Tauchsieder : Lass! Dich! verführen!

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kolumneTauchsieder : Lass! Dich! verführen!

Kolumne von Dieter Schnaas

Die Bundesregierung lässt sich wieder von Ökonomen beraten. Diesmal sind sie der Überzeugung, wir wüssten nicht , was in unserem eigenen Interesse ist - und wollen uns in die richtige Richtung "stupsen". Himmel, hilf!

Die Organspende zum Beispiel. Wie kann der Staat Menschen dazu bringen, sich für den Fall ihres Todes mit der Entnahme ihrer Nieren oder ihrer Leber einverstanden zu erklären? Erstens: Der Staat kann bloß informieren, eine Pressekonferenz einberufen oder Statistiken veröffentlichen, im Internet zum Beispiel: Jährlich sterben xy Menschen - und sie müssten es nicht, wenn xy Menschen zur Organspende bereit wären. Zweitens: Der Staat kann Organspenderausweise drucken, eine breitangelegte Kampagne mit riesigen Plakaten auflegen, Fernsehspots schalten und die Krankenkassen auffordern, ihren Mitgliedern alle zwei Jahre dringend ans Herz zu legen, es post mortem zu verschenken. Drittens: Der Staat kann verfügen, dass die Entnahme von Organen bei Toten die Regel ist - es sei denn, jemand erklärt ausdrücklich, er wünsche körperlich unversehrt beerdigt oder verbrannt zu werden.

Und - was meinen Sie? Welche der drei Varianten verspricht den größten Erfolg? Ich denke, wir sind uns einig: Variante eins, die schiere Aufklärung, beschert dem Staat weniger Organspender als Variante zwei, bei der der Staat das Mittel der wertenden Werbung einsetzt - und Variante zwei wiederum weniger als Variante drei, bei der der Staat die Bereitschaft zur Organspende nicht erst erzielen möchte, sondern bereits voraussetzt. Was also meinen Sie? Für welche Politik sollte sich der Staat entscheiden? Ich bin mir sicher: An diesem Punkt sind wir uns alle herzlich uneinig. Aber warum?

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Der Staat "stupst" die Bürger in die richtige Richtung

Cass Sunstein hat auf diese Frage ein paar gute Antworten - und es gehört zu den größten Vorzügen seiner beiden jüngsten Buch-Veröffentlichungen "Why Nudge?" und "Wiser" (beide nur in Englisch erhältlich, auch als Kindle-Download), dass er das weite Feld von "Good Governance" und "wohlmeinender Politik" mit Rastern überzieht, die dem Leser einen guten Überblick über die Formenvielfalt des staatlichen Paternalismus verschaffen. Sunstein klärt und variiert darin einen Gedanken, den er in einem gemeinsamen Buch mit dem Wirtschaftswissenschaftler Richard Thaler bereits 2008 auf den Begriff nudge gebracht hat. "Nudge" bedeutet so viel wie "stupsen" und steht für eine Regierungspolitik in den liberalen Demokratien des Westens, die es ihren Bürgern erleichtern soll, in ihrem eigenen, wohlverstandenen Interesse zu handeln.

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Quelle: Getty Images

Die Kernidee: Der Staat sorgt für das richtige "framing" eines Themas, ohne dabei die Mündigkeit und Wahlfreiheit seiner Bürger zu verletzen - und "stupst" sein Volk damit in die richtige Richtung, genauer: in seine "gesündere, reichere und glücklichere" Zukunft. Dahinter steckt die simple, alltagsempirisch unwiderlegbare Annahme, dass Menschen oft falsche oder unbedachte Entscheidungen treffen, die ihren (langfristigen) Interessen und (eigentlichen) Wünschen zuwiderlaufen.

Anders gesagt: Wir greifen nach der Burger-Mahlzeit zur Zigarette und setzen uns dank Dispo-Kredit in den Billig-Flieger nach Mallorca - obwohl wir das spätestens mit 70 bitter bereuen werden, weil sich ein Schatten auf unsere Lunge gelegt hat, die Grundsicherung nicht mal fürs Nötigste reicht - und weil wir unseren adipösen Enkeln nicht nur einen Schuldenberg, sondern auch eine Klimahölle hinterlassen werden.

