Tauchsieder: Der Plural als Wahlkampfformel

ThemaWahlen 2017

kolumneTauchsieder: Der Plural als Wahlkampfformel

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Ich, Du, ErSieEs, Wir, Ihr, Sie - das sind ja nicht nur Platzhalter, die ein echtes Nomen ersetzen (pro nomen eben), sondern auch: Wahlkampfformeln.

Kolumne von Dieter Schnaas

Am 22. September ist Bundestagswahl. Neu ist diesmal, dass wir nicht mal wieder wählen gehen, um uns regieren zu lassen. Sondern dass wir regiert werden, um uns mal wieder wählen zu lassen.

Es hilft alles nichts, liebe Mitwähler, wir müssen heute hinab in den Keller unserer glücklich verdrängten Erinnerungen an den gymnasialen Deutschunterricht steigen und der Bedeutung des Personalpronomens gedenken. Der Lohn wird sein, dass wir am Ende unsere Lehrer Unterschlagungslügen gestraft haben: Über das, worum es sich bei einem Personalpronomen wirklich handelt, haben sie uns nie aufgeklärt. Denn Ich, Du, ErSieEs, Wir, Ihr, Sie - das sind ja nicht nur Platzhalter, die ein echtes Nomen ersetzen (pro nomen eben), so wie wir es gelernt haben, persönliche Fürworte bloß, die uns - vor allem durch Gebrauch des Genitivs - wohlklingende Formulierungen erlauben ("Wir gedenken seiner" - etwa hier und heute des Personalpronomens). Nein, Personalpronomen sind immer auch Zeitgeisttermini, Weltanschauungsbegriffe, moralisch aufgeladene Redewendungen und also auch: Wahlkampfformeln.

Das "Ich" zum Beispiel ist seit dem 18. Jahrhundert das Signet des bürgerlichen Zeitalters. Es erzählt von Eigentum, Freiheit, einem selbstbestimmtem Leben, vom Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Kein Personalpronomen hat eine erfolgreichere Karriere hingelegt; alle wollen heute vor allem: Ich (selbst) sein. In der deutschen Politik aber wird das "Ich" heute nur noch von einer Partei adressiert. Merkwürdig. Ob es damit zu tun hat, dass ausgerechnet die letzte Partei, die in diesen Wochen an das Wähler-Ich appelliert, unter "Ich" etwas ganz anderes versteht als die Aufklärer von ehedem? Man munkelt, dass es in dieser Partei tatsächlich einmal Menschen gegeben hat, die als Kronzeugen für die segensreichen Folgen des Egoismus einen schottischen Moralphilosophen namens Adam Smith (1723 - 1790) aufrufen konnten. Ein Bäcker, so Smiths hübscher Gedanke, dient seinen Mitmenschen nicht durch Mitleid und Altruismus, sondern dadurch, dass er Brot backt und verkauft. Dass dieser Adam Smith sich vor 250 Jahren also nicht als Schutzpatron von Steuerflüchtlingen, Kapitalertragszinsjägern und Karussellgeschäftsmanagern verstand, sondern als Anwalt einer zivil eingerichteten, arbeitsteiligen Gesellschaft, in der sich brave Bürger wechselseitig ihrer Selbständigkeit, Teilhabe und Emanzipation versichern, wird freilich ausgerechnet von den jungen Neofeudalisten in der FDP ausgeblendet. Dort herrscht die Auffassung vor, dass allen ausreichend geholfen ist, wenn jeder sich selbst hilft.

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Die Rösler-Partei hält es also in Wahrheit nicht mit dem gesellschaftlich eingebundenen "Ich" von Adam Smith, sondern mit dem "Ich" von Maggie Thatcher, der ehemaligen britischen Premierministerin, von der bekannt ist, dass sie die Existenz einer "Gesellschaft" leugnete, weil es für sie bloß "Individuen" gab.

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