Talkshow Günther Jauch: Der Bundespräsident und die 500.000-Euro-Frage

Talkshow Günther Jauch: Der Bundespräsident und die 500.000-Euro-Frage

, aktualisiert 19. Dezember 2011, 09:49 Uhr
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Moderator Günther Jauch.

von Christian BartelsQuelle:Handelsblatt Online

Mit Ernst und Eifer diskutierten die 90-jährige Hildegard Hamm-Brücher, der zornige Journalist Wolfgang Herles und ein CDU-Dauertalkshowgast über die Kritik an Christian Wulff. Sogar Günther Jauch zeigte sich ungewohnt angriffslustig.

DüsseldorfSo viel senderübergreifende Selbstironie hatte man dem selten vor Esprit sprühenden Günther Jauch gar nicht zugetraut. Das weiterhin aktuelle Thema "Ist Christian Wulff noch der richtige Bundespräsident?" ließ er Sonntagabend mit deutlichem Anklang an seine Quizshows im Privatfernsehen unter dem Titel „Die 500.000-Euro-Frage“ diskutieren.

Und es ging auch feurig los. Die 2002 aus der FDP ausgetretene 90-jährige Hildegard Hamm-Brücher (die Kopfhörer trug, offenbar um die Mitdiskutanten besser zu verstehen, aber mit enorm klarer Intonation sprach) stellte die heutige Wulff-Kritik in deutlichen Zusammenhang mit derjenigen vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten im Mai 2010. „Damals wollten wir Ansehen und Glaubwürdigkeit der Demokratie stärken“, erklärte sie ihr Engagement für den populären, knapp gescheiterten Gegenkandidaten Joachim Gauck, und „heute stellt sich raus, dass wir recht gehabt haben“.

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Talkmaster Jauch zeigte sich ungewohnt angriffslustig und nannte seinen zweiten Gast Peter Altmaier den „einzigen, der den Bundespräsidenten noch verteidigt“. Natürlich widersprach der wackere Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/ CSU-Bundestagsfraktion: Wulff habe viel Rückhalt. Jauch wusste jedoch ein gutes Argument für seine Behauptung: die Absagen vieler Regierungspolitiker auf Anfragen seiner Redaktion, wer denn in diese Sendung kommen würde, um den Bundespräsidenten zu verteidigen. Das saß - schon weil Altmeier bereits am vergangenen Mittwoch in der Anne-Will-Show gesessen hatte, als unter anderem dasselbe Thema diskutiert wurde. (Der Fairness halber sei gesagt: Als am Donnerstag drauf bei Reinhold Beckmann weiter über Wulff und seinen Kredit getalkt wurde, war Altmeier anwesend).

In der Jauch-Show knüpfte er mit Sätzen wie "Nach allem, was wir wissen, ist ihm juristisch kein Vorwurf zu machen" nahtlos an seine vorsichtige Linie vom Mittwoch an. Jauch konterte mit einem Einspielfilm, in dem der Staatsrechtler Hans Herbert von Arnim Wulff unter Berufung auf das niedersächsische Ministergesetz doch konkrete (aus der aktuellen Presse bekannte) Vorwürfe machte.

Dank präziser Argumentation wurde schnell klar, dass die Frage, ob Wulff zurücktreten sollte, sich in dieser Woche weiterentwickeln wird und in der Sonntagabendshow keine Klärung gefunden werden würde. Dank einer guten Gästeauswahl ging es weiter auf ordentlichem Niveau hoch her. Grünenpolitikerin Renate Künast verblüffte Jauch zunächst durch ihre vergleichweise moderate Wulff-Kritik. Dafür legte Wolfgang Herles, der derzeit ohne allzuviel Fortune die ZDF-Literatursendung "Das blaue Sofa" moderiert, umso mächtiger los. Erst erstaunte er mit der These, die aktuelle Kritik an Wulff hänge mit der "unternehmerfeindlichen Kultur" in Deutschland zusammen: "Wenn jemand anders, Sie zum Beispiel", und da sprach er Jauch an, "ihm das Geld geliehen hätte, wäre das kein Problem gewesen", sagte Herles (und täuschte sich zumindest insofern, als dass Jauch als Produzent seiner ARD-Talkshow und allerhand anderer TV-Sendungen durchaus auch Unternehmer ist). Kaum dachte man, mit Herles säße also ein zweiter Wulff-Verteidiger im Panel, warf er aber ein, dass Wulff "ein lausiger Bundespräsident" sei, etwa weil er die Vorzüge Europas nicht erklärt habe. Als Altmeier später den wohl bekanntesten Wulff-Satz "Der Islam gehört zu Deutschland" aufs Tapet brachte, echauffierte Herles sich erst recht: Ein "saublöder Satz" sei das, "unterkomplex", "populistisch", "der dümmste Satz des Jahres".