Cass Sunstein ist der Auffassung, dass das nicht sein muss. Dass es eine bessere Welt geben kann, dass sich keine Regierung mit der Unzulänglichkeit ihrer Bürger abzufinden hat - und dass Wohlfahrtsgesellschaften mit geringen materiellen Mitteln grüner, gesünder und zukunftsfester gemacht werden können. Deshalb ruft er das Zeitalter des "liberalen Paternalismus" aus. Dieses Zeitalter gibt es zwar längst, seit den Tagen des aufgeklärten Absolutismus, in seiner modernen, sozialstaatlich akzentuierten Variante seit den Tagen von Bismarck und erst recht seit dem Zweiten Weltkrieg. Auch ist der "liberale Paternalismus" als "Regierung der Freiheit" von etwas kräftigeren Denkern als Sunstein schon vor Jahrzehnten diagnostiziert und wortreich beschrieben worden. 

Verhaltensökonomie als neue Regierungsweisheit?

Aber was soll's: Warum soll man als Autor seinen Lesern verraten, dass man bloß ein Zwerg auf den Schultern von Riesen ist? Warum die großen Urheber seiner wenig originellen Gedanken benennen? Warum an die großen Erzählungen anderer anknüpfen, die vom sukzessiven Rückzug der staatlichen Kontroll-, Straf- und Zwangsregime zu berichten wissen. Von der Internalisierung der Disziplin und des Gehorsams und von einer Gouvernementalität des Self-Trackings. Ebenso von der politisch ausbeutbaren (Selbst-)Steuerung des Gewissens, vom Sich-Verhalten des "außengeleiteten" Menschen in den modernen Massengesellschaften des liberalen Westens, kurz: von der Spannung zwischen individueller Freiheit und sozialer Konformität - und ihrer politischen Bearbeitung im gegenwarts-gesellschaftlichen "Design"?    

Lieber zaubert Sunstein das Knallbonbon der "Behavioral Economics" aus dem Hut und präsentiert seinen Lesern die "bahnbrechenden" Erkenntnisse der Verhaltensökonomie als neuer Regierungsweisheit letzter Schluss. Das ist halbwegs begrüßenswert - und halbwegs fürchterlich. Begrüßenswert ist, dass mit dem ökonomisch denkenden Teil der akademischen Welt auch der rückständigste Teil der akademischen Welt endlich begriffen hat, dass es sich beim Menschen nicht um Rationalitätsroboter handelt, die vernünftige Entscheidungen nach Maßgabe ihrer Eigeninteressen verfolgen (homo oeconomicus). Fürchterlich ist, dass wir statt dessen mit Cass Sunstein dem Gedanken verfallen sollen, der Mensch könnte nichts weiter als ein Reizreaktionsbündel sein, ein abrichtbarer Sinnenapparat, der einer Möhre hinterher rennt oder sagen wir es freundlicher: ein pawlowscher Hund, der seine Intelligenz darauf verwendet, seinen Willen so zu dressieren, dass er nicht nach der nächsten Wurst schnappt.

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Es ist wenig überraschend, dass die Politik sofort Gefallen an Sunsteins "Nudge" gefunden hat. Der britische Premier David Cameron hat 2010 ein "Bahavioral Insights Team" mit einem "Nudge Unit" installiert, die dänische Regierung ein "Mind Lab" eingerichtet, US-Präsident Barack Obama lässt sich von Cass Sunstein sogar persönlich beraten, wie es heißt. Da mochte Angela Merkel natürlich nicht zurück stehen und rekrutierte im Spätsommer 2014 im Rahmen der Strategie "Wirksames Regieren" drei Fachleute mit Expertise in Psychologie, Anthropologie und Verhaltensökonomie fürs Kanzleramt. Die Wissenschaft hat festgestellt, so Regierungssprecher Streiter, "dass viele Menschen so handeln, dass es ihren eigenen Interessen widerspricht". 

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Um welche eigenen Interessen aber handelt es sich? Wer maßt sich an, besser über sie Bescheid zu wissen als man selbst? Und: Dürfen Volksvertreter mit dem Geld ihrer Bürger tatsächlich Experten einstellen, die den Auftrag haben, das Volk - in seinem Sinne, versteht sich - zu manipulieren? Merkel hat sich mit ihrer Initiative nicht nur den Spott der BILD-Zeitung zugezogen ("Wird Deutschland künftig im Guru-Stil regiert?"), sondern auch sogleich alle Vulgärliberalen auf den Plan gerufen, die seit 150 Jahren vor der Freiheitsberaubung eines bevormundenden Nanny-Staates warnen. Schwerer wiegen da schon die Warnungen vor einem "Psycho-Staat", der sich "auf dem Rückweg vom Risiko zum Tabu" befindet, so der Medienphilosoph Norbert Bolz: Das Interesse des Menschen an Zigaretten, Big Macs und Billigfliegern mag kurzfristig, ungesund, unvernünftig sein - aber es ist und bleibt deshalb dennoch ein Interesse, das von staatlicher Seite jederzeit adressiert und vielleicht sanktioniert, zugleich unbedingt akzeptiert und keinesfalls tabuisiert werden darf. 

