Tauchsieder: Bestnoten für den Bildungswahnsinn

kolumneTauchsieder: Bestnoten für den Bildungswahnsinn

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G8, NC und Halbjahresnoten erzeugen qualmende Köpfe bei Schülern und Lehrern.

Kolumne von Dieter Schnaas

Besinnliche Adventszeit? Von wegen. Bald stehen die Halbjahreszeugnisse ins Haus. Und an deutschen Küchentischen herrscht die nackte Notenpanik. Eine Abrechnung.

Was die Deutschen wirklich bewegt, sind nicht Vladimir Putins Potenzspiele in der Ostukraine oder Angela Merkels Krönungsparteitage in Köln, sondern Klein-Lucas' Notenschnitt in Berlin-Schöneberg und Sofiechens Karrieresorgen in Essen-Kupferdreh. Wobei "bewegen" und "umtreiben" allzu harmlose Beschreibungen der psychologischen Hochdramen sind, die sich in diesen Halbjahreszeugnis-Adventswochen an deutschen Küchentischen und ergonomisch mitwachsenden Kinderschreibtischen abspielen.

Der Sache näher kommt man wohl, wenn man von den Begriffen "Angst" und "Panik" Gebrauch macht. Nicht vor lauter Vieren, Fünfen, Sechsen, wohlgemerkt, vor Blauen Briefen und vorm Sitzenbleiben, vor Einträgen ins Klassenbuch und vor der Aussicht, den Anschluss in Mathe zu verlieren.

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Bloße Optimierung des Humankapitals

Nein, Angst und Panik greifen um sich, weil bei Emilia im Sommer der Schulwechsel ansteht und zwei Dreien in Sport und Musik den Schnitt versauen... Weil es bei Louis, dem Klügsten, ausgerechnet, plötzlich in Deutsch und Bio nicht rund läuft - zweimal nur Zwei minus, was ist da los?... Und weil Leonie, die Älteste, doch in Jena studieren und Grundschullehrerin werden will, nach der Elften aber nur eine 1,9 auf die Waage bringt - mein Gott, da fehlen noch zwei Zehntel zum Numerus Clausus!

Alles übertrieben? Von wegen. In Wahrheit ist es noch viel schlimmer. Wer beispielsweise an der Uni Münster Englisch studieren möchte, braucht eine 1,7. Wer "was mit Medien" machen will, muss einen Schnitt von 1,5 vorweisen. Wer nach einem Bachelor in Wirtschaft und Recht strebt, kommt erst mit einer 1,4 ins Ziel.

Kein Wunder also, dass man sich Familien in Deutschland nicht mehr als Fließbandfabrik positiver Gefühle oder auch als Keimzelle eines gesunden Staates vorstellen kann, sondern im Gegenteil: als ein Ensemble kreideweißer Personen, die von morgens bis abends an der Optimierung des Humankapitals arbeiten.

Die Zeit nach den Unsinnsreformen

Man kann dieses Verhalten rational finden oder pathologisch; das Problem ist, dass es rational und pathologisch zugleich ist - und dass die Bildungspolitiker aller Parteien die kleinfamiliären Exzellenzinitiativen sehenden Auges herbeigefördert haben. 

Die unterschiedlichen Studenten-Typen

  • Sucher-Simon

    Sein Profil ist sehr diffus. Nichts ist ihm so richtig wichtig. Er scheint sich noch nicht entschieden zu haben, was er einmal erreichen möchte. Weder Selbstverwirklichung noch der Erfolg seines Arbeitgebers ist diesem Typ besonders wichtig. Am meisten Wert legt er noch auf Work-Life-Balance. „Wenn sich Sucher-Simon bis zum Ende des Studiums nicht erheblich ändert, wird er es in der Wirtschaft ganz schön schwer haben“, sagt Hesse.

  • Familien-Franzi

    Work-Life-Balance ist für diesen Typ zentral. Der Kinderwunsch ist ausgeprägt, Traditionen hält sie hoch. Sie ist auf der Suche nach einem langfristigen Karriereweg, bei einem Arbeitgeber der sie gut entlohnt und bei dem sie nach Dienstschluss getrost das Handy abschalten kann.

