KommentarTarifpolitik: Neuer Stil

von Bert Losse

Arbeitgeber und Gewerkschaften wollen in der Krise auf die alten Tarifrituale verzichten. Das ist gut so. Ein Kommentar von WirtschaftsWoche-Redakteur Bert Losse.

Normalerweise funktionieren Tarifrunden so: Die Gewerkschaften stellen mit viel Tamtam und nach langen internen Debatten eine Fantasieforderung auf, die niemand richtig ernst nehmen kann. Die Arbeitgeber bieten wenig bis gar nichts, wahlweise mit dem Argument, einen aktuellen Aufschwung nicht durch steigende Lohnkosten zu gefährden oder eine Rezession nicht durch steigende Lohnkosten zu verschärfen. Dann beschimpfen sich die Verhandlungspartner gegenseitig, es fallen Worte wie „Affront“ und „Schlag ins Gesicht“.  Am Ende steht ein Abschluss, der in der Regel knapp über der Hälfte der Ursprungsforderung der Gewerkschaft  liegt.

2010 ist alles anders. Angesichts der Krise führen IG Metall und Metallarbeitgeber seit Dezember  vertrauliche Sondierungsgespräche, wie sich schon vor Ablauf des Tarifvertrags Ende April beschäftigungspolitische Pflöcke einschlagen lassen, um die Jobs der Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie zu sichern. Am 4. Februar wollen die Tarifkommissionen der einflussreichen IG-Metall-Bezirke Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg debattieren, ob sie in vorgezogene Verhandlungen mit den Arbeitgebern eintreten wollen, am 9. Februar entscheidet der IG-Metall-Vorstand in Frankfurt. Und es geht dabei ausdrücklich nicht vorrangig um höhere Löhne. Beschäftigungssicherung, so ist von nahezu allen Spitzenfunktionären der IG Metall zu hören, habe diesmal  höchste Priorität.

Anzeige

Wie passt das zum wirtschaftspolischen Credo der Gewerkschaften, höhere Löhne seien stets und überall geboten, weil sie die Kaufkraft stärken und damit Konsum und Konjunktur? Da haben sich die Funktionäre eine geschickte argumentative Brücke gebaut. Auch sichere Jobs, so heißt es neuerdings in der IG Metall, sicherten schließlich die Kaufkraft. Gesamtmetallpräsident Martin Kannegiesser wird derweil nicht müde, die IG Metall für ihr (überwiegend) pragmatisches Auftreten in der Krise zu loben.

Deutsche Wirtschaft in Ausnahmesituation

Manch einer mag den neuen Kuschelkurs der Tarifpartner befremdlich finden. Dass IG-Metall-Boss Berthold Huber schon früh von einer „moderaten“ Runde gesprochen hat, hat ihm bei den Scharfmachern in den eigenen Reihen viel Kritik eingebracht. Und im Arbeitgeberlager und bei nicht wenigen Ökonomen gibt es auch Stimmen, die eine kompromisslose Haltung angesichts der dramatisch gestiegenen Lohnstückkosten der Unternehmen fordern.

Doch die deutsche Wirtschaft befindet sich in einer Ausnahmesituation, in der die alten Rituale nicht weiterhelfen. Kein Beschäftigter, der um seinen Job bangt, dürfte für dröhnende Klassenkampf-Rhetorik und organisationspolitische Spielchen der Tarifpartner jetzt noch Verständnis haben. Bei den Gesprächen zur Beschäftigungssicherung geht es im Kern um eine Arbeitszeitverkürzung auf bis zu 26 Stunden mit Teillohnausgleich. Das lässt sich von der offiziellen Lohntarifrunde nicht trennen.

Der tarifpolitische Instrumentenkasten dafür ist gut gefüllt. Die Tarifparteien müssen ihn nur kreativ nutzen. Warum zum Beispiel einigen sich die Tarifparteien angesichts der konjunkturellen Unsicherheit nicht auf einen Vertrag mit sehr kurzer Laufzeit von, sagen wir, acht Monaten, während derer es keine lineare Lohnzuwächse gibt, sondern nur eine Einmalzahlung - gepaart mit temporären Arbeitszeitverkürzungen und einer zeitlich begrenzten Beschäftigungsgarantie, beides auf Betriebsebene von Geschäftsleitung und Betriebsrat vereinbart?

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%