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Streitgespräch mit Franz-Xaver Kaufmann und Thomas Straubhaar: ‚‚Eine Art Kulturschock‘‘

von malte.fischer@wiwo.de und eva haacke (Berlin)

Franz-Xaver Kaufmann und Thomas Straubhaar im Streitgespräch über die Chancen der Deutschen, der demografischen Falle zu entkommen.

WirtschaftsWoche: Herr Kaufmann, die gute Konjunktur weckt Hoffnungen, Deutschland werde nach Jahren der Stagnation wieder auf einen höheren Wachstumspfad einschwenken. Wie berechtigt sind diese Hoffnungen angesichts der demografischen Entwicklung? Kaufmann: Der Wachstumstrend hängt von vielen Faktoren ab, die Demografie ist nur eine, wenn auch wichtige Größe. Unser Problem ist aber weniger die längere Lebenserwartung der Menschen als der fehlende Nachwuchs aufgrund der niedrigen Geburtenrate. Derzeit profitiert die deutsche Wirtschaft noch von der günstigen Altersstruktur der Bevölkerung. Die Generation der Babyboomer ist noch im erwerbsfähigen Alter. Aber zwischen 2010 und 2015, wenn die ersten Babyboomer in den Ruhestand gehen, werden Arbeitskräfte knapp. Dieser Trend wird sich bis über das Jahr 2030 hinaus verschärfen. Die demografische Entwicklung wird den Wachstumspfad der deutschen Wirtschaft daher schon bald bremsen, ich rechne mit 0,5 bis 1,0 Prozent weniger Wachstum pro Jahr. Straubhaar: Ich bin da wesentlich optimistischer, das eigentliche Problem ist doch gerade der sich ausbreitende demografische Pessimismus. Ihre Stagnationsprognose könnte zu einer Art sich selbsterfüllender Prophezeiung führen. Die Daten zur Bevölkerungsentwicklung sind aber eindeutig...Straubhaar: An denen zweifele ich auch nicht. Aber die Bedeutung der Demografie selbst für die wirtschaftliche Entwicklung wird maßlos übertrieben. Wenn die Wirtschaft flexibel und offen genug ist, kann sie die Probleme lösen. Die ganze Diskussion bei uns ist doch sehr provinziell. Weltweit wächst die Bevölkerungszahl noch lange und noch stark an. Wenn wir unser Kapital in Ländern mit einer jungen Bevölkerung anlegen und dort die von uns nachgefragten Waren produzieren lassen, können wir den Mangel an Arbeitskräften bei uns umgehen. Außerdem: Wenn die Bevölkerung schrumpft, steigt der Wohlstand pro Kopf, weil der Kapitalstock auf weniger Köpfe verteilt wird. Jeder Schüler kann dann einen eigenen Computer im Unterricht erhalten, die Staus auf den Straßen gehen zurück, Maschinen können länger laufen und anderes mehr. Kaufmann: Aber das ist doch naiv. Sie setzen eine absolut flexible Wirtschaft voraus. Diese Marktgläubigkeit teile ich so nicht. Ein steigendes Pro-Kopf-Einkommen setzt zunächst voraus, dass das Sozialprodukt weniger stark sinkt als die Bevölkerungszahl. Und genau das ist angesichts des zunehmenden Mangels an jungen und leistungsstarken Arbeitskräften fraglich. Straubhaar: Ihren Wachstumspessimismus teile ich nicht. Die entscheidende Frage ist doch, ob wir den Rückgang der Erwerbstätigenzahl durch eine höhere Produktivität jedes Einzelnen kompensieren können. Und da bin ich optimistisch. Die jetzt aktive Generation ist besser ausgebildet als jede andere vor ihr. Sie wird daher auch im Alter viel produktiver sein als die Generationen vor ihr. Zudem können wir stille Reserven am Arbeitsmarkt aktivieren – die Erwerbsbeteiligung von Frauen, Älteren und hier geborenen ausländischen Jugendlichen. Kaufmann: Das hört sich einfach an. Mit Ihnen bin ich zwar der Meinung, dass es unter den Jugendlichen mit Migrationshintergrund erhebliche Begabungsreserven gibt, die sich durch eine gründliche Umorientierung unseres Bildungssystems mobilisieren ließen. Aber die Hebung der stillen Reserven wird schwieriger sein, als Sie glauben. Der technologische Wandel ist so rasant, dass ältere Arbeitslose nur wenig Chancen haben. Und eine stärkere Erwerbsbeteiligung der Frauen dürfte wegen der unzureichenden Betreuungsmöglichkeiten für Kinder die ohnehin schon niedrige Geburtenrate weiter drücken. Straubhaar: Deshalb müssen die Personalverantwortlichen in den Unternehmen und die Politiker schon heute über neue Arbeitszeitmodelle nachdenken, die eine Aktivierung der stillen Reserve erleichtern. Ältere müssten stärker bei erfahrungsgestützten Tätigkeiten eingesetzt werden, Arbeitsplätze für Frauen mit Kindern wesentlich flexibler sein, was dank neuer Technologien geht. In meinem Institut erledigen Mütter einen Teil ihrer Arbeit von zu Hause aus. Die Anwesenheitspflicht im Institut lässt sich auf wichtige Teambesprechungen reduzieren. Wenn wir uns flexibler zeigen, löst sich das demografische Problem fehlender Arbeitskräfte nahezu vollständig auf. Kaufmann: Woher nehmen Sie Ihren Optimismus? In Deutschland liegt die Geburtenrate seit 30 Jahren bei etwa 1,4 Kindern je Frau. Eine Generation wird so nur zu zwei Dritteln ersetzt. Statistisch gesehen haben 1000 Frauen 667 Töchter, die wiederum nur 444 Töchter und die nur 296. Und diese Geburtenrate von 1,4 kommt nur unter Einrechnung der Zuwanderer zustande. Die deutschen Frauen haben im Schnitt sogar nur 1,1 Kinder. Ich fürchte, dass der demografische Schrumpfungsprozess so rapide verläuft, dass er durch eine bessere Ausnutzung der stillen Reserven nicht kompensiert werden kann. Und deshalb werden sich daraus erhebliche Nachteile für den Standort ergeben.

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