Tauchsieder: Die Ökonomisierung der Kultur

kolumneTauchsieder: Die Ökonomisierung der Kultur

Kolumne von Dieter Schnaas

Amerika und Amazon bedrohen die "kulturelle Vielfalt", jammern die Lobbyisten der deutschen Kulturbranche. Die Wahrheit ist: Sie nährt sich von Subventionen, Preisen, Spenden, Fördergeldern - und verramscht ihre Spitzenprodukte.

Wenn man sich Amerika und den Buchhandelskonzern Amazon als Zahl vorstellt, Europa und die deutsche Kulturindustrie hingegen als Buchstaben, hat man den Kern des Streits um "Gefährdung" und den "Schutz" der "kulturellen Vielfalt" bereits begriffen. Allem, was jenseits des Atlantiks und bei Amazon einen Preis hat, wird von Kulturräten, Intendanten, Verlagsdirektoren, Schriftstellern und traditionellen Buchhändlern hierzulande ein (Mehr-)Wert beigemessen, das ist der Unterschied. Deshalb der Widerstand des Goethe-Instituts, des Börsen- und des Bühnenvereins gegen das Freihandelsabkommen mit den USA. Und deshalb die von Staatsministerin Monika Grütters (CDU) unterstützte Petition von mehr als 1000 Autoren gegen Amazon.

Kultur und Kunst sollen keinen Preis haben

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Die Kultur muss immunisiert werden gegen die Diktatur der Skaleneffekte und Quartalszahlen. Sie muss eine ökonomisch befreite Zone sein ohne Nützlichkeitsdenken und Effizienzkalkül. Sie muss geschützt werden vor den Interessen ihrer materiellen Verwerter, vor der Konkurrenz des Massenkompatiblen und Nur-Erfolgreichen, natürlich auch vor der Degradierung des Großen, Schönen, Wahren zur bloßen Ware... - so jammern sie seit Wochen, die Lobbyisten der deutschen Kulturbranche.

Allein, was genau unserer Förderung würdig sein soll im Kampf gegen die Uniformität der amerikanischen Hollywoodkultur, was wirklich unsere Protektion verdient wider die digitale Verbilligung des gedruckten Wortes, das verraten uns die Kulturschaffenden nicht. Die nächste Auftragskomposition für Jörg Widmann? Die Einnahmesituation von Joanne K. Rowling oder E.L. James? Der nächste Tatort mit Max Ballauf und Freddy Schenk? Eine Wiederauflage der Lyrik von Thomas Kling? Das ambitionierte Filmdebut eines jungen Nachwuchsregisseurs, der die Ästhetik der "Berliner Schule" ironisiert? Oder die 721. Version der "Zauberflöte" im Dreispartentheater Coburg?

Dahinter steht die merkwürdige Selbstauffassung der Kulturschaffenden (die noch dazu von den meisten Kulturkonsumenten geteilt wird), dass "die Kultur" an sich ein zu beschützendes, allen wirtschaftlichen Erwägungen gewissermaßen vorgelagertes Gut sei. Das Problem ist, dass an diesem Gedanken so ziemlich alles falsch ist. Denn erstens werden Bücher nicht nur geschrieben, sondern auch verkauft, Theaterstücke nicht nur inszeniert, sondern auch von zahlenden Besuchern begutachtet. Mit anderen Worten: Auch ein Künstler ist nichts anderes als der Produzent einer Ware, die auf dem Markt Abnehmer sucht: Angebot sucht Nachfrage.

Kultur als Standortfaktor

Zweitens gehört die Kulturbranche in Deutschland zu den größten Wirtschaftszweigen, weshalb sie sich in diesen Wochen als geschlossen auftretender Interessenverband überhaupt so erfolgreich vernehmbar machen kann. Keine Mittelstadt in Deutschland, die heute nicht routiniert auf die Vorzüge ihrer "weichen Standortfaktoren" hinwiese. Kein Winkel, der nicht mit Klassik-Festivals in Umspannwerken oder langen Nächten der Musik seine Attraktivität zu steigern versucht. Kein Unternehmen, das sich nicht schmückt als großzügiger Kultursponsor, sei es in Form einer "Digital Concert Hall" für die Berliner Philharmoniker, sei es in Form eines Blockflötensets für die örtliche Musikschule.

Drittens schließlich ist "die Kultur" heute ganz gewiss kein urwüchsig gewachsenes Biotop der Kreativität mehr, das unseren Bestandsschutz schon deshalb verdient, weil es klein ist und Großes leistet. "Die Kultur" ist kein idyllischer Gegen- und Zufluchtsort, kein Refugium, das uns Schutz gewährt vor den Zumutungen des ökonomisch durchrationalisierten Alltags, sondern ein Treibhaus lobbyistischer Interessen. In diesem Treibhaus begegnen wir Generalmusikdirektoren und Intendanten, die als kommunale Angestellte das Doppelte und Dreifache von dem verdienen, was dem Oberbürgermeister gebührt. Und in diesem Treibhaus gedeiht auch die Arbeit von Dutzenden unerhörten Komponisten und ungelesene Lyrikern - gedüngt mit Subventionen, Preisen, Spenden und Fördergeldern, hochgezüchtet mit Buchpreisbindung und ermäßigtem Mehrwertsteuersatz, mit Professuren für Drehbuchschreiberei und Akademien zum Einüben von Pop-Musik.

