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Talkshows 2012: Wieder viel Erregung

von Thomas Sigmund, Johannes C. Bockenheimer, Thomas Sigmund und Johannes C. Bockenheimer Quelle: Handelsblatt Online

Wer dominierte das Jahr 2012 medial? Kanzlerin Merkel wurde fast 25.000 Mal in den Zeitungen erwähnt. Die Könige der Talkshows heißen Ursula von der Leyen und Wolfgang Kubicki - keiner war öfter bei Jauch, Illner und Co.

Neben sechs täglichen Talkshows bei den Öffentlich-Rechtlichen ist noch das Format von Stefan Raab hinzugekommen: In „Absolute Mehrheit“ kämpfen die Gäste um die Zustimmung der Zuschauer.
Neben sechs täglichen Talkshows bei den Öffentlich-Rechtlichen ist noch das Format von Stefan Raab hinzugekommen: In „Absolute Mehrheit“ kämpfen die Gäste um die Zustimmung der Zuschauer.

BerlinDer Erregungsmaschinerie in der Berliner Republik machte in diesem Jahr ausgerechnet Thilo Sarrazin einen Strich durch die Rechnung. Das neueste Buch des ehemaligen Bundesbankers erfüllte bei weitem nicht die Erwartungen vieler in der Politik und auch nicht im Gewerbe der TV-Talkshows. Es gab in seinem Euro-Buch "Europa braucht den Euro nicht" keine Bemerkungen, die als ausländerfeindlich kritisiert werden konnten. Offenbar fand sich einfach kein Platz, um sich über den Biologismus weitere vertiefende Gedanken zu machen.

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Die Emotionsmaschine stockte, aber nicht lang. Sarrazin blieb ein Ausnahmefall. Andere vertraute Gesichter wie der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki oder die CDU-Arbeitsministerin Ursula von der Leyen drehten wie gewohnt oft genug voll im Leerlauf. Der FDP-Politiker und die CDU-Politikerin waren laut einer MEEDIA-Recherche im Jahr 2012 am häufigsten in den sechs großen Talkshows von ARD und ZDF zu sehen. Als soziales Gewissen der Union setzte sich die Bundesarbeitsministerin für entlassene Schlecker-Frauen, Alleinerziehende oder Kinder von Hartz-IV-Empfängern ein. Erregte damit die eigenen Truppen und die Opposition gleichermaßen, auch wenn sich für die Betroffenen kaum etwas veränderte.

Das gleiche Geschäftsmodell betreibt Wolfgang Kubicki. Der schleswig-holsteinische FDP-Fraktionschef sprach über alles und jeden, schoss aber vor allem gerne auf das eigene Tor und den Parteivorsitzenden. Erst gestern kündigte er zum wiederholten Mal an, im kommenden Bundestagswahlkampf eine führende Rolle übernehmen zu wollen. "Ich will nicht tatenlos zusehen, wie meine Partei vor die Hunde geht", rums, ein Blattschuss wieder in die eigenen Reihen.

Von der Leyen und Kubicki stehen in einer guten Tradition. Sie beerben als Talkshow-Könige Grünen-Chef Jürgen Trittin und die Allzweckwaffe Heiner Geißler, die den Titel 2011 und 2010 gewonnen hatten. Nicht zu vergessen die viel zitierten Euro-Kritiker Wolfgang Bosbach, Frank Schäffler oder Klaus-Peter Willsch, die ein Krisenszenario nach dem anderen entwarfen. Vieles sagten sie zu Griechenland zu Recht, aber gestern stufte die Ratingagentur Moody's das Land wenigstens ein paar Stufen höher. Immerhin ein kleiner Lichtblick, der die Negativserie an Meldungen für kurze Zeit zum Stoppen brachte.

Ein Blick zurück in die Bonner Zeiten zeigt: Gegen was, wen oder wogegen geschossen wird, bleibt mittlerweile häufig zweitrangig. Hauptsache, man bleibt auf Sendung, empört und echauffiert sich. Die Verhältnisse in der Berliner Republik sind nicht annähernd so ruhig und gemütlich wie im Rheinland. Privates blieb damals auch meist privat. Vielleicht gab es damals aber auch nur weniger Politiker vom Schlage eines Karl-Theodor zu Guttenberg, der die Selbstinszenierung von Politik wie kein anderer zelebrierte.

