Stromnetzausbau: "Die Anpassungen sind eine Mogelpackung"

Stromnetzausbau: "Die Anpassungen sind eine Mogelpackung"

von Matthias Streit

Deutschland große Stromnetzbetreiber halten trotz Protesten an ihren Ausbauplänen fest, nehmen jedoch Korrekturen vor. Experten kritisieren die Pläne.

Die großen Überraschungen sind ausgeblieben. Heute haben die vier großen Stromnetzbetreiber – Tennet, 50Hertz, Amprion und Transnet BW – ihre Korrekturen an der Stromtrasse vorgestellt. An einem aber halten sie fest: Die Stromautobahnen kommen.

Doch längst nicht alle sind von der Notwendigkeit der Trasse überzeugt. Zum neuen Entwurf der Netzbetreiber sagte die bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) gegenüber der Deutschen Presse-Agentur: „Eine Vorfestlegung auf bestimmte Trassen ist damit nicht verbunden.“ Demnach soll Bayern im Dialog mit Bürgern und Wirtschaft bis Januar eine Entscheidung treffen, ob sie die geplanten Trassen so akzeptieren.

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Kritisch sieht auch Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) den Ausbau der Trassen. Zwar zweifelt sie nicht am Nutzen der 800-Kilometer langen Nord-Süd-Verbindung SuedLink zwischen Schleswig-Holstein und Baden Württemberg und Bayern, wohl aber an anderen Leitungen.

Die wichtigsten Regelungen im neuen EEG

  • Deckel drauf - mit Löchern

    Der Zubau bei Windanlagen an Land wird auf 2500 Megawatt (MW) pro Jahr begrenzt. Kommt mehr hinzu, sinkt die garantierte Einspeisevergütung schneller. Allerdings: Verstärkung vorhandener Anlagen zählt nicht dazu. Eine starke Einschränkung ist das nicht. Die echte Bremse wirkte beim Solarstrom.

  • Neues System ab 2017

    In drei Jahren bekommen neue Anlagen keine garantierte und gesetzlich festgeschriebene Einspeisevergütung mehr. Dann müssen die Betreiber ihre Anlagen per Ausschreibung finanzieren, damit mehr Markt herrsche. Die Folgen: bisher unkalkulierbar.

  • Verschonte Arbeitsplätze

    Die Befreiung energieintensiver Betriebe von der EEG-Umlage bleibt erhalten. Entsprechend der neuen europäischen Beihilferegelung sind künftig 65 Branchen begünstigt. Unternehmen anderer Wirtschaftszweige können aber nachweisen, dass sie ebenfalls energieintensiv sind. Über 400 von bisher 2200 Betrieben fallen aus der vorteilhaften Regelung heraus.

  • Selbermachen kostet mehr

    Eigenerzeuger, die schon bisher ihren benötigten Strom selbst herstellen, müssen auch künftig keine EEG-Umlage zahlen. Wer jetzt neu einsteigt, ist aber mit der Hälfte dabei. Die Bundesregierung brandmarkt die Selbsthilfe als „Flucht aus der Solidarität“.

  • Langsam, aber stetig teurer

    Auf absehbare Zeit steigen die Kosten für die erneuerbaren Energien weiter – und damit auch die EEG-Umlage. Denn der Zubau schreitet voran, und noch fallen nur ganz wenige Anlagen aus der 20-jährigen Vergütungsgarantie. Zielmarke bis 2017: sieben Cent pro kWh.

„Die gemachten Anpassungen insbesondere bei der Verlängerung der Süd-Ost-Trasse nach Mecklenburg-Vorpommern sind eine Mogelpackung, um zu kaschieren, dass die Leitung in Zukunft in erster Linie Braunkohlestrom in den Süden transportieren soll“, sagt Kemfert, die beim DIW die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt leitet. Selbst wenn Windkraft zunehme, gebe es wegen der sinkenden Braunkohleenergie theoretisch heute schon genügend Leitungen.

Das sehen die Netzbetreiber anders. Aufgrund der EEG-Novelle aus dem August und Bürgerprotesten sahen sie jedoch Grund zu Korrekturen. Die bedeutendsten Veränderungen gab es aber nicht am Verlauf, sondern an den Start- und Endpunkten.

