Tauchsieder: It’s the people, stupid!

kolumneTauchsieder: It’s the people, stupid!

Kolumne von Dieter Schnaas

Die katholische Soziallehre ist weder kohärente Theorie noch exakte Wissenschaft. Aber sie ist besser als so ziemlich alles, was je im Namen einer vulgärliberalen Verhimmelung des Kapitalismus und seiner linkskollektiven Dämonisierung aufgeschrieben wurde. Heute wird sie 125 Jahre alt. Eine Würdigung.

In fast jedem Beitrag über die „Soziale Marktwirtschaft“ taucht irgendwann der Name von Alfred Müller-Armack auf. Das ist nur recht und billig. Der rheinische Nationalökonom und Kultursoziologe hat den Begriff vor 70 Jahren in „Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft“ geprägt, den Deutschen einen „dritten Weg“ zwischen Liberalismus und Sozialismus aufgezeigt – und der jungen Bundesrepublik damit gleichsam ihr wirtschaftspolitisches Grundgesetz eingeschrieben.

In fast keinem Beitrag über die „Soziale Marktwirtschaft“ indes fällt der Name von Vincenzo Gioacchino Pecci. Und das ist skandalös. Denn der italienische Kirchenjurist und Theologe hat als Papst Leo XIII. vor 125 Jahren den Grundstein zur katholischen Soziallehre gelegt, ohne deren Impulse es die „Soziale Marktwirtschaft“ nicht gegeben hätte.

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Mehr noch: Rerum novarum, „gegeben zu Rom bei Sankt Peter am 15. Mai 1891“ und die päpstlichen Rundschreiben, die seither auf die „Mutter aller Sozialenzykliken“ Bezug nehmen, sind bis heute fundierter und aktueller als so ziemlich alles, was je im Namen einer vulgärliberalen Verhimmelung des Kapitalismus und seiner linkskollektiven Dämonisierung formuliert wurde.

Tauchsieder Katholiken sind die besseren Kapitalisten

Die katholische Kirche hat den Kapitalismus auf den Weg gebracht. Das zeigt sich schon beim Kauf eines Bio-Lachsfilets für 6,99 Euro im Supermarkt. Eine Kolumne.

Wie die katholische Kirche hat den Kapitalismus auf den Weg gebracht hat. Quelle: Getty Images

Der Schlüssel zur katholischen Soziallehre ist das in drei sperrige Leitbegriffe („Personalität“, „Solidarität“, „Subsidiarität“) aufgefächerte Verständnis von der Würde des Menschen unter der Bedingung des Industriekapitalismus. Die Analyse von Leo ist so schonungslos wie die von Karl Marx oder Émile Zola, der der „Arbeiterfrage“ erst sechs Jahre zuvor im „Germinal“ ein unsterbliches literarisches Denkmal gesetzt hatte. Leo prangert an, dass „wenige übermäßig Reiche einer Masse von Besitzlosen ein nahezu sklavisches Joch auflegen“ - und dass „Unzählige ein wahrhaft gedücktes und unwürdiges Dasein führen“.

Anders als die Sozialisten jedoch, die die Besitzlosen „zur Hebung dieses Übels“ gegen „die Reichen aufstacheln“, ist Leo ganz und gar nicht davon überzeugt, dass Arbeitern mit der Abschaffung des Privateigentums geholfen sei. Im Gegenteil. Wer dem Menschen die Fähigkeit raube, sein „kleines Vermögen zu vergrößern und sich durch Fleiß zu einer besseren Stellung emporzuringen“, so Leo, schwäche seine sittlichen Antriebskräfte und versündige sich an dessen Natur.

Kurt Biedenkopf "Der Westen ist nicht mehr weit vom Chaos entfernt"

Der CDU-Vordenker Kurt Biedenkopf sieht den Westen in einer Entgrenzungskrise. Ein Gespräch über die Knechtschaft des Wirtschaftswachstums, die Vernunft des Gottesglaubens und allzu empathische Politik.

Kurt Biedenkopf: "Der Westen ist nicht mehr weit vom Chaos entfernt"

Papst Pius VI. hat den Gedanken 1931 in Quadragesimo anno auf die Formel zugespitzt, dass „christlicher Sozialismus“ ein Widerspruch in sich sei. Ein Mensch, nach katholischer Auffassung „von Gott geschaffen, um (sich) in der Gesellschaft… zur ganzen Fülle und zum ganzen Reichtum dessen, was Gott an Anlagen in ihn hineingelegt hat, zur Ehre Gottes zu entfalten“, könne nicht im Namen eines kollektiven Nutzens aggregiert werden, ohne seine Personalität und Würde zu verlieren.

Die gehaltvolle „Personalität“ der katholischen Soziallehre widerspricht aber nicht nur der „geistigen Leere“ eines Wirtschaftssystems, das den Menschen das Recht auf wirtschaftliche Freiheit vorenthält, sondern auch der „Vergötzung des Marktes“ und der „Vorherrschaft des Kapitals“, so Johannes Paul II. in Laborem exercens (1981) und Centesimus annus (1991). Wer „den Marxismus auf der Ebene eines reinen Materialismus zu besiegen“ glaubt, warnt der Papst kurz nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, mache das „Erkennen und Anerkennen einer Werthierarchie im Leben geradezu unmöglich“.

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