Die Grenze zum Bevormundungsstaat

Für Sunstein ist die Sache klar: Unternehmen dürfen Kunden manipulieren, um ihr Interesse zu wecken - warum also sollte der Staat seine Bürger nicht in ihrem Interesse manipulieren dürfen? Eine bestimmte "Architektur" der Debatten, die um Organspenden, das Rauchen, die gesunde Ernährung, die Altersvorsorge oder die Informationspflicht bei Finanzprodukten kreisen, gibt es ohnehin - warum sollte man sie nicht erfolgversprechender gestalten dürfen? Lässt man diese Fragen (und Sunsteins fragwürdigen Antworten) fürs Erste beiseite, gewinnt man mit Sunsteins Raster, wie erwähnt, ein ganz gutes Gefühl dafür, wie weit der "liberale Paternalismus" gehen darf - und wann genau er die Grenze zum Bevormundungs - und Verbotsstaat überschreitet. Sunstein unterscheidet zum Beispiel zwischen hartem und weichem Paternalismus (Strafe und Information), zwischen einem Paternalismus der Ziele und der Mittel (etwa: Verbot von Fleischverzehr vs. Menügestaltung, die vegetarisches Essen exponiert) sowie zwischen materiellen und nicht-materiellen Kosten (Steuern auf Zigaretten und abschreckende Warnbilder auf Zigarettenpackungen) - und rät den Regierungen prinzipiell zu einem weichen Paternalismus der Mittel, der nicht viel kostet und den Menschen alle Wahlfreiheit lässt. 

Sunsteins Theorie hat ihre Schwächen

Aber das ist nur das Grundmuster. So hätte Sunstein auch kein Problem damit, den Verkauf von Riesenbechern mit Cola oder Fanta zu verbieten - ein Verbot, das Michael Bloomberg, der ehemalige Bürgermeister von New York, 2012 durchsetzen wollte. Sunstein argumentiert: Jeder könne weiterhin so viel Cola trinken wie vorher. Man müsse sich bloß zwei Becher statt einen kaufen. Relativ weicher Paternalismus mit klarem Ziel, schlussfolgert Sunstein, mit potenziell guten Ergebnissen bei minimalen Kosten - klare Sache, gute Sache. Es ist höchst vergnüglich, dem Autor und seinen zahlreichen Beispielen zu folgen - und höchst anspruchsvoll, ihn gedanklich zu widerlegen, wenn man von Einzelfall zu Einzelfall anderer Meinung ist.

Bleibt der Ärger über Sunsteins Theorieschwäche und über sein fast schon religiöses Verhältnis zur Verhaltensökonomie. Er unterschätzt dramatisch den Eigenwert des irrationalen Verhaltens, das Recht auf Rausch, Sucht, Spiel und Selbstzerstörung, auf Krankheit, Genussfreude und Weltabgewandtheit und würdigt den dionysisch-bacchantischen Teil unserer Natur als unseren "eigentlichen" Interessen zuwiderlaufend herab. Zweitens: Sunstein denkt nicht ansatzweise darüber nach, welch' zutiefst negative Anthropologie seiner Grundannahme zugrunde liegt, die Menschen seien nicht selbst imstande, ihre kurzfristigen Interessen mit ihren langfristigen Interessen abzugleichen. Genau das aber macht doch wohl die Natur eines jeden Menschen aus, sei er nun 20, 40, 60 oder 80: dass er sich nicht das Nachdenken über sich, seine Freiheit und seine Verantwortung erspart, dass er versucht, mit sich und seinem Handeln im Reinen zu sein. Das aber hieße: Aller Paternalismus, der über Information hinausgeht, schwächt den Kern der Humanität. 

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Quelle: Christof Mattes für WirtschaftsWoche

Drittens schließlich blendet Sunstein aus, dass jedes "framing" der Regierungen immer schon von einem bestimmten Ziel her erfolgt; andernfalls ergäbe es überhaupt keinen Sinn. Das aber heißt nichts anderes als: Jedes "wirksame Regieren" ist im Kern paternalistisch, prozedural, an "die Wahrheit" seiner Zeitumstände gebunden - und damit gefährlich. Vor 40 Jahren hätte man unter "liberalem Paternalismus" womöglich noch verstanden, Homosexuellen in Bordellen Rabatte auf Blondinen zu gewähren, um ihnen das Abrücken von ihrer "Veranlagung" zu erleichtern - in ihrem eigenen Interesse, versteht sich. 

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