Hier die wichtigsten Punkte im Überblick:

  • Die Ost-Süd-Trasse soll nicht wie geplant in Bad Lauchstädt (Sachsen-Anhalt) nahe eines Braunkohlereviers beginnen, sondern 110 Kilometer weiter nördlich in Wolmirstedt bei Magdeburg. Begründung: So rückt die Trasse näher an die Windparks in Mecklenburg-Vorpommern

  • Auch der Endpunkt der Trasse wurde 30 Kilometer nach Westen verschoben, von Meitingen (nahe Augsburg) nach Grundremmingen. Der Grund: In der Nähe des Atomkraftwerkes ließe sich eine bessere Anbindung der Trasse an bestehende Infrastruktur nutzen

  • Der Endpunkte der 800 Kilometer langen Nord-Süd-Trasse SuedLink soll nun in den Raum Wendlingen verlegt werden und rückt so näher an die Industrie in Stuttgart. Gleichzeitig entfällt eine neu geplante Verbindungstrasse zwischen Bünzwangen und Goldshöfe

  • Zudem sehen die Netzbetreiber wegen des starken Zuwachses bei Windkraftanlagen Nachholbedarf im Nordosten des Landes. Deswegen sollen die bestehende 220-Kilovolt Leitungen in Mecklenburg-Vorpommern zu 380-Kilovolt-Leitungen ausgebaut werden. Dabei geht es um die Verbindungen zwischen Pasewalk und Lubmin sowie zwischen Lubmin und Güstrow.

Noch sind die Entwürfe bloße Wünsche der Netzbetreiber. Bevor sie realisiert werden, müssen sie zunächst von der Bundesnetzagentur genehmigt werden. Dann müssen schließlich noch der Bundestag sowie der Bundesrat zustimmen. Dass sie realisiert werden gilt hingegen als wahrscheinlich.

Aus diesen Gründen schwitzt die Erde

  • Das Bevölkerungswachstum

    Die Anzahl der Menschen auf der Erde wächst jedes Jahr um etwa 70 bis 80 Millionen Personen. Das entspricht fast der Bevölkerungsgröße Deutschlands. Bis 2050 soll laut Schätzungen der Vereinten Nationen die Weltbevölkerung auf knapp 10 Milliarden Menschen angewachsen sein. Dass die Kinder nicht hierzulande oder bei unseren europäischen Nachbarn geboren werden, ist hinreichend bekannt. Vor allem in den Schwellen- und Entwicklungsländern in Afrika und Asien wächst die Bevölkerungszahl. Dadurch wächst auch der Bedarf an Rohstoffen, Energie, Wasser und Nahrung.

  • Wirtschaftswachstum

    Trotz Kyoto-Protokoll aus dem Jahr 1992 hat sich der CO2-Ausstoß kaum verringert. Lediglich als 2009 aufgrund der Wirtschafts- und Finanzkrise viele Industriestätten weniger produzierten, sank der Wert der Kohlendioxidemission auf 784 Millionen Tonnen. Schon ein Jahr später lag der Wert wieder bei 819 Millionen Tonnen. Dabei entsteht ein Großteil der Emissionen in nur wenigen Ländern wie China, den USA und der EU.

  • Automobile

    Während Carsharing und der öffentliche Nahverkehr in Ländern wie Deutschland in Zeiten hoher Benzinkosten viele Anhänger findet, ist der weltweite Trend eindeutig ein anderer. Immer mehr PKW fahren über den Globus. 2010 wurde erstmals die Eine-Milliarde-Marke geknackt. Besonders viele Autos pro Einwohner werden in Monaco und den USA gefahren.

  • Kohle, Kohle, Kohle

    Der seit Mai 2012 stetig ansteigende Ölpreis hat dafür gesorgt, dass Kohle wieder an Attraktivität gewonnen hat. Die Wiederauferstehung der Kohle ist für die Umwelt eine Katstrophe. Laut BUND sind Kohlekraftwerke mehr als doppelt so klimaschädlich wie moderne Gaskraftwerke. Die großen Dampfwolken aus den Kühltürmen der Kraftwerke machen ein anderes Problem deutlich: Mehr als die Hälfte der eingesetzten Energie geht meist als ungenutzte Wärme verloren.

