Tauchsieder: Keinen Kommentar, bitte!

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kolumneTauchsieder: Keinen Kommentar, bitte!

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Von Mainstream-Medien und der Social-Media-Sekte.

Kolumne von Dieter Schnaas

Ich bin Mitarbeiter eines „Mainstream“-Mediums. Viele meiner Leser hassen mich dafür. Heute hasse ich mal ein wenig zurück. Ganz vornehm und aus guten Gründen, versteht sich.

Als Redakteur des „Mainstream“-Mediums „WirtschaftsWoche Online“ bin ich für viele Lesern definiert als journalistisches Mängelwesen. Ich kann nicht schreiben, was ich denke, was ich will, weil ich einen inneren Zensor im Kopf habe, der nicht auf den Namen des Verlegers, des Geschäftsführers oder des Chefredakteurs hört, sondern auf die Namen „Mehrheitsmeinung“ und „Political Correctness“. Dieser Zensor, so wird mir unterstellt, raubt mir nicht nur den Mut zur „Wahrheit“, sondern auch die Chance, überhaupt nur in ihre Nähe zu geraten.

Man nimmt von mir an, ich bewegte mich im Reich der Vorurteile und Pauschalurteile, des normierten Denkens und blinden Glaubens, der faktenblinden Einseitigkeit und wahrheitswidrigen Beschönigung. Selbst wenn ich zur Abwechslung mal versucht sein sollte, einen Gedanken „gegen den Strich“ zu denken, sei der innere Zensor immer schon da, um ihn aus meinen Synapsen herauszuschnippeln.

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Welterklärer unter sich
Immanuel Kant hat solche Zeitgenossen, denen es an der Kraft zu eigenständigem Denken gebricht, bereits vor mehr als 200 Jahren einen „Mangel an Urteilskraft“ bescheinigt – und diesen Mangel auf den schönen Begriff der „Dummheit“ gebracht. Womit in einem Wort zusammengefasst wäre, was viele Leser von mir und meinen Kollegen annehmen: Wir seien dumm. Zu dumm jedenfalls, um ihnen, den Lesern, die Welt zu erklären, weshalb sie selbst, die Leser, sich nun anschicken, uns, den Redakteuren, die Welt zu erklären – und zwar so, wie sie angeblich wirklich ist.

Die Kanäle der so genannten „Social Media“ (Facebook, Twitter...) sowie die Internet-Foren der Magazine und Zeitungen bieten dazu reichlich Gelegenheit. Sie sind dabei bestenfalls das, was man einen virtuellen Marktplatz der Information(sbearbeitung) nennen könnte: Börsenumschlagplätze, an denen der „wahre“ Preis für Gründe, Argumente, Meinungen taxiert wird. So weit die schöne Theorie der Marktharmoniker.

Facebook in Zahlen

  • Transparenz dank Börsengang

    Facebook war lange verschwiegen, wenn es um die Geschäftszahlen ging. Das hat sich mit dem Börsengang im Mai 2012 geändert – nun muss das Unternehmen die Börsianer genau informieren. Die Dokumente offenbaren zudem einen Blick in die ersten Jahre des Sozialen Netzwerks. Die wichtigsten Erkenntnisse auf einen Blick.

  • Schon früh profitabel

    In den ersten Jahren verlor Facebook zwar Geld – wie fast alle Startups. Doch schon 2009 erreichte das Unternehmen mit einem Gewinn von 229 Millionen Dollar die schwarzen Zahlen. Im abgelaufenen Geschäftsjahr machte Facebook 7,9 Milliarden Dollar Umsatz aus Werbung und Online-Spielen und verdienten 1,5 Milliarden Dollar Gewinn. Damit hängt das Netzwerk Internet-Urgesteine wie AOL und Yahoo längst ab.

  • Werbung als wichtigste Geldquelle

    Facebook macht sein Geld vor allem mit Werbung. Zuletzt lag der Anteil bei rund 90 Prozent. Der Rest resultiert vor allem daraus, dass Facebook an den Einnahmen aus Online-Spielen beteiligt wird. Im ersten Quartal 2014 schnellte der Umsatz um 72 Prozent auf 2,5 Milliarden Dollar hoch, der Gewinn verdreifachte sich auf 642 Millionen Dollar.

  • Beispielloses Wachstum

    Facebook hat ein beispielloses Wachstum hinter sich: Binnen zehn Jahren ist die Zahl der aktiven Nutzer auf 1,28 Milliarden gewachsen, das entspricht grob der Hälfte der globalen Internet-Population.

