Tauchsieder: Koalitionsgegner halluzinieren das Weltende aufwändig herbei

kolumneTauchsieder: Koalitionsgegner halluzinieren das Weltende aufwändig herbei

Kolumne von Dieter Schnaas

Die große Koalition kann machen, was sie will – dass sie das Land nicht vor die Wand fahren wird, werden ihr die Kritiker nie verzeihen.

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Kaum ist der Koalitionsvertrag unterschrieben, fürchten viele schon um Kultur und Wirtschaft

Heute mal eine Nachricht zwischendurch an alle Paniker und Apokalpytiker, die die Welt seit fünf Jahren am Abgrund sehen, bedroht vom Euro, von den Griechen, von EZB-Chef Mario Draghi, von innovationsfeindlichen Bevormundungsgrünen, von der Sozialdemokratisierung der Union, spätestens aber von der großen Koalition: "Der Untergang des Abendlandes" ist auch schon wieder 95 Jahre her. Jaja, schon klar, ich weiß: Nachdem Oswald Spengler den ersten Band seiner großartigen Geschichtsmorphologie 1918 veröffentlicht hatte, erreichten uns eine Hyperinflation, ein zweiter Weltkrieg, eine Währungsreform – und die Welt stürzte tatsächlich in einen Abgrund. Aber das wirklich Überraschende ist doch wohl, dass Panik und Apokalypse seither ständig Konjunktur haben, obwohl es seit 68 Jahren in Deutschland immer friedlich weiter und meistens sogar bergauf geht. Dass wir einen "Wohlstand für alle" (Ludwig Erhard) erreicht haben, obwohl wir uns die gesetzliche Rente, die Steinkühlerpause, den Kündigungsschutz und die Mitbestimmung geleistet haben, Willy Brandts Ostpolitik und Helmut Kohls Wiedervereinigung, den Zuzug von Millionen Russlanddeutschen, die Dauerweiterung Europas und die Rettung des Euro - und dass dieses Land trotzdem einfach nicht kaputtzukriegen ist. Wäre doch wirklich gelacht, wenn jetzt ausgerechnet Sigmar Gabriel es schaffen würde, uns mit Mindestlohn und Quote den Garaus zu machen. 

Das Weltende aufwändig herbeihalluziniert

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Was ich damit sagen will, ist zweierlei. Erstens: Das Genre der raunenden Kulturkritik wird heute nicht mehr vornehmlich von bürgerlichen Konservativen und Linken, sondern vor allem von Liberalen gepflegt. Vor fast einem Jahrhundert stand Oswald Spengler an der Spitze der bürgerlichen "Unbehagens in der Kultur" (Sigmund Freud), aber auch andere hochgestimmte Geister wie Max Weber, Werner Sombart oder Thomas Mann meinten damals die deutsche Kulturidee gegen den englischen Zivilisationsgeist verteidigen zu müssen und trompeteten die Deutschen gewissermaßen präventivrhetorisch in den Ersten Weltkrieg. Damals waren Liberalismus und Kapitalismus Synonyme für das alle verschlingende Übel, für die Entseelung und Entmenschlichung einer durchrationalisierten Welt, vor der man sich nur in Richtung Kunst und Ich-Ich-Ich-Gefühl retten konnte - und in Richtung Gemeinschaftserlebnis, sprich: in die reale Apokalypse des Krieges. Im friedvollen Nachkriegsdeutschland war das Weltende dann zunehmend fern, weshalb es zunehmend aufwändig herbei halluziniert werden musste. Zunächst war das ein Privileg der Linken, die sich besonders gut aufs Herbeihalluzinieren verstehen: Der Atomtod, der saure Regen, das Ende der Arbeit, die Grenzen des Wachstums, schließlich die Klimakatastrophe - es gab damals so viele Fünf-vor-Zwölf-Bedrohungen, dass man den Sowjet dabei schon mal glatt aus den Augen verlieren konnte.

Wie gesagt, heute hat die Lust an der Apokalypse vor allem bei den Liberalen eine neue Heimat gefunden. Sie sehen die Welt mit Friedrich August von Hayek, ihrem Gottvater, ständig auf dem „Weg in die Knechtschaft“, weil „der vorherrschende Glaube an die ‚soziale Gerechtigkeit‘“, die Hayek und seine Getreuen für die „gegenwärtig wahrscheinlich schwerste Bedrohung der meisten anderen Werte einer freien Zivilisation“ halten, einfach nicht auszurotten ist. Im Gegenteil: „Die Freiheit stirbt scheibchenweise“, skandieren die Liberalgenossen, „Die Marktwirtschaft geht vor die Hunde“ und: „Der Interventionismus des Staates ist eine Pest“. Der Unterschied zwischen linker und rechter Apokalypse besteht allein darin, dass die linke Apokalypse wenigstens etwas Abwechslung bietet. Die Liberalgenossen hingegen deklamieren seit sieben Jahrzehnten das Immergleiche. Hayek, der den Westen bereits 1944 auf einer abschüssigen Straße Richtung Sowjetunion sah, glaubte Deutschland auch in den 1960ern auf dem Weg in den Sozialismus und hat bis zuletzt nicht seinen  Frieden machen können mit der „sozialen Marktwirtschaft“ deutscher Prägung, die er ungeachtet ihrer Erfolge für adjektivisch eingetrübt hielt. Für ihn war alle Sicherheit des Wohlfahrtsstaates Teufelszeug, ein Verrat am Abenteuer der Freiheit. Dass der Zuwachs an (materieller) Sicherheit auch einen Zuwachs an Freiheit bedeuten konnte, war für ihn undenkbar.

Kassandras vom Dienst

Nun, Hayeks Jünger sind nicht ausgestorben. Die Große Koalition war noch nicht gebildet, da schallte es ihr allerorten schon entgegen: „Planwirtschaft!“, „Sozialismus!“, „Linksruck!“ – und das nicht zuletzt deshalb, weil mit der FDP im Bundestag nun angeblich auch eine „liberale Kraft“ oder „die Stimme der wirtschaftlichen Vernunft“ fehle. Die taumelnde FDP, das muss man ihr zugutehalten, hielt sich in den ersten Wochen freundlich zurück; dafür kühlten die Leitartikler ihr Mütchen an der errötenden Republik, als hisse Wladimir Iljitsch persönlich gerade die rote Fahne über dem Kanzleramt. Vor allem aber schwangen sich mal wieder die Chefapokalyptiker von der AfD zu Kassandras vom Dienst auf und predigten ihren Marxismus von rechts: Die Entartungen des demokratischen Parlamentarismus werden von Schwarz-Rot gewissermaßen auf die Verteilungsspitze getrieben – und der einzige Vorteil daran ist, dass das System dadurch umso schneller explodiert.

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