  • Abholzung

    Das Handout der Umweltschutzorganisation WWF zeigt die illegale Abholzung eines Waldgebietes in Sumatra (Indonesien). Jährlich gehen knapp 5,6 Millionen Hektar Wald verloren. Die fortschreitende Abholzung von Regenwäldern trägt entsprechend mit zur globalen Erderwärmung bei. Denn die Wälder speichern Kohlendioxid.

  • Rindfleisch

    Rinder sind wahre CO2-Schleudern. Die Produktion von einem Kilogramm Rindfleisch in Brasilien erzeugt genauso viel klimaschädliches Kohlendioxid wie eine 1.600 Kilometer lange Autofahrt. In diese Rechnung fließen mehrere Faktoren ein. Zum einen können auf dem für die Rinder genutzten Weideland keine Wälder mehr wachsen. Zum anderen scheiden Rinder das klimaschädliche Gas Methan aus. Laut WWF sind in Deutschland fast 70 Prozent der direkten Treibhausemissionen auf die Ernährung mit tierischen Produkten zurückzuführen.

  • Wegwerfgesellschaft

    Nicht nur Unmengen an Verpackungsmüll produzieren die Deutschen. Wir schmeißen auch jede Menge Lebensmittel weg, pro Kopf etwa 100 Kilogramm pro Jahr. Auch diese Verschwendung wirkt sich massiv negativ auf das Klima aus.

  • Flugzeuge

    Flugzeuge stoßen CO2, Stickoide, Wasserdampf, Ruß, Sulfat und andere Partikel aus und verpesten so die Umwelt. Die größte Klimawirkung hat laut atmosfair.de das reine CO2, das immer beim Verbrennen von Benzin oder Kerosin entsteht. Außerdem die Bildung von Schleierwolken und Kondensstreifen, der Aufbau vom Treibhausgas Ozon in einem sensiblen atmosphärischen Stockwerk sowie der Abbau von Methan.

Doch bis das geschieht, kann noch einige Zeit vergehen. „Frühestens im nächsten Jahr wird im Bundestag und im Bundesrat über den Ausbauplan abgestimmt. Der Ausbau wird sicher nicht vor 2017 oder 2018 beginnen“, schätzt Lars Waldmann vom Thinktank Agora Energiewende.

Bis 2020 sollen in der Nord- und Ostsee Windparks mit 6500 Megawatt Leistung entstehen – das entspricht der Leistung von mehr als sechs Kernkraftwerken. Der Ausbau der Stromnetze soll diesen Strom in den Süden des Landes bringen.

Waldmann unterstützt die Pläne der Netzbetreiber, hält den Ausbau der Stromnetze für ein zentrales Element der Energiewende. „Ohne den Ausbau der Trassen würde unser Stromsystem extrem verteuert. Allein weil es zwei Preiszonen gebe: eine günstige für Regionen mit vielen erneuerbaren Energien, und eine teurere für alle anderen“, sagt er. Ein Netzbetreiber warnte: Ohne den Ausbau könne in Bayern künftig der Einkaufspreis für Strom bis zu 30 Prozent teurer als im Norden sein.

Weitere Artikel

In den vergangenen Monaten profilierten sich vor allem der bayrische Ministerpräsident Horst Seehofer, sowie die Noch-Ministerpräsidentin Thüringens, Christine Lieberknecht als Trassengegner. Die Ost-Süd-Trasse soll durch Bayern und Thüringen führen. Beide Landesoberhäupter hatten zuvor jedoch den Bau der Leitungen 2013 im Bundesrat mitgetragen.

In den kommenden sechs Wochen können nun die Bürger ihre Einwände gegen den Netzausbau vorbringen – nach der Vorstellung des letzten Entwurfs gab es davon 27000. Fraglich ist jedoch deren tatsächliche Auswirkung. So hat sich etwa an den beiden großen Korridoren von SuedLink sowie der Ost-West-Trasse bei den neuen Entwürfen nichts Wesentliches getan.

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