Streitgespräch: "Berlin wächst zwar stark, aber noch zu gering"

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InterviewStreitgespräch: "Berlin wächst zwar stark, aber noch zu gering"

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Jan Stöß (links), ein möglicher Nachfolger von Klaus Wowereit, und Fabian Heilemann (rechts), ein Gründer und Investor, streiten über Berlin als neues Silicon Valley.

von Max Haerder

Der eine will Berlins neuer Bürgermeister werden, der andere die Stadt zur Start-up-Weltmetropole machen. Jan Stöß und Fabian Heilemann über das Vorbild Silicon Valley und die Gründerangst deutscher Ingenieure.

WirtschaftsWoche: Herr Stöß, Herr Heilemann, gerade sind die Berliner Start-up-Stars, Zalando und Rocket, an die Börse gegangen. Wer von Ihnen beiden hat Aktien gekauft?

Jan Stöß: (lacht) Da fangen Sie mal an!

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Fabian Heilemann: Man könnte aus Lokalpatriotismus einsteigen. Aber ich bin vor allem im Nasdaq investiert und werde vorerst dabei bleiben. Das upside-Potenzial der beiden Aktien ist angesichts der Lage des Gesamtmarktes relativ gering, das downside hingegen erheblich. Also: nein.

Stöß: Ich kenne politisch nur upside-Potenzial. Und im Ernst: Ich besitze gar kein Aktienportfolio und werde jetzt auch nicht damit anfangen. Aber die beiden Börsengänge sind für Berlin eine Zäsur, ein gewaltiger Schritt nach vorne, weil die Aufmerksamkeit so groß ist – weltweit.

Zu den Personen

  • Jan Stöß

    Stöß, 41, könnte Nachfolger des Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit werden. Der SPD-Landeschef – von Beruf Richter – muss sich noch gegen weitere SPD-Kandidaten durchsetzen: Fraktionschef Raed Saleh und Senator Michael Müller. Sein Motto: „Arm ist nicht sexy!“

  • Fabian Heilemann

    Heilemann, 32, ist Investor und Gründer. Seine erste Internet-Firma Dailydeal verkaufte er gemeinsam mit seinem Bruder 2011 an Google – für 114 Millionen Dollar. Ihre Holding Heilemann Ventures ist derzeit an zehn deutschen Start-ups beteiligt.

Herr Stöß, wenn Sie Internet-Firmen besuchen: Was überrascht Sie da am meisten?

Stöß: Das Großartige sind die vielen Menschen aus allen Ländern, die dort arbeiten. Wo in Deutschland findet man das? Die richtigen Fachleute zu finden ist für Start-ups in Berlin offenbar kein Problem. Die Marke Berlin ist unser unique selling point. Und so muss es auch bleiben.

Heilemann: Wahrscheinlich gibt es keine europäische Stadt, die da mithalten kann. London, wenn überhaupt. Aber dort ist das Leben eben absurd teurer. Diese Kombination aus Internationalität und geringen Lebenshaltungskosten ist genau der breeding ground, auf dem die Szene in den letzten fünf Jahren gewachsen ist.

Stöß: Ich habe allerdings den Ehrgeiz, dass sich daran ein bisschen was ändert. Denn billiges Leben hieß bisher auch zu häufig, dass die Löhne und Gehälter niedrig sind. Berlin wächst zwar stark, auch wirtschaftlich, aber vor allem pro Kopf ist das Einkommen noch zu gering. Hier müssen wir ran. Wir wollen nicht auf ewig der größte Nehmer im Finanzausgleich bleiben.

Sie können allerdings schlecht selbst die Gehaltsverhandlungen übernehmen...

Stöß: Keine Sorge. Was ich möchte, ist eine Debatte, was gute Arbeit im digitalen Zeitalter bedeutet. Gerade in Start-ups gelten meist keinerlei Tarifverträge, die Grenzen zwischen angestellt und selbstständig verwischen. Ordentliche Löhne gehören definitiv zu guter Arbeit, wie ich sie verstehe.

Heilemann: Es stimmt, unsere Branche ist weitgehend tarif- und gewerkschaftsfrei. Aber: Bei uns verfängt keine Mindestlohnforderung, nicht in unserer Unternehmensgruppe und auch bei anderen nicht. Bei uns steht immer eine zwei vor dem vierstelligen Monatsgehalt.

Stadt im Wandel Berlin ist das deutsche Silicon Valley

Berlin war nach dem Wegbrechen der Industrie lange "arm, aber sexy". Nun ändert sich das: Berlin wird digital, neue Jobs entstehen. Was Deutschland tun muss, um von dem Start-Up-Boom zu profitieren.

Berlin ist das deutsche Silicon Valley Quelle: dpa

Einen Betriebsrat...

Heilemann: ...haben wir nicht. Hat aber auch wenig Sinn: Wir sind nur wettbewerbsfähig, wenn wir flexibel und extrem schnell reagieren können. Es ist so schon schwierig genug, zu überleben. Stellen Sie sich Finanzierungsrunden in unserer Branche wie eine Pyramide vor: extrem steil. Da schaffen es nicht alle nach oben. Betriebliche Mitbestimmung kann da für geringeres Tempo sorgen. Im Übrigen: Wir arbeiten so intensiv und offen mit unseren Mitarbeitern, dass wir hier auch ohne Betriebsrat sehr gut Interessen zum Ausgleich bringen können.

Stöß: Einspruch!

Heilemann: Bei uns herrscht eben nicht wie in vielen alten Industrien ein hierarchisches Verhältnis, das ausgeglichen werden müsste. In unserem Gebäude hier arbeiten zahlreiche junge Unternehmen. Wer auf uns keine Lust mehr haben sollte, geht nur eine Hausnummer weiter, vielleicht nur eine Etage. Das Ringen um gute Programmierer oder Online-Marketingprofis ist echt kein Spaß.

Stöß: Ich bleibe trotzdem beim Einspruch. Betriebliche Mitbestimmung muss auch in Ihrer Branche zur Regel werden. Solange es aufwärts geht, spielt die Organisation der Arbeitnehmer oft keine Rolle, aber wenn es schwierig wird, sieht das schnell anders aus. Wenn jemand gekündigt wird, gibt es eben doch wieder eine Hierarchie.

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