Tauchsieder: Drunter geht's nicht - Seite 2

Tauchsieder: Drunter geht's nicht

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Dass das dialektsicher Unsinn ist, weiß inzwischen jedes mittelmäßig begabte Schulkind - und der Mathematiker Gerd Antes hat in einem wunderbaren Artikel für die FAZ am Montag noch einmal darauf hingewiesen: Murphys Gesetz besagt, dass alles, was schief gehen kann, irgendwann auch schief gehen wird - oder anders gesagt: Das vermeintliche Restrisiko („Zehn hoch minus sechs…“) ist keine gefühlte Null, wie uns Merkel, Röttgen und die Atomfreunde weismachen wollten, sondern eine volle Eins, eine absolute Größe, das heißt: Dass es einen Gau gibt, war und ist zu 100 Prozent wahrscheinlich - die Frage war und ist nur, wann und wo.

Merkel und Röttgen tun so, als würden sie von alledem nichts wissen. Als würden sie das zwei Jahrzehnte alten Bonmot des Soziologen Niklas Luhmann nicht kennen, der nachgewiesen hat, dass ein Zuwachs an vermeintlicher Sicherheit auch die Chance des Ernstfalls erhöht: „Wo Kontrolle ist, wächst das Risiko auch.“ Als hätten sie noch nie vom „Schwarzen Schwan“ gehört, dem Sinnbild des Mathematikers Nassim Taleb für extrem seltene Ereignisse, die die Menschheit sich nicht vorstellen will - die sich aber gleichwohl (eben deshalb) ereignen. Als hätten sie niemandem in ihren Stäben, der nicht schon mal ein bisschen Lektürezeit auf Kant verwendet hat, für den der Mangel an Vorstellungskraft schon vor mehr als 200 Jahren das war, „was man gemeinhin Dummheit“ nennt.

Atomkraftwerke werden "bombensicher" geredet

Sicher, man kann sich Kernkraftbefürworter vorstellen, die sagen: Wir sollten - etwa aus Gründen der Energiesicherheit - das Risiko eines radioaktiven Fallouts eingehen, so wie wir ja auch alle das Risiko eines Flugzeugabsturzes eingehen. Man kann dieser Meinung sein. Gewählt würde man nicht für sie. Deshalb hat man auch noch keinen Politiker von Union und FDP je einen solchen Satz sagen hören.

Statt dessen wurden alle Atomkraftwerke jahrelang „bombensicher“ geredet, obwohl jeder wusste, dass sie es nicht sind - und alle Kernkraftgegner, die dennoch das „Unvorstellbare“ dachten, die darauf hinwiesen, dass das Restrisiko unbegrenzbar sei und die Kernspaltung prinzipiell nicht beherrschbar - als spinnerte Zukunftsverächter verunglimpft, die mit hoffnungsloser Verzagtheit auf die Errungenschaften des technischen Fortschritt starrten.

Machtpolitisch betrachtet, kann man die Kaltschnäuzigkeit von Angela Merkel nur noch bewundern. Vor zwei, drei Wochen hat sie die „scientific community“ beleidigt, um Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg vordergründig zu verteidigen - und über Annette Schavan („Ich schäme mich nicht nur heimlich“) hinterhältig entsorgen zu können. Diesmal hat sie es geschafft, dass ausgerechnet die Grünen, die sich durch die Ereignisse in Japan in ihrer Anti-Atomkraft-Politik traurig bestätigt fühlen dürfen, wie der moralische Verlierer aussehen.

Die Dreistigkeit, mit der die Koalition am Wochenende zunächst gefordert hat, das Thema Atomkraft dürfe mit Blick auf die Opfer in Japan nicht parteipolitisch ausgebeutet werden, nur um einen Tag später die heiße Wahlkampfphase mit eben diesem Thema einzuläuten, ist schlicht atemberaubend. Es ist offensichtlich, dass die Merkel-Regierung von Panik ergriffen ist - und ihre letzten Schamreste verliert. Während Guttenberg sich am Ende seiner Münchhauserei nicht m al mehr genierte, sein Schicksal mit dem der Soldaten in Afghanistan zu verbinden, ist es Merkel nicht einmal mehr ansatzweise peinlich, der Opposition zu raten: „Ihr müsst jetzt still sein, sonst leiden die Opfer in Japan.“ Drunter geht‘s nicht.

