Tauchsieder: Alle Menschen werden Brüder?

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Kolumne von Dieter Schnaas

Warum sich die Gewerkschaften nicht auf die „Solidarität“ der Deutschen berufen können. Und warum die „Solidarität“ es nicht mit der „Freiheit“, „Gleichheit“ und „Gerechtigkeit“ aufnehmen kann. Ein paar Sonntagsgedanken zum 1.Mai.

Für den jungen, pathosfrohen Friedrich Schiller klang die Parole der französischen Revolution noch wie ein reiner, ungetrübter C-Dur-Akkord: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Schiller konnte das damals noch, für die Selbstbestimmung des Menschen glühen und zugleich sein Herz „mit schönem Enthusiasmus dem Wohl der Menschheit“ widmen. Als gebe es keinen Widerspruch zwischen der Autonomie des Einzelnen und der politischen Sorge ums allgemeine Glück. Als korrespondiere die soziale Natur des Menschen aufs Schönste mit dem Verlangen nach persönlicher Freiheit.

„Menschheit“, das hieß im dichterisch umjubelten Frühling der europäischen Demokratie nicht nur „Rettung von Tyrannenketten“, sondern „Großmut auch dem Bösewicht“. „Menschheit“, das war für Schiller nicht nur eine Metapher für die Überwindung aller Status- und Standesgrenzen, sondern auch die paradoxe Summe aller individuell geteilten Hoffnungen, die Formel universaler Solidarität: „Es hebt die Freiheit siegend ihre Fahne… Ausgesöhnt die ganze Welt… Alle Menschen werden Brüder…“

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Nun - ganz so ist es nicht gekommen. Im Gegenteil. Schillers berühmte Fraternitätsformel (1785), von Ludwig van Beethoven 1824 noch einmal hymnisch bekräftigt („Freude, schöner Götterfunken…“), vermag heute allenfalls noch Besucher von Neujahrskonzerten, überzeugte Christenmenschen und das organisierte Genossentum zu erheben. „Brüderlichkeit“, das klingt nach Kloster, Kirchentag, Enzyklika… „Solidarität“, das klingt nach Klassenkampf und Gewerkschaft, nach Arbeiterwohlfahrt und SPD-Ortsverein… 

Ein Begriff im Wandel der Zeit

Warum aber liegen uns die Vokabeln für praktizierte Mitmenschlichkeit so bleischwer auf der Zunge? Warum hat das Zusammengehörigkeitsgefühl, die „Gesinnung einer Gemeinschaft mit starker innerer Verbundenheit“, so der Soziologe Alfred Vierkandt, warum haben „Sympathie“, „Verbundenheit“, „Gemeinsinn“ und „Loyalität“ keine ähnlich glänzenden Karrieren hingelegt wie „Freiheit“, „Gleichheit“ und „Gerechtigkeit“? Kurz: Warum winken wir routiniert ab, wenn der DGB heute, am 1. Mai, unter roten Fahnen mal wieder „Zeit für mehr Solidarität“ anmahnt?

Tauchsieder Ein Hoch auf den Opportunisten!

Spaß mit Soziologie? Ja, das geht. Jonas Helbig rehabilitiert den Opportunisten als Meister der Gelegenheit. Und Hartmut Rosa zeigt, wo’s lang geht zum „guten Leben“. Soziologie mit eingebautem Lesevergnügen.

Eingebauter Lesespaß: Jonas Helbigs "Der Opportunist" und Hartmut Rosas "Resonanz". Quelle: Presse

Den ersten Hinweis auf eine Antwort verspricht ein Blick in die Etymologie des Begriffs. Die historischen Wurzeln der „Solidarität“ liegen im römischen Finanzwesen und (Schuld-)Recht. Vom goldenen Solidus der Spätantike leiten sich wortgeschichtlich nicht nur „Sold“ und „Soldat“  ab, sondern auch „solide“ und „solidarisch“. Die Regenten bringen mit den geprägten Münzen Vertrauen und Glaubwürdigkeit in Umlauf; der Kopf des Souveräns auf der einen Seite der Münze verleiht der Zahl auf der anderen Seite Autorität und Geltung. Die Qualität einer Bürgschaft hatte auch die obligatio in solidum: Sie bezeichnete eine spezielle Form wechselseitiger Haftung, eine Verbindlichkeit - also buchstäblich das, was ein Mitglied einer Gemeinschaft im Zweifel einem anderen Mitglied gegenüber schuldig war.

Solidarität wird zur Schuld gegenüber den Armen

Politisch scharf gestellt und zum moralisch aufgeladenen Soll-Begriff der Moderne verallgemeinert wird die ursprüngliche Rechtsfigur dann aber erst Ende des 18. Jahrhunderts im revolutionär bewegten Frankreich. Schillers ideelle fraternité wird mit Blick auf die charité der Armenhilfe konkret - und bekommt als verrechtlichte solidarité die Doppeldimension eines sozialreformerischen Anliegens und einklagbaren Menschenrechts. Es ist die Geburtsstunde des modernen Wohlfahrtsstaates. „Die Gesellschaft schuldet ihren unglücklichen Mitgliedern den Unterhalt“, heißt es in der Erklärung der Menschenrechte von 1793, „indem sie ihnen entweder Arbeit verschafft oder denen, die außerstande sind, zu arbeiten, die Mittel für ihr Dasein sichert.“

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