DIW-Studie zu Familie: Wie der Staat von Kinderreichen profitiert

exklusivStudie zu großen Familien: Wie der Staat von Kinderreichen profitiert

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In den 1950er Jahren ein häufiges, heute ein seltenes Bild: Eine Familie mit vier Kindern.

von Ferdinand Knauß

Im Wahlkampf spielen große Familien kaum eine Rolle. Doch eine neue Studie zeigt, dass eine kinderfreundliche Politik dem Fiskus ganz handfeste Mehreinnahmen einbringen könnte. Der Schlüssel liegt im Rentensystem.

Nicht nur im so genannten TV Duell kam ein für die Zukunft Deutschlands besonders wichtiges Politikfeld so gut wie gar nicht zur Sprache: Familienpolitik. Auch der Wahl-O-Mat ignoriert sie. Die Interessen von Eltern, vor allem von Eltern mit vielen Kindern, spielen offensichtlich trotz entsprechender Ankündigungen der CDU im Frühjahr keine große Rolle in der Wahltaktik der Parteien. Eine vierfache Mutter, die Spiegel-Online in einer Reportage wie eine einheimische Exotin vorstellt, kommt zum Ergebnis: „So richtig hat keine Partei etwas für Frauen wie mich im Angebot.“

Das große Schweigen der Parteien vor den Wahlen brechen nun zwei Veröffentlichungen. Die erste ist eine nüchterne ökonomische Studie über „Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Mehrkindfamilien in Deutschland“. Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln wird sie heute im Auftrag des Verbands kinderreicher Familien (KRFD) in Berlin vorstellen. Die zweite ist ein emotionales Sachbuch, ein „Plädoyer für eine vom Kind her gedachte Familienpolitik“. Beide Publikationen sind beachtenswert.

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Kinderzahl von Frauen in Deutschland nach GeburtsjahrgängenAnteile in Prozent, Stand 2016 (in Klammern: Alter 2016);Quelle: Statistisches Bundesamt; Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Kinderzahl von Frauen in Deutschland nach Geburtsjahrgängen

Anteile in Prozent, Stand 2016 (in Klammern: Alter 2016);
Quelle: Statistisches Bundesamt; Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Einen „tiefen Riss“ sehen die Autorinnen Susanne Garsoffky und Britta Sembach in ihrem am Montag erschienenen gleichnamigen Buch. Der Riss zwischen Kinderlosen und Eltern wird vor allem in der Rentenfrage deutlich: „In zehn bis fünfzehn Jahren, wenn die Babyboomer in Rente gehen, werden immer mehr Menschen, die selber keine Kinder haben, eine von der dann erwerbstätigen Generation zu bezahlende gesetzliche Altersrente beziehen.“ Man könnte ergänzen: Und die wird oft höher ausfallen als diejenige der Eltern der künftigen Rentenbeitragszahler. Denn die Kinderlosen konnten tendenziell leichter Karriere machen, dadurch mehr Ansprüche an die Rentenkasse sammeln und auch eher noch zusätzlich privat vorsorgen.

Garsoffky und Sembach stellen fest, dass die Politik die „Sprengkraft des Demografie-Themas längst erkannt – und fürchten gelernt“ habe. Es wird bei der Betrachtung schließlich eine grundlegende Fehlkonstruktion des Sozialstaates deutlich. Keine der Parteien, die seit Jahrzehnten politische Verantwortung tragen, kann ein Interesse daran haben, den Eltern, die die nächste Generation von Beitragszahlern großgezogen haben, zu erklären: Eure eigene Rente wird nicht zum Leben reichen, weil es im von uns zu verantwortenden System ökonomisch vernünftiger ist, keine Kinder zu haben und durch die Kinder anderer abgesichert zu sein, weil wir, wie Garsoffky und Sembach schreiben, „ den Wert von Kindern sozialisiert, die Kosten für sie aber privatisiert haben.“

Da ist es nur konsequent, im Interesse des nächsten Wahlergebnisses von dem Thema möglichst ganz zu schweigen:  „Besser keine ernsthafte und mit allem Nachdruck geführte Diskussion und keine Suche nach umfassenden Lösungen und neuen sozialpolitischen Wegen als ein Absinken in der Beliebtheitsskala“, schreiben Garsoffky und Sembach.

Ehe für alle Kinder sollen sich lohnen, nicht Ehe

Auch für Homosexuelle kommt die Ehe. Ein guter Anlass, die gesamte Familienbesteuerung zu modernisieren.

Cordula Tutt. Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche

Als Wählergruppe verlieren große Familien ohnehin an Bedeutung. Seit den frühen 1970er Jahren ist die Zahl großer Familien gesunken (siehe Grafik). Kinderlose und Ein-Kind-Eltern sind zusammen in der Mehrheit – und die Kinder der anderen haben schließlich (noch)kein Stimmrecht. Ein echtes Dilemma der gegenwärtigen Politik und Wirtschaft: Diejenigen, die für die Zukunft des Landes und seiner Volkswirtschaft eine herausragende Bedeutung haben, spielen als Minderheit politisch nur eine Nebenrolle.

Wie groß diese Bedeutung allein fiskalpolitisch ist, zeigt die heute veröffentlichte Studie. Die IW-Ökonomen um  Axel Plünnecke beziffern den volkswirtschaftlichen Mehrwert durch Mehrkindfamilien anhand von Musterberechnungen. Fazit: „Bekommt eine Familie mit zwei Kindern, mittlerem Einkommen und mittlerem Lebenslauf der Mutter ein drittes Kind mit mittlerem Bildungsstand, ergibt sich ein positiver gesamtfiskalischer Wert in Höhe von 58.700 Euro. Erreicht es sogar einen hohen Bildungsabschluss liegt der Wert bei  448.500 Euro.“ Eine Fokussierung der Familienpolitik auf die Erleichterung der Entscheidung für weitere Kinder wäre also auch mit Blick auf den Schuldenstand der öffentlichen Haushalte zukunftsträchtig.

Eine Einschränkung macht Plünnecke, allerdings: „Nur wenn es gelingt allen Kindern aus Mehrkindfamilien eine gute Ausbildung zu ermöglichen, können diese ihre volkswirtschaftlichen Potenziale voll entfalten.“ Wenn dritte oder vierte Kinder keinen Berufsabschluss erreichen und daher auch im mittleren Lebensabschnitt  wenig oder gar keine Steuern und Abgaben zahlen, belasten zusätzliche Kinder insgesamt den Fiskus.

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