Und die Betreiber der Atomkraftwerke, was sagen eigentlich die? Angela Merkel hat sie mit der Brennelementesteuer abkassiert, um ihren Haushalt zu retten - und mit der Verlängerung der Laufzeiten entschädigt. Jetzt fällt die Verlängerung - obwohl die Koalition die Verlängerung nicht nur per Gesetz geregelt, sondern durch einen Vertrag (!) mit den Energieriesen wasserdicht gemacht hat: über ihre eigene Regierungszeit hinaus. Haftet Angela Merkel eigentlich mit ihrem Privatvermögen, wenn sie diesen Vertrag nun kündigt? Oder sind es am Ende mal wieder wir Steuerzahler, die für die energiepolitische Geisterbahnfahrt der Regierung bezahlen?

34 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 21.03.2011, 19:13 UhrAnonymer Benutzer: ex-CDU-Wähler

    Eigentlich erwarte ich jetzt eine erneute Pro-Atom-Anzeigenkampagne vom Supermanager Großmann, in der wortreich beschrieben wird, warum der Ausbau von Atomkraftnutzung in Europa trotzdem noch sinnvoll ist ... aber vielleicht finden sich inzwischen nicht mehr genügend diplomierte und/oder promovierte Vollpfosten, die nochmals fragwürdige bekanntheit erlangen möchten.
    in baden-Württemberg wird am 27.03. Mappus und der berliner Regierungsbank gezeigt, wieviel Atomkraft Deutschland wirklich haben möchte. 12 Jahre subventionierten Stillstand will ich mir als CDU-Wähler und Pro Stuttgart 21-Sympathisant nicht mehr bieten lassen. Auch wenn wir für das Ende Laufzeitverlängerung, die armen Energiedienstleister mit Milliarden
    Frau Merkel sollte klare Kante einer wissenden Physikerin zeigen und degenerative Polit-Energien in der CDU endlagern - sonst geht Sie mit ihren Steigbügelhaltern. Die Grünen können es zwar auch nicht besser, aber die haben wenigstens eine Art Überzeugung.

  • 21.03.2011, 17:42 UhrAnonymer Benutzer: Wolfgang Bieber

    Für Angela Merkel geht es in den wenigen Tagen vor der Landtagswahl im Ländle um ihre Kanzlerschaft. in Rückzugsgefechten muss die Regierung mit ansehen, wie sie nach dem Atom-Desaster in Japan und der intervention in Libyen die Deutungshoheit zunehmend verliert:
    http://bit.ly/ezE4Dy

  • 17.03.2011, 15:41 UhrAnonymer Benutzer: Heiner Günther

    An den Forumstroll "aufwachen": Es interessiert mich normalerweise nicht wo jemandes Allgemeinbildung aufhört, aber diesmal hört ihre weit jenseits der beleidigungsgrenze von den mehreren 100.000-en Toten der Katastrophe von Tschernobyl auf. Alleine insgesamt 600.000, meist junge Soldaten, wurden zum Aufräumen dort hin geschickt. Natürlich sind sie nicht direkt auf dem Gelände des Kraftwerks verreckt. Sondern erst später, teilweise erst Jahre später. Aber immer noch als direkte Folge der Katastrophe. Ausserdem geht es hier nicht Japan oder Tschernobyl, unabhängig davon dass dies jeweils schlimme Katastrophen sind/waren.

    Zum Artikel: Schön bissig und auf den Punkt gebracht, Glückwunsch. Auch wenn hier ein Wendehals mit dem Finger auf einen anderen Wendehals zeigt (unsere Uckermarksche Fregatte hat dabei ja einschlägige Erfahrung drin). Wenn auch der Unterschied in der Qualität der Kehrtwendung der beiden doch enorm ist. Für sich genommen schöner Artikel.

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