Über Wulffs Zukunft wird im Kanzleramt entschieden

Ungewöhnlich für Jauchs ARD-Talkshow war gestern, dass Jauch wiederholt mit neuen Wendungen die Diskussion voranbrachte, zum Beispiel mit dem Zitat: "Ich leide physisch darunter, dass wir keinen unbefangenen Bundespräsidenten haben". Damit hatte Wulff im Jahre 2000 eine Flugaffäre des damaligen Präsidenten Johannes Rau kommentiert. Zum Beispiel mit aktuellen Presseberichten, wonach die "Bild"-Zeitung schon lange einen Skandalbericht über das Vorleben von Wulffs zweiter Frau in der Schublade habe.

Der stellvertretende "Bild"-Chefredakteur Nikolaus Blome war Jauchs fünfter Gast und dementierte derart schneidig, dass Kenner der "Bild"-Zeitung und ihrer Methoden Zweifel haben mögen. Ansonsten zeigte sich Blome als scharfer Wulff-Kritiker, erinnerte daran, dass die meisten Politiker-Rücktritte nicht wegen eines Skandals, sondern wegen des Umgangs damit erfolgten und meinte, über Wulffs Zukunft werde im Kanzleramt entschieden.

Ungewöhnlich für aktuelle öffentlich-rechtliche Talkshows an sich war gestern, wie die Teilnehmer selbst immer wieder dafür sorgten, dass die Debatte halbwegs fokussiert blieb. Als Jauch (nachdem Altmeier die Freundschaft des Ex-Kanzlers Gerhard Schröder mit dem umstrittenen Carsten Maschmeyer, die anders als diejenige Wulffs nie kritisiert worden sei, ins Spiel gebracht hatte) blumig nach einer Verführbarkeit von Politikern für Geld und Glamour fragte, würgte Blome diesen Ansatz mit der Bemerkung ab, "dass wir uns gerade ins Nirwana diskutieren".

Als Hildegard Hamm-Brücher, per Laufband immer wieder als "Grande Dame der deutschen Politik" tituliert, nun, da so "verrückte Dinge wie die Piratenpartei" aufkommen, drauf und dran schien, vor einer Entwicklung wie am Ende der Weimarer Republik zu warnen ("Warum ist Weimar zugrunde gegangen? Weil sie keine Demokraten mehr hatten"), wollte diesen Eindruck keiner der anderen Gäste stehen lassen. Da, im letzten Drittel, hatte Jauch sich als Fragesteller quasi zeitweise verabschiedet.

Als er sich mit einer absolut überflüssigen Ja/Nein-Abstimmung unter den 300 Zuschauern im Saal zur Frage "Ist Bundespräsident Christian Wulff für Sie noch glaubwürdig?" wiedereinschaltete und die Show schließlich mit der ähnlich überflüssigen Verlesung von Sätzen aus offenbar beliebig ausgewählten Zuschauer-E-Mails ("Politiker sind Menschen wie Du und ich...") beendete, blieb dennoch der Eindruck, dass mit Eifer, mit dem Thema angemessenem Ernst und dennoch vielschichtig diskutiert worden war. Und der, dass Günther Jauchs letzte ARD-Talkshow im Jahr 2011 eine der eher wenigen immerhin soliden war.

Quelle:  Handelsblatt Online
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