Talk bei Anne Will: Sprechautomaten deuten den Lindner-Rücktritt

Talk bei Anne Will: Sprechautomaten deuten den Lindner-Rücktritt

, aktualisiert 15. Dezember 2011, 08:43 Uhr
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Anne Will.

Quelle:Handelsblatt Online

Bei Anne Will wurde aus aktuellen Anlässen über die FDP- und die Bundespräsidenten-Krise gestritten. Journalist Jörges gewann das Duell gegen FDP-Mann Niebel. Die Diskussion begann lebhaft und ließ stark nach.

Besondere Tagesaktualität zählte in den letzten Wochen nicht gerade zu Qualitäten, um die sich die ARD-Talkshows und speziell die von Anne Will bemühten. Lieber wurde über „Malochen bis 67 und dann arm - ist das sozial?“ oder „Versichern, verkaufen, verschaukeln - wer traut noch seinem Berater?“ diskutiert. Am gestrigen Mittwoch aber reagierte die Redaktion schnell und kippte das ganz besonders zeitlose Thema „Deutschland, deine Beamten - überversorgt und überflüssig?“ aus dem Programm, um topaktuell die Politikkrisen um Bundespräsident Christian Wulff und den zurückgetretenen FDP-Generalsekretär Christian Lindner zu diskutieren.

Immerhin munter los ging es. Entwicklungsminister Dirk Niebel, als FDP-Generalsekretär der Vorgänger des zurückgetretenen Lindner, wiederholte gleich mehrmals „Ich bin fest davon überzeugt, dass Patrick Döring“, Lindners Nachfolger also, „ein guter Generalsekretär sein wird“ – seine Antwort auf die Frage, ob er den Rücktritt bedaure. So bekam Moderatorin Will Gelegenheit, mal wieder kurz die schon lange nicht mehr (und auch gestern nur vorübergehend) ausgefüllte Rolle einer harten Nachfragerin zu schlüpfen. Und Niebel konnte sein Image als „Sprechautomat“ auffrischen.

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Solche Qualitäten brauchte er gestern auch, wie schon die ersten Einlassungen des mutmaßlichen Rekordtalkshowgastes Hans-Ulrich Jörges (gastierte vor zwei Wochen in Wills Guttenberg-Diskussion und am Montag in Frank Plasbergs „Angst um den Wohlstand“-Diskussion) zeigte. Erklärungen wie die Niebels „machen die Politikkrise immer noch größer“, sagte der „Stern“-Journalist. Lindner sei zurückgetreten, um „sich nicht selbst weiter zu beschädigen“, FDP-Parteichef Philipp Rösler sei „vollkommen inkompetent als Parteivorsitzender wie als Wirtschaftsminister“ und werde in ersterer Funktion bald von Rainer Brüderle abgelöst, so lauteten Jörges' atemlose Vorhersagen.

Die einzige Frau unter den Gästen, die Schriftstellerin Thea Dorn, verlagerte die Debatte mit ein paar Sätzen über den Liberalismus an sich und das Charisma aktueller Politiker auf eine noch allgemeinere Ebene. „Wir erleben das Ende der FDP – zurecht“, rief im Brustton der Überzeugung der frühere NDR-Chefreporter Christoph Lütgert aus – der selbst vor allem durch seine Reportagen über Carsten Maschmeyer als ebenso unbeirrbarer Fernsehjournalist wie Selbstdarsteller bekannt ist.

So entwickelte sich die erste Hälfte der Sendung als Gesichtershow: Gerne rückte die Regie Dirk Niebels Miene als die des stoisch alle Vorwürfe ertragenden Prügelknaben ins Bild und ließ dabei seine Brillenränder im Scheinwerferlicht funkeln. Daneben boten Lütgerts massiges Gesicht, das sardonische Lächeln des zunächst zurückhaltenden Jürgen Trittin und der ebenfalls massige, ebenfalls beim Zu-Ende-Bringen noch so langer Sätze kaum beirrbare CDU-Parlamentarier Peter Altmaier Unterhaltungswert. Ein Sprechautomaten-Duell zwischen Jörges und Niebel, das der Journalist souverän gewann, entlockte auch Will entzücktes Lächeln. Es war zumindest aufschlussreicher als die Was-wäre-wenn-Spekulationen über den Ausgang des FDP-Mitgliederentscheids zum Euro-Rettungsschirm.


Warum ausgerechnet ein Grüner Präsident Wulff verteidigt

Niebels verblüffendes Argument, die FDP habe gutes Personal, weil etwa ihre Generalsekretäre bekannter seien als die der anderen Parteien, führte leider nicht zu einer Debatte über die öffentlich-rechtliche Talkshowflut (dank der Lindner relativ bekannt wurde). Als Thea Dorn dann die in der aktuellen Versicherungs- und Energiekonzern-Werbung beliebte Pose einnahm, Politiker sollten doch ganz einfach erklären, warum Europa noch mal so eine wunderbare Idee sei, hoben nicht nur CDU-Mann Altmaier, sondern auch der Grüne Trittin dermaßen bundespräsidial an, ihr diesen Gefallen zu tun, dass Anne Will zum zweiten Thema der Show überleitete - dem amtierenden Bundespräsidenten.

Wiederum äußerte sich Lütgert am härtesten („unglaubliche Enttäuschung“, „Wozu brauchen wir diesen Mann noch als Bundespräsidenten?“). Jörges bezog eine Gegenposition („gegen das Kaputtreden“ Wulffs, bevor ihm handfeste Vorwürfe gemacht werden könnten). Dorn könnte es mit dem Vorwurf, dass Wulff sich als Bundespräsident über die Tattoos seiner Frau in der Boulevardpresse habe profilieren wollen, locker in die Top 50 der unqualifiziertesten Talkshow-Bemerkungen 2011 schaffen. Außerdem erinnerte sie an seinen knappen Wahlsieg gegen Joachim Gauck - woraufhin Jürgen Trittin, der Gauck als Kandidaten vorgeschlagen hatte, sich umso staatsmännischer in die Bresche für Wulff warf. Zuvor hatte der Grüne schon mit seiner Einschätzung von dessen zweifelhafter Auskunft vor dem niedersächsischen Landtag, so ein „an der Wahrheit Vorbeireden“ könne ja vorkommen „im politischen Meinungskampf eines Landtages“, aus dem Fenster gelehnt. In Wills Runde verpuffte die nicht ganz unbrisante Bemerkung freilich.

Spätestens als in einem Einspielfilmchen Passanten, denen ein ARD-Reporter vor dem Berliner Reichstag ein Mikrofon hielten, wörtlich das sagten, was von den Studiogästen vorher auch schon öfter zu hören gewesen war, trat die inzwischen erhebliche Redundanz der Sendung zutage. Später jedoch folgte ein erstaunlich relevanter Einspielfilm. Gegen 23.55 Uhr wurde der mit 48.000 Euro Übergangsgeld versüßte Rücktritt des Berliner Elf-Tage-Senators Michael Braun noch rasch in die Diskussion geworfen, in der aber nur der reaktionsschnelle Jörges ein wenig Empörung („griechische“, „italienische Verhältnisse“) äußern konnte, bevor die in der halben Stunde zuvor keineswegs kurzweilige Sendung um Mitternacht endete. Zu einer gelungenen Talkshow würde außer Aktualität auch Gespür für Timing gehören.

Quelle:  Handelsblatt Online
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