Tauchsieder: Der Mensch - ein Irrtum Gottes?

kolumneTauchsieder: Der Mensch - ein Irrtum Gottes?

Kolumne von Dieter Schnaas

Kein Fortschritt nirgends..., Götterdämmerung des Kapitalismus..., die Entscheidungsschlacht zwischen Kapital und Klima - die Apokalypse macht mal wieder kräftig Quote.

Nein, so ein Buch schreibt heute keine mehr. Als ob wir heute noch daran glauben könnten, dass es so etwas wie eine "Stufenfolge des Psychischen" gäbe, eine Hierarchie des Lebendigen, die von der Flora über die Fauna bis hin zur "Sonderstellung des Menschen" reicht. Die Pflanzenwelt repräsentiert in dieser alten Ordnung des Organischen den bewusstlosen Drang, das bloße Wachsen zum Licht. Das Tier steht für den Trieb und den artdienlichen Instinkt, für ein Gedächtnis und Sinnesleben, das noch ganz in die Natur eingesenkt ist. Der Mensch aber - und nur er allein - steht an der Spitze der Pyramide. Er allein vermag sich empor zu schwingen, eine Position außerhalb der Welt einzunehmen und "alles, darunter auch sich selbst, zum Gegenstande seiner Erkenntnis zu machen". Eben deshalb, "als Geistwesen", ist er "das sich selber als Lebewesen und der Welt überlegene Wesen".

Max Scheler, ein deutsche Philosoph und Anthropologe, hat das geschrieben, Ende der 1920er Jahre. Und so einleuchtend seine Befunde nach wie vor (jedem Kinde) sind - wer heute etwas auf sich hält in der intellektuellen Szene und einen vorhersehbaren Leseerfolg landen will, tut gut daran, Max Scheler links liegen zu lassen, statt dessen die Selbstbezichtigungsbereitschaft seiner Leser zu adressieren und laute Zweifel an der Reflexions- und Vernunftfähigkeit des Menschen zu hegen.

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Giacomo Corneo "Der Kapitalismus droht unterzugehen"

VWL-Professor Giacomo Corneo ist unzufrieden mit der Entwicklung der Marktwirtschaft. Ohne Reformen hat das Modell keine Zukunft, warnt er, und schaut sich nach Alternativen zum Kapitalismus um.

Quelle: imago / seeliger

Gewiss, das Genre der Kulturkritik hat eine reiche Tradition, und die Klage darüber, dass der Mensch einen "pflanzenhaftes Dasein" in der Massengesellschaft führe und gelegentlich "ins Tierische ausartet", hat ihrerseits routinierte Züge angenommen. Der Grund dafür ist denkbar einfach: Die Klage ist allgemein anschlussfähig und wird von Konservativen, Linken und Liberalen gleichermaßen angestimmt. Die Konservativen vermissen tradierte Werte und wettern gegen einen enthemmten Individualismus. Die Linken fürchten um das soziale Band und beklagen den Konformismus toter Konsumentenseelen. Die Liberalen sorgen sich um die Freiheit der Individualität und sehen die Diktatur des Mehrheitswillens auf dem Vormarsch. Anders gesagt: Eine negative Anthropologie ist allen politischen Angeboten gemein.

Und tatsächlich: Kann von einer "Sonderstellung des Menschen" heute anders als in zynischer Weise die Rede sein? Hat sich nicht - mit Blick auf Kolonialismus, Faschismus, Rassismus, Holocaust, Weltkriege, ISIS-Terror etc. - jeder "Fortschritt der Menschheit" längst als naive Illusion erwiesen? Ist nicht - Dialektik der Aufklärung - jede Weltverbesserungs-Idee in weltanschaulichen Terror umgeschlagen? Wäre irgendwo und irgendwann auf der Welt die Moral dem materiellen Wohlstand schon einmal nachgewachsen? Kultur, Zivilisation, Kapitalismus - läuft das nicht alles auf Leerlauf, Sinnlosigkeit und Selbstzerstörung hinaus? Klima, Naturzerstörung, Ressourcenausbeutung - beraubt sich nicht unser Wirtschaftswachstum fortlaufend der Grundlagen, auf denen es beruht? Besteht nicht die "Sonderstellung des Menschen" etwa allein darin, seine Begabung zur Vernunft wieder und wieder zu verleugnen? Kurzum, ist der Mensch nichts weiter ein Schädling der Natur, ein Irrtum Gottes?

Essay Wie der moderne Kapitalismus funktioniert

Der Papst meint: Der Kapitalismus ist „an der Wurzel ungerecht“. Wirtschaftliche Freiheit braucht Grenzen. Unser Autor meint hingegen: Kapitalismus braucht keine Moral, nur gute Gesetze.

Quelle: Marcel Stahn für WirtschaftsWoche

Der englische Philosoph John Gray, emeritierter Inhaber des Lehrstuhls für Ideengeschichte an der London School of Economnics, macht es sich schon seit Jahren zur Aufgabe, den Menschen die Idee ihres Menschseins auszutreiben. Seine jüngster Beitrag zum Thema ist soeben unter dem Titel "Raubtier Mensch. Die Illusion des Fortschritts" auf deutsch erschienen. Darin kommt Gray zu dem Schluss, dass die "Sonderstellung des Menschen" darin besteht, Mythen zu konstruieren, denen er dummerweise aufsitzt. Zum leichteren Verständnis unterteilt er den Humanismus in drei Phasen: Bei den Griechen tauchte die Idee auf, der Mensch habe Zugang zur geistigen Welt und sei als solcher ein Wesen mit Würde. Das Christentum machte, daran anschließend, die Vorstellung stark, im menschlichen Geist spiegele sich eine göttliche, universelle Ordnung. Die aufklärerische Moderne schließlich, so Gray, versteht Humanismus als Geschichte des Fortschritts, als Zuwachs an Rationalität und Akkumulation von Vernunft.

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