  • Helfer-Hannes

    Dieser Typ ist besonders darauf bedacht, anderen Menschen zu helfen, seinen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten und sein Leben mit Sinn zu füllen. Deshalb fordert er von seinem Arbeitgeber eine Unternehmenskultur, die sich an ideellen Werten orientiert. Geld und persönlicher Erfolg sind für ihn zweitrangig. Sich selbst bei der Arbeit zu verwirklichen und einen Beitrag zum Erfolg des Unternehmens zu leisten, ist für ihn wichtiger.

  • Alles-Anna

    Familie? Ja – Führungsposition? Ja – Sich sozial engagieren? Ja. An erster Stelle steht bei all dem stets das ausgeglichene Verhältnis zwischen Beruf und Privatleben. Eine gute Bezahlung vom Arbeitgeber ist ihnen ebenso wichtig, wie sein gesellschaftliches Engagement und seine herausragenden Produkte. Sie wollen langfristige Perspektiven genauso wie flexible Arbeitszeiten. Die hohen Ansprüche stellen sie auch an sich selbst. Sie sind engagiert, interessiert und ambitioniert. „Aber auch sie werden den ein oder anderen Kompromiss eingehen müssen“, sagt Hesse.

  • Karriere-Kai

    Sein persönlicher Erfolg und sein Job stehen für ihn im Vordergrund. Gute Bezahlung und andere materielle Werte sind für ihn wichtig. Er ist ehrgeizig. Ein Viertel aus diesem Cluster ist bereit mehr als 60 Stunden pro Woche zu arbeiten. „Sie verkörpern die klassische Karriereorientierung, wie sie sie bei den Babyboomern kennengelernt haben“, heißt es in der Studie.

Es ist bezeichnend, dass einige Bildungspolitiker ausgerechnet jetzt, also nach den größten anzunehmenden Unsinnsreformen ("Bologna", "Pisa", "G-8"), die Forderung erheben, man möge doch bitte das Bildungssystem nicht laufend auf Kosten der Kinder reformieren.

Die Folge ist, dass der politische Betrieb sich konsequent weigert, von der "Bildungspanik" (Heinz Bude) der Eltern und Kinder Notiz zu nehmen - und damit ein System festigt, das a) die Ungleichheit des Bildungschancen zementiert und b) ganz auf die Züchtung funktionsintelligenter Bildungspygmäen hin ausgerichtet ist: Bloß nicht nach links und rechts gucken! 

Lehrerbildung in Deutschland Wohin mit den ganzen Lehrern?

Für angehende Lehrer wird es in nächster Zeit schwer einen Job zu finden: Bis zu 8000 junge Menschen mehr werden pro Jahr ihr Studium beenden als es freie Stellen gibt. Wie sie trotzdem nicht auf der Straße landen.

Quelle: Getty Images

Jeder weiß, wie es dazu gekommen ist: Die Wirtschaftslobby hat Schnellläufer-Abiturienten und 20-jährige Bachelor-Frischlinge mit praktischen Kompetenzen gefordert - und die Politik hat geliefert. Aus rein fiskalpolitischen Gründen, wohlgemerkt. Weil in der umlagefinanzierten Schrumpfrente immer weniger junge Menschen den Ruhestand von immer mehr älteren Menschen bezahlen müssen, soll die deutsche Adoleszenz möglichst schnell vom Transferempfänger (Ausbildung) zum Beitragszahler (Angestellten) promoviert werden - ganz gleich, was dabei an Bildung auf der Strecke bleibt.

Und weil die Politik dabei zugleich die Quote der Abiturienten und Uni-Absolventen auf neue Rekordwerte schrauben wollte (Exzellenz! Achtung, China! Mehr Wertschöpfung für Hochlohn-Deutschland!), weil sie deshalb die Curricula begradigte, die Anforderungen senkte und Bestnoten inflationierte, erleben wir heute die größte Entwertung des akademischen Betriebs seit seiner Erfindung im späten Mittelalter. 

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