Tarifeinigung in der Metallindustrie: Hört die Signale!

KommentarTarifeinigung in der Metallindustrie: Hört die Signale!

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WirtschaftsWoche-Redakteur Bert Losse

von Bert Losse

Die Tarifpartner in der Metallindustrie werfen angesichts der Krise alte Rituale über Bord. Das ist gut so. Jetzt muss nur noch Verdi zur Vernunft kommen. Ein Kommentar von WirtschaftsWoche-Redakteur Bert Losse.

Da sage noch jemand, die Gewerkschaften wären alle gleich. Während Verdi für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst erstaunliche fünf Prozent mehr Geld will und jüngst eine erste Warnstreikwelle in Gang setzte, hat die IG Metall in einer der geräuschlosesten Metalltarifrunden aller Zeiten einen organisationspolitischen Kraftakt vollzogen. Erstmals gab es vorher überhaupt keine Lohnforderung - und auch keine stereotypen Drohgebärden. Beschäftigungssicherung hatte für die größte deutsche Gewerkschaft höhere Priorität als Trillerpfeifen und Streikfolklore.

Der heute im Pilotbezirk Nordrhein-Westfalen ausgehandelte Tarifvertrag „Zukunft in Arbeit“ ist ein ordentlicher Kompromiss, der den schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen Rechnung trägt. Die lange Laufzeit bis März 2012 gibt den Unternehmen, deren Produktivität vielerorts wegen des Verzichts auf Entlassungen stark gesunken ist, wichtige Planungssicherheit. Die finanziellen Lasten 2010 halten sich in Grenzen, da es für die Beschäftigten nur zwei Einmalzahlungen von je 160 Euro gibt, die Tarifentgelte aber konstant bleiben. Das läuft real fast auf eine Nullrunde hinaus.  Die ab April 2011 vorgesehene Tariferhöhung von 2,7 Prozent ist zwar nicht wenig, dürfte aber angesichts des sich abzeichnenden Aufschwungs gerade eben zu stemmen sein - und kann auf Betriebsebene auch noch zwei Monate nach hinten verschoben werden.

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Schlichtung im öffentlichen Dienst

Bleibt nur zu hoffen, dass nun auch die Kollegen anderer Gewerkschaften die Signale hören. Just an dem Tag, an dem die Metaller ihre Tarifeinigung bekanntgegeben haben, hat im öffentlichen Dienst die Schlichtung begonnen, eine Einigung ist noch nicht in Sicht. Doch es dürfte für Verdi nun schwerer denn je zu vermitteln sein, warum es saftige Zuschläge für eine Klientel geben soll, die weder von Kurzarbeit noch von Beschäftigungsrisiken betroffen ist.

Arbeiter in der Quelle: AP

Arbeiter in der Metallindustrie

Bild: AP

Ganz ohne Haken ist freilich auch der Metallabschluss nicht. Denn die Tarifparteien beziehen in ihren Deal jemanden ein, der gar nicht am Verhandlungstisch sitzt: den Staat. Wichtiger Teil des Jobpakets ist eine Arbeitszeitverkürzung auf bis zu 26 Stunden, bei der die Beschäftigten einen Teillohnausgleich erhalten. Die Bundesregierung soll diesen komplett von Sozialabgaben befreien. Damit schieben Gewerkschaft und Arbeitgeber der Regierung den Schwarzen Peter zu.

Man kann darüber streiten, ob in Krisenzeiten ein derartiger Vertrag zulasten Dritter (nämlich der Steuerzahler) legitim ist, weil er Jobs vorübergehend sicherer macht. Doch in jedem Fall ist diese Strategie langfristig riskant, weil sie die Tarifautonomie unterhöhlt. Die Metaller machen den Staat zu einem zentralen Akteur im Tarifgeschehen der Privatwirtschaft, da mag man noch so oft betonen, dies dürfe und werde nur „befristet“ und „krisenbedingt“ geschehen. Wenn die Politik erst einmal Geschmack daran gefunden hat, Tarifverträge zu beeinflussen (und erkennt, wie vortrefflich sich dies in Wahlkämpfen nutzen lässt), ist der Weg in eine staatlich gelenkte Tarifpolitik nicht mehr weit. Wer zahlt, der will am Ende auch mitbestimmen.

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