Kultur hat einen Zweck

So weit zum verlogenen Teil der Lamentationen. Wirklich merkwürdig, weil widersprüchlich wird das Argument von der ökonomisch unantastbaren, in Versalien verheiligten KULTUR erst deshalb, weil es derselben funktionalen Logik folgt, vor der sie angeblich in Sicherheit gebracht werden muss: Die Kultur erfüllt Zwecke, die Kultur ist nützlich, die Kultur nützt der Gesellschaft, heißt es - sonst müsste sie ja nicht erhalten werden. Wir brauchen sie wie die Luft zum Atmen, heißt es, sie dient dem sozialen Zusammenhalt, sie fördert... - ja, was eigentlich?

Konservativ gesinnte Zeitgenossen hätten gerne, dass die Kultur der Erbauung dient, die Allgemeinbildung stützt und abgespannten AbteilungsleiterInnen den Feierabend verschönert. Wohingegen die Progressiven von der Kultur erwarten, sie möge ein Stachel im Fleisch der Gesellschaft sein, der Politik den Spiegel vorhalten und die Menschen an ihre Widersprüche und Zynismen erinnern. Die Vertreter der Kulturindustrie selbst wiederum sind offenbar der Auffassung, dass die KULTUR einen gewissermaßen exterritorialen Bezirk markiere, in dem ein "experimentelles Spiel" stattfinden könne - "jenseits der eingeübten Praxis" des alltagsökonomischen Miteinanders. Gleichwohl: Auch mit dem Zweck, der Zweckhaftigkeit der Ökonomie ein zweckloser Gegenort zu sein, verfolgt die KULTUR einen Zweck: Sie dient, wie alles andere, mit dem die Menschheit ihr Miteinander organisiert, der Befriedigung von Bedürfnissen.

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1 Kommentar zu Tauchsieder: Die Ökonomisierung der Kultur

  • Besten Dank

    für Ihre Formulierung auch meiner Frage nach Gehalt und Gestalt des öffentlich subventionierten Kunst- und Kulturbetriebs. Und dafür, dass Sie die Antwort gleich mit gegeben haben. Das Thema kompakt und kompetent reflektiert in einer fachfremden Publikation zu finden, lässt hoffen. Denkbar aber auch, dass solche Kritik überhaupt nur außerhalb des Betriebs eine Chance auf Erscheinen hat. Denn wo Interessenverwaltung regiert, ist es um Diskursfähigkeit schlecht bestellt. Zu kritisiertem Betrieb gehört, so denke ich, auch unser aller Staatsfernsehen – bis heute ohne verbindlichen Auftrag, aber wundersam zukunftsfest finanziert. Und mit dem gefühlt tausendsten Lehrstuhl für Genderforschung (zu Lasten anderer Einrichtungen) ist die Aufzählung noch lange nicht beendet.

    Allein in einem Punkt möchte ich Ihnen widersprechen: Mit Blick auf einen steigenden Abiturientenanteil bräuchte der Kreis von Eingeweihten so klein nicht zu sein. Im Sinne Ihrer Argumentation wird eine Gesellschaft, um nicht zum Tautologen ihrer Gegenwart zu verkommen, immer von einer höheren Zahl kunst- und kulturverständiger Bürger profitieren. Die Grundlagen dafür werden ab dem frühen Kindesalter gelegt. Fehlen Sprach- und Lesekompetenz, hat des Menschen Entwicklung keine Chance. Musischer Unterricht fördert diese nachweislich, und zwar auf allen Feldern der Persönlichkeit. Den ersetzt keine Mozart-Beschallung im Mutterbauch. Ein schulisches Dschungelbuch-Projekt oder einfach nur Singen sind indes bewährt. Und sage keiner, es fehlte am Geld zur Befähigung aller Gymnasiasten für eine Reifeprüfung, die ihren Namen verdient. Es wird lediglich, wie so oft, an falscher Stelle vergeudet.

    Bleibt das Gespür für das Heilige. Hier sind in der Tat die Kirchen gefragt. Wobei genaueres Hinschauen lohnt: Es gibt Gemeinden, gleich welcher Konfession, deren Glaubenspraxis, allen Widrigkeiten zum Trotz, ermutigt. An anderer Stelle wirkt sie erschreckend. Am Suchen und Finden führt eben kein Weg vorbei.

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