Tauchsieder: Drunter geht's nicht

kolumneTauchsieder: Drunter geht's nicht

Kolumne von Dieter Schnaas

Wirtschaftswoche-Chefreporter Dieter Schnaas hält den Kopf in den Nachrichtenstrom und blubbert mit. Heute: Die Dagegen-Kanzlerin Angela Merkel unternimmt den Ausstieg vom Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Kernenergie. Eine Abrechnung.

Und plötzlich ist sie weg, die Energielücke, einfach verschwunden - ganz so als habe es das Loch, in das der Industriestandort Deutschland wegen all‘ der grünen Technikfeinde und Fortschrittsverweigerer zu fallen droht, nie gegeben.

Im Norden sollen die Kernkraftwerke Brunsbüttel und Krümmel abgeschaltet werden, fordert die FDP, am besten sofort. Im Süden beeilt sich die CSU, als politische Kraft zu erscheinen, die noch nie zu den „Fetischisten“ der Kernenergie zählte - und drängt darauf, das AKW Isar 1 vom Netz zu nehmen. Und selbst Atom-Stefan Mappus (CDU) in Baden-Württemberg, der den leicht angegrünten Umweltminister Norbert Röttgen vor einem halben Jahr noch aus dem Amt jagen wollte, weil dieser zu wenig Kuschelbereitschaft mit den Energiekonzernen annoncierte, stellt sich die strahlende Zukunft des deutschen Südwestens neuerdings am liebsten ohne Neckarwestheim I vor. Welch lichte Einigkeit! Welch Harmonie!. Da will Bundeskanzlerin Angela Merkel natürlich nicht zurückstehen - und zieht gleich sieben Meilern den Stecker raus.

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Es gab zu wenig "Überprüfungen"

Ist das nun bessere Einsicht - oder der Gipfel der Heuchelei? Natürlich Letzteres. Es ist ja nicht so, als hätte sich durch den Gau in Japan plötzlich die Sicherheitslage in Deutschland verändert - und als sei wegen eines Erdbebens am anderen Ende der Welt hierzulande zum Beispiel die Gefahr eines Terroranschlages gestiegen. Trotzdem soll jetzt noch einmal „geprüft“ werden, welche Kernkraftwerke womöglich nicht gegen einen Flugzeugabsturz geschützt seien; plötzlich soll es keine „Denkverbote“ (Röttgen) mehr geben - und bei der Sicherheit keine „Rabatte“ (Mappus). Im Umkehrschluss heißt das: Es hat bisher zu wenig „Überprüfungen“, zu viele „Denkverbote“ - und natürlich auch „Rabatte“ bei der Sicherheit gegeben.

Schwarz-Gelb ist gerade dabei, das letzte Restvertrauen der Menschen in die Politik zu verspielen, aber was soll‘s - es ist Wahlkampf, da zählt nicht Redlichkeit, sondern Anpassungsfähigkeit bis weit über die Selbstverleugnung hinaus. So frech wie diesmal jedenfalls hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) noch nie eine politische Kehrtwende hingelegt: Was vor wenigen Wochen noch ein zentrales energiepolitisches Projekt der Koalition war - die Verlängerung der Laufzeiten, der Ausstieg aus dem Atomausstieg - wird mit Blick auf die anstehenden Landtagswahlen mal eben für null und nichtig erklärt - Opportunismus im Quadrat.

Merkel und Röttgen gaukeln den Deutschen tatsächlich vor, sie hielten den Gau im japanischen Kernkraftwerk Fukushima für eine augenöffnende „Zäsur“ - welch ein Unsinn, was für eine Augenwischerei: Als hätte es nicht vor 25 Jahren schon Tschernobyl gegeben - und als würden die Chinesen nicht gerade, in zufälliger zeitlicher Koinzidenz zum Gau in Japan, ihre Kernenergie-Kapazitäten massiv ausbauen.

Merkel und Röttgen werden auch nicht müde zu betonen, dass es sich im Fall von Japan (ganz im Gegensatz zur kommunistischen Sowjetunion mit ihren Schrottmeilern…) um ein „Hochtechnologieland“ handle - ganz so, als sei den beiden am Wochenende tatsächlich der existenzerschütternde Schock in die Glieder gefahren, dass auch die ausgefeilteste Ingenieurskunst fehlen könne.

Bestenfalls tun Merkel und Röttgen damit so, als sei in Japan tatsächlich das „Unvorstellbare“ passiert - und als habe es ein Restrisko nie gegeben. Bestenfalls. Denn im Prinzip sind und bleiben sie „nach Maßgabe dessen, was wir wissen“ (Merkel), davon überzeugt, dass die deutschen Kernkraftwerke sicher sind.

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