  • Zuckerberg hat die Kontrolle

    Gründer und Firmenchef Mark Zuckerberg hat Facebook auch nach dem Börsengang fest im Griff. Er hält Aktien der Klasse B, die zehn Stimmen haben, während Anleger beim Börsengang nur A-Klasse-Aktien mit einer Stimme bekommen haben.

  • Dominant in aller Welt

    Fast die ganze Welt ist blau: In beinahe allen Ländern ist Facebook das größte Soziale Netzwerk – nennenswerte Ausnahmen sind Russland und China, wo lokale Unternehmen dominieren.

  • Keine Chance für StudiVZ

    Auch wenn StudiVZ lange vorne lag, ist Facebook in Deutschland inzwischen die unangefochtene Nummer 1. Nach jüngsten Schätzungen des Portals allfacebook.com hat Facebook hierzulande 27 Millionen aktive Mitglieder.


In der Praxis allerdings sind die Informationsmärkte genauso dereguliert wie die Finanzmärkte. Das bedeutet, dass man an ihnen das Risiko einer ungeschützten Meinung eingehen kann, ohne dabei Gefahr zu laufen, für sie haften zu müssen. Das ist der eigentliche Grund, warum an diesen immer noch neuen, digitalen Informationsmärkten zunehmend weniger substanzielle Argumentationswerte gehandelt werden – und zunehmend viele fiktionale Steilthesenderivate: Während der mühsame Austausch von guten und besseren Gründen nur langfristige Erkenntniserträge verspricht, wirft der anonymisierte Hochgeschwindigkeitshandel mit gestückelten Wahrheitsresten und gehebelten Provokationen kurzfristig Maximalgewinne ab.

Social-Media-Sekte

Es versteht sich von selbst, dass diese „Gewinne“ nicht sozialisierbar sind im Sinne eines geteilten Erkenntniswachstums, das allen Marktteilnehmern zugute kommt. Im Gegenteil: Die „Gewinne“ werden als persönlicher Zuwachs an Aufmerksamkeit privatisiert - mit Blick auf die Peer Group der Gleichgesinnten, von der man „geliket“ und „verlinkt“ werden will.

Anders gesagt: Die Internet-Foren der Magazine und Zeitungen dienen vielen Lesern nicht mehr als Plattform des Meinungsaustauschs mit dem Redakteur, sondern zur wechselseitigen Bestätigung ihrer angespitzten Gesinnungen – über den Redakteur (und den allgemeinen Diskurs) hinweg. Es geht diesen Lesern (Lesern?) nicht um das Einbringen von Argumenten, sondern um die identitätsstiftende Stabilisierung von Vorurteilen. Diese Stabilisierung gelingt besonders gründlich, wenn man sich aus der gesamtgesellschaftlichen Diskussion ausklinkt und sich mit (s)einer Zielgruppe solidarisch erklärt, um den scheinbar übermächtigen Feind zu besiegen: die Mehrheitsmeinung, den Mainstream – den angestellten WirtschaftsWoche-Redakteur. Dass dieser Redakteur eine eingebildete Windmühle ist, gegen die der Don-Quichotte-Leser (Leser?) seine Lanze erhebt, tut dabei nichts zur Sache. Solange seine Social-Media-Sekte ihn für kreditwürdig erachtet, zirkulieren seine Vorurteile so munter wie es im Finanzsektor Schrottpapiere tun.

Der Schrottpapiere gibt es bekanntlich viele. Besonders hoch im Kurs stehen derzeit Vorurteile über Redakteure, die Mainstream-Positionen zu Israel und den Palästinensern halten, zu Wladimir Putin und Russland, zur AfD natürlich (ein echter Blue-Chip unter den Junk-Bonds!) und zum Islam. Etwas schwächer dagegen notieren seit einigen Wochen die einst hoch gehandelten Political-Correctness-Werte, die allen Medienarbeitern Gutmenschentum und Grünliebhaberei unterstellen sowie einen unbedingten Subordinationswillen gegenüber der Berliner SED unter Angela „Margot“ Merkel und der Brüsseler Bürokratur.

Was aber steht im Emissionsprospekt der aktuellen Bestseller? Wie sehen die angeblichen Mainstream-Positionen aus, die in den Internet-Foren derzeit heiß gehandelt werden? Ganz klar: Der „Mainstream“-Redakteur ist ein Israel-Freund und ein Putin-Hasser, dem „Schicksal“ der Palästinenser gegenüber unempfindlich und den Vereinigten Staaten gegenüber hörig. Für die eigentliche „Wahrheit“ der israelischen Aggression und den Expansionswillen des Westens sei in seinem Weltbild kein Platz.

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