Finanzminister entsprechend weniger).

Andere Länder praktizieren dies längst. Belgien, Großbritannien und die Niederlande etwa, aber auch Kanada und die USA verhindern eine kalte Progression durch automatische Inflationsanpassung. Luxemburg und die Schweiz ändern die Tarifstufen zwar nicht automatisch, aber sobald eine bestimmte Inflationshöhe überschritten ist. Das ist ein guter Kompromiss zwischen den Bedürfnissen der Arbeitnehmer und denen des Fiskus.

Er wäre auch in Deutschland den Versuch wert.

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6 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 02.07.2011, 13:04 UhrAnonymer Benutzer: Hermes

    Gut so, weiter so und noch etwas mehr bitte !
    Kaum hat die FDP das Wort Steuerreform im Munde, so fallen
    alle incl. der Presse über sie her.
    Also zahlt bitte ! Die Schulden werden sowieso nicht abgebaut.
    Das geht gar nicht mehr. Unsere politik hat uns veraten und verkauft.
    Die banken und Großkonzerne profitieren, der Arbeiter und
    Angestellte zahlt 3fach:
    1. Gehälter mit Stagnation oder kaum Zuwachs (bei 2-3 % inflation)
    2. Die kalte Progression und Abgabensteigerungen aller Orten
    3. Die Transferunion egal wer hier Misswirtschaftet banken, EU,
    Giechen oder andere PiiGS wir zahlen.
    Punkt 4 und folgende spar ich mal.
    TiP: macht mal blau, nehmt mal die Sommergrippe, arbeitet mal
    etwas langsamer, legt euer Geld EU sicher an und glaubt niemand
    mehr der mal berlin aus der nähe sah !
    Der Spanier und Grieche versteht Euch sicherlich !

  • 01.07.2011, 10:19 UhrAnonymer Benutzer: Waisenkind im Mondschein

    Solange alle Euroleistungsbilanzen im Europool saldiert werden Aufwertungsgewinne für die deutsche binnenwirtschaft nicht mehr stattfinden (Wohlfahrtsdividende, inflationsschutz, langfristiger Kaptialschutz für Anleger und Sparer), solange kann keine steuerliche Entlastung stattfinden.

    Zukünftig also noch mehr kalte Progression und noch mehr Steuern, damit die Eurorettung gelingen kann.

    Wilhelm Hankel, Die Euro Lüge, 3. Auflage, Signum Verlag

    Dann also bis zum Dienstag, 05. Juli 2011, in Karlsruhe.

  • 29.06.2011, 17:36 UhrAnonymer Benutzer: Trollo

    Leute, wir Steuerzahler haben doch ganz andere Probleme!
    Die Griechen haben nämlich soeben das neue Sparpaket abgesegnet. Die insolvenz Griechenlands wird also weiterhin gnadenlos verschleppt, damit die banken weiterhin Rekordrenditen einfahren können.
    bleibt für uns alle nur zu hoffen, dass der geplante ESM gestoppt wird, dessen einziges Ziel es ist, den unvermeidbaren Zahlungsausfall am Tag X (den Herr brüderle wohlweislich noch nicht genauer datieren will) auf die braven Steuerzahler der EU abzuwälzen.
    Davon werden alleine nach derzeitigem Planungsstand über 200 Milliarden Euro (!!!) die deutschen Steuerzahler zu verkraften haben.
    Wollen wir uns das wirklich gefallen lassen und weiter untätig bleiben?
    Derzeit läuft eine Petition gegen den ESM, ich kann allen nur raten, diese mitzuzeichnen, siehe https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=18123

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