Tauchsieder: Die Wahl ist wieder offen

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Tauchsieder: Dieter Schnaas hält seinen Kopf in den Nachrichtenstrom – und blubbert mit

Kolumne von Dieter Schnaas

WirtschaftsWoche-Chefreporter Dieter Schnaas hält den Kopf in den Nachrichtenstrom und blubbert mit. Heute: Zwei Tage vor der Bundestagswahl geht bei CDU und SPD die Angst um. Zu Recht.

Mal ganz ehrlich: Bei vergangenen Bundestagswahlen hatte ich immer so ein Gefühl. Es trog nicht. 2005 zum Beispiel. Damals ballerten Medien und Kollegen, die ja mehrheitlich immer nur der schreibende Teil der Konjunkturen sind, die sie zügellos reiten, das rot-grüne Projekt so lustvoll sturmreif, dass eine reformtrunkene Union gemeinsam mit einer umsturzlüsternen FDP tatsächlich auf den Gedanken verfiel, eine Mehrheit der Arbeitnehmer würde sich nach einer Lockerung des Kündigungsschutzes sehnen.

Ganz Deutschland sollte damals frisch angestrichen werden. Mit Kopfpauschalen, die nicht staatsfern, persönlich und eigenverantwortlich genug sein konnten. Und mit Steuern, die unbedingt einfach, niedrig und ausnahmslos zu gelten hatten. In Deutschland herrschte damals Sehnsucht nach innerer Reinigung, nach Neuanfang und tabula rasa.

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Dachte man. Und dachte sich deshalb ein liberales Schwarz-Rot-Gold-Utopia nach den Reißbrettplänen von Milton Friedman und des “Economist” aus - obwohl Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) soeben die größte Sozialreform der vergangenen Jahrzehnte durchgeboxt hatte, die Arbeitnehmer seit zehn Jahren Lohnzurückhaltung übten und eine überwältigende Mehrheit der Deutschen längst viel flexibler geworden war als es der stets felsenfeste Guido Westerwelle (FDP) je sein wird.

Im Rückblick verklärt die Union ihren damaligen Wahlkampf als “Fehler”, weil man den veränderungsresistenten Deutschen damals “die bittere Wahrheit” erzählt habe. Das ist natürlich Unsinn, denn der Wahlkampf der Union damals war kein Fehler, sondern für eine Volkspartei eine ziemliche Frechheit, weil man veränderungsbereite und reformwillige Menschen ohne Not in Panik (vor China! vor dem Rentenloch! vor dem gefräßigen Staat!) versetzte, um sie mit apokalyptischem Tremolo zur “Umkehr” zu bewegen.

CDU: knapp an einer Niederlage vorbei

Das Ergebnis ist bekannt: Die Union schrammte nicht wegen ihrer geplanten Reformen, sondern wegen des schneidend-ultimativen Tons, mit denen sie die geplanten Reformen begleitete, mit viel Glück an einer Niederlage vorbei - und die Klientelpartei FDP, die diese Sehnsucht nach Umkehr - ganz gleich ob sie nötig ist oder nicht - mit dem Furor bedient, für den sie von ihrer Klientel gewählt wird, wurde drittstärkste Partei.

Und heute? Könnte es sein, dass sich die Union diesmal einen neue, umgekehrte Frechheit leistet, weil sie ihre alte Frechheit noch immer als Fehler verniedlicht? Der Wahlkampf von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist vor allem in seiner Abwesenheit offenkundig, das heißt: Es gehört gerade zu seinem Kennzeichen, dass er am Wähler vorbei stattfindet. Damit aber droht die Union in die gleiche Falle wie 2005 zu laufen: Wieder adressiert sie nicht die veränderungsbereiten und reformwilligen Bürger. Damals nicht mit der Verbreitung von Panik. Diesmal nicht mit der Verbreitung von Ruhe. 2005 mobilisierte die Union mit ihrem Wahlkampf die Konkurrenz. 2009 demotiviert sie ihre eigene Basis.

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