Tauchsieder: Lauf, Mädchen lauf!

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Bundeskanzlerin Angela Merkel vor zehn Jahren und 2015

Kolumne von Dieter Schnaas

Angela Merkel ist wie ein Gletschersee. So tief man auch hineinschaut – einen Grund findet man nie… Ein Porträt der CDU-Chefin, das vor exakt zehn Jahren in der WirtschaftsWoche erschien. Es gab noch keine IPhones, keine Apps und das deutsche Sommermärchen war noch ein Jahr entfernt. Allein die werdende Bundeskanzlerin war damals schon ganz die Alte.

Fragen nach dem Warum kann Angela Merkel nicht leiden. Warum es ihre Eltern 1954 gegen den Strom nach Ostdeutschland zog? Warum sie sich 1982 von ihrem ersten Mann trennte? Warum sie 1989 beim Demokratischen Aufbruch und bald darauf bei der CDU anheuerte? Aus Liebe, pflegt Angela Merkel zu sagen. Weil es vorbei war. Und: Weil es zu mir passte. Angela Merkel ist wie ein Gletschersee. So tief man auch hineinschaut - einen Grund findet man nie.

Keiner kennt Angela Merkel. Es gibt drei Biografien über sie und einen Interview-Band, unzählige Zeitungsartikel und stundenlanges Bildmaterial. Man hat ihr Leben mit Humboldt’scher Akribie vermessen, verzeichnet, katalogisiert, heraus kam dabei immer nur: eine Art Angela Merkel. Sie hieß "Kohls Mädchen" und "Deutschlands Maggie Thatcher", sie wurde als "Zonen-Angie" verspottet und zur "Jeanne d’Arc" verklärt. Allein auf das Leitmotiv ihres Wesens ist noch niemand gestoßen. Wahrscheinlich nicht einmal sie selbst.

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Angela Merkel, die studierte Physikerin, bewegt sich nach den Regeln der Quantentheorie: absolut schnell und relativ unscharf. Alles in ihrem Leben scheint sich ohne Ursache zu vollziehen, nach dem Prinzip des zwangsläufigen Zufalls. Im nachhinein betrachtet, hat es bei Angela Merkel immer so kommen müssen. Rückblickend ist es immer notwendig auf ihre neue Bestimmung hinausgelaufen. Auf die Naturwissenschaftlerin in Leipzig. Auf die Pressesprecherin beim Demokratischen Aufbruch. Auf die Ministerin im Kabinett Kohl. Auf die Parteichefin der christlich-demokratischen Männerwirtschaft. Es gibt Gesetzmäßigkeiten, nach denen das Leben von Angela Merkel passiert. Aber es gibt keinen Grundsatz, von dem es sich ableiten ließe.

Angela Merkel, Helmut Kohl Quelle: dpa/dpaweb

Angela Merkel, Helmut Kohl (1991).

Bild: dpa/dpaweb

Woher kommt sie? Wohin geht sie? Was will sie? Angela Merkel ist noch immer incognito unterwegs in der CDU, ohne Ausweis ihrer Herkunft, ein blinder Passagier im Führerhaus der Partei. Vielen Christdemokraten bereitet das Unbehagen. Angela Merkel ruht nicht im Familienfrieden, preist weder Tradition noch Kirchensonntag, kennt die Westintegration nur vom Hörensagen und meidet den rheinischen Karneval. Im ideell aufgeladenen Wertekosmos der Union verhält sie sich wie ein aufsässiges Elementarteilchen: unfassbar, unbändig, immer unterwegs, scheinbar ohne Ursprung, ohne Ziel: irgendwohin.

Nur ganz am Anfang will es mit dem Unterwegssein noch nicht richtig klappen. Die kleine Angela ist das Gegenteil eines motorischen Genies; sie selbst wird sich später als "Bewegungsidiot" bezeichnen. Angela spricht bereits, als sie endlich anfängt, die Welt unter ihre Füßchen zu nehmen; noch mit fünf Jahren kapituliert sie vor jedem Weg, der bergab zeigt. Ihr Vater zeigt ihr, wie sie runter vom Hügel kommt, langsam, Schritt für Schritt. Angela muss sich das erklären lassen: wie man steht und wie man geht. Seither ist es ihr wichtiger, voranzukommen, als zu wissen, wohin die Füße tragen.

Angela Kasner Quelle: dpa

Angela Kasner (heute Merkel) 1973 beim Campen.

Bild: dpa

Als Tochter eines Pfarrers steht Angela Kasner (heute Merkel) in der DDR unter dem Generalverdacht, staatsfeindlich erzogen zu werden. Ihren Vater hat es 1954 nach dem Theologiestudium in Westdeutschland zurück zur Heimatkirche in die Uckermark nach Templin gezogen; ihre Mutter, Lehrerin aus Hamburg, ist ihrem Mann gefolgt, so war das damals. Herlind Kasner muss auf die Ausübung ihres Berufs verzichten; umso mehr hält sie die Kinder zu besonderen Anstrengungen an, ermuntert Angela, immer ein bisschen besser zu sein als die anderen. Die Sticheleien der Lehrer pariert sie mit Leistungen, an denen keiner vorbeisehen kann. Angelas Leben ist ein Wettbewerb, der nicht gerecht ist, aber den sie trotzdem gewinnen will. Sie nimmt die Konkurrenz mit der Welt auf. Und zeigt es ihr.

Ihre ersten 16, 17 Jahre, sagt Angela Merkel heute, seien "rundum glücklich" gewesen. Die Uckermark ist voller Wälder, Felder, Seen, ein Paradies für jedes Kind. Angela ist die Beste in Russisch und Mathe, sie trägt Zahnspange, Brille und orthopädische Einlagen, sie macht ein bisschen mit bei der FDJ und schaut Westfernsehen, sie tanzt nicht gern und sammelt Kunstpostkarten, sie liest viel und hält sich ungeschminkt von Jungs fern, sie merkt sich Europas Hauptstädte und ist führendes Mitglied der Templiner CDU - dem Club der Ungeküssten. Angela ist vernünftig, aufgeweckt, unaufgeregt. Man kann nicht sagen, dass sie das Leben sucht. Aber man kann sagen, dass sie ihren Platz im Leben findet.

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