Beispielhaft für diesen Drang nach Aufmerksamkeit stehen etwa die rund 89 Pressemitteilungen, die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht im vergangenen Jahr verschickt hat - dieser Zahl stehen gleichwohl gerade mal 100 Sitzungstage im Bundestag gegenüber. Und der Ton jeder einzelnen Meldung lässt eigentlich nur einen einzigen Schluss zu: Die Republik steht unmittelbar vor dem Zusammenbruch, der Apokalypse. Mindestens. Mal zetert die Linken-Abgeordnete darüber, dass sich die Bundesregierung zum "Komplizen der Finanzhaie" macht, ein anderes Mal stilisiert Wagenknecht Kanzlerin Merkel gar zur "Gefahr für die Weltwirtschaft". Die so gescholtene Kanzlerin gibt sich alle Mühe, nicht Teil der Empörungsmaschinerie zu werden. SPD-Herausforderer Peer Steinbrück musste sich angesichts seiner Nebeneinkünfte darum nicht mehr kümmern.


Hans Michael Strepp, CSU-Sprecher, wurde Opfer der Aufregung

Unvergessen auch die Debatte über die Menschenrechtslage vor der Fußball-EM in Polen und der Ukraine. Vor allem die Grünen geißelten tagelang jeden, der auch nur daran dachte, ein Spiel in Kiew zu besuchen. Das Halbfinale mit der deutschen Mannschaft fand glücklicherweise in Warschau statt. "Selbst wenn die deutsche Nationalmannschaft im Endspiel wäre, darf man diesem Regime keine Bühne bieten", mahnte vor dem Spiel eine wie immer emotional aufgeladene Claudia Roth. Nur die Niederlage der Mannen um Jogi Löw ersparte Deutschland die weitere Diskussion, ob die Kanzlerin und der Präsident zum Finale nach Kiew hätten fahren dürfen. Von den Grünen war kaum mehr etwas über die Menschenrechtslage vor Ort zu hören.

Opfer der emotionalen Aufregung wurde auch CSU-Sprecher Hans Michael Strepp durch einen Anruf in der "heute"-Redaktion des ZDF. Der Anruf mit dem Ziel, nicht über den Parteitag der Bayern-SPD zu berichten, war zwar falsch. Die massive Kritik auch aus der Bundespolitik am Verständnis der CSU von Pressefreiheit auch. Nachdem sich die Debatte über den Staatseinfluss bei den Sendern totgelaufen und die Fernsehredakteure sich genug empört hatten, blieb nur die Erkenntnis: Die Politik nimmt heute noch maßgeblich Einfluss auf Posten und Inhalte der öffentlich-rechtlichen Sender.

Die Beispiele, bei denen ein von Politikern befeuerter medialer Sturm über die Öffentlichkeit hinwegfegte, ließen sich endlos fortsetzen. In der Wulff-Affäre arbeitete sich die Republik am Ende gar an einem Bobby-Car ab. Einige in der SPD zürnen bis heute noch über das kleine Gefährt des Ex-Präsidenten. In Sitzungen von Bundestagsfraktionen rutschte die Euro-Krise auf der Tagesordnung nach hinten, um sich über die Beschneidungsriten in Deutschland aufzuregen.

Umwälzende Veränderungen im Parteiensystem schienen sich durch Wahlerfolge der Piraten anzubahnen. Die Republik nahm die Kampfansage der Politneulinge dankbar an. In den Medien wurden die Freibeuter herumgereicht. Vom andauernden Medienhype berauscht, ließ sich der Vorsitzende Nerz dazu hinreißen, von einer Regierungsbeteiligung nach der Bundestagswahl zu fabulieren. Sogar einen Kabinettsposten hielt Nerz für möglich. Selbst als die Piraten in Umfragen wieder unter die Fünfprozenthürde fielen, ließen die Medien nicht von ihnen ab. Beim letzten Parteitag in Bochum im November hatten sich mehr als 200 Medienvertreter akkreditiert.

Zuletzt bekam Jürgen Fitschen, CO-Chef der Deutschen Bank, die Auswirkungen aufgebrachter Politiker zu spüren. Auch wenn sein Anruf bei Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier ein Fehler war. Den Rechtsstaat konnte auch Fitschen nicht in Gefahr bringen.

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