Tauchsieder: Living next door to Alice…

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Alice Schwarzer hat zugegeben, ein Konto in der Schweiz gehabt zu haben. Aber scheinbar nehmen die Deutschen das gar nicht übel

Kolumne von Dieter Schnaas

Zumwinkel, Hoeneß, Schwarzer, Sommer, Schmitz... - wer ist der Nächste? Endültige, universal verwendbare Letztgedanken zum Thema Steuermoral und Steuerhinterziehung.

Seit die Menschen über den Staat nachdenken, stellen sie ihn sich als Vater vor oder als Dieb vor. Die sich den Staat als Vater denken, nennt man Idealisten. Ihr Staat geht aus der freien Übereinkunft aller Individuen hervor, die ihn als Miturheber legitimieren, sich in ihm repräsentiert fühlen - und die ihn als Verkörperung ihres objektiven Willens wertschätzen. Anfangs trat „Vater Staat“ meist ziemlich herrisch und autoritär auf, später streng und gütig (Monarchie), schon bald aber freisinnig und tolerant (Demokratie). Heute ist er vor allem glimpflich und nachsichtig (Sozialstaat). Dem Respekt, den man ihm bezeugt, hat das zweifellos geschadet. Einst konnte „Vater Staat“ - soldatisch, streng und würdevoll, auf die Loyalität seiner Untertanen zählen. Heute darf er, zivil, sanft und freigebig, nicht mal mehr mit dem Anstand seiner Steuerbürger rechnen. Man stelle sich vor: Ein Schwarmgeist wie Novalis (1772-1801) hat sich vor gut 200 Jahren noch denken können, dem Staat seine Steuern zu zahlen "wie man seiner Geliebten Blumen schenkt". Heute würde man dem Dichter wohl raten, sich untersuchen zu lassen.

Von den Anarchisten zu den Elitären

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Die sich den Staat als Dieb denken, nennt man Anarchisten. Der Staat gilt ihnen als etwas Fernes, Fremdes, Künstliches, als Paria und Parasit, der sich vom Fleische ihrer heiligen Individualität nährt. Er ist ein Eckensteher und Wegelagerer, der nur darauf lauert, den Menschen ihre Freiheit und Selbstbestimmung zu rauben - und selbstverständlich auch ihr Geld. Den Kriminalitätsverdacht der Anarchisten hat kein noch so zurückhaltender Diebes-Staat je entkräften können, aber natürlich haben auch die Anarchisten im Laufe der Zeit die Vorzüge einer rechtsstaatlichen Ordnung schätzen gelernt, weshalb man sie heute nicht mehr Anarchisten, sondern Elitäre nennt: Ihr Staat ist dazu da, das angehäufte Ansehen und Geld vor Raub und Umverteilung zu sichern.

Bettina Röhl direkt Subventionskönigin Alice Schwarzer

Nach 30 Jahren Steuerhinterziehung hat Alice Schwarzer Selbstanzeige erstattet. 20 Jahre Steuerhinterziehung waren verjährt. Für zehn Jahre unversteuerte Zinsen zahlte Schwarzer 200.000 Euro und ein bisschen mehr.

Alice Schwarzer sieht sich nach ihrer Steuer-Beichte scharfer Kritik ausgesetzt. Quelle: dpa

Den Argwohn gegen den Diebes-Staat stellen diese Menschen besonders gern durch Invektiven gegen den „aufgeblähten Sozialstaat“ und die „Verschwendung von Steuergeldern“ rhetorisch scharf. Man wettert routiniert gegen die "immer stärkere Abkassiererei” und echauffiert sich über ein Steuer- und Abgabensystem, das "geradezu enteignungsgleiche Züge trägt". Der Steuerstaat ist den Elitären ein Lümmel, mit dem man nicht gut Freund sein kann. Die Beziehung zu ihm regeln sie auf kurzem Wege und zu ihren Gunsten. Manchmal schaffen es die Elitären sogar, ein paar der Ihren in Regierungsämter zu bringen. Zuletzt war das bis September 2012 der Fall. Dann dürfen sich die Elitären geradezu regierungsamtlich ermuntert fühlen, die Höhe des Staats-Sponsorings in ihr persönliches Ermessen zu stellen. 

Es gibt immer ein paar rote Seelen

Nun, damit ist es heute glücklich vorbei. Die Mehrheit der Deutschen stellt sich den Staat nicht mehr als Vater vor und auch nicht als Dieb; statt dessen hat sich ihr Verhältnis zur Obrigkeit auf höchst angenehme Weise entspannt. Sicher, es gibt immer noch ein paar rote Seelen, die „Schutz vor dem entfesselten Kapitalismus“ suchen und sich von Oberstaatsrätin Sahra Wagenknecht einen Zuwachs an sozialer (und finanzieller) Nestwärme erhoffen. Auch kann man die fast schon bräsige Für-die-Menschen-Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) für eine Form von weich-gepolsterter Bevormundungsknechtschaft halten. Und natürlich, auf der anderen Seite gibt es immer noch Presseerzeugnisse, in denen Redakteure ohne Angaben von Gründen den „Linksruck“, die „Staatsgläubigkeit der Deutschen“ oder die „Sozialdemokratisierung der Union“ geißeln dürfen,  wenn ein Vertreter der „Krake Staat“ auch nur anfängt darüber nachzudenken, die Umsatzsteuerfreiheit von hochspekulativen Finanzprodukten in Frage zu stellen.

Aber Gott, was soll’s. Die Mehrheit der Deutschen ist ja längst viel weiter. Die Mehrheit der Deutschen will von den Regierenden vor allem in Ruhe gelassen werden und möglichst unbehelligt ihrer Wege gehen, das ist alles, will sich weder von den Grünen lebenskulturell anleiten noch von Wirtschaftsliberalen zum Zuchttier der Exportwirtschaft vernutzen lassen. Das Verhältnis von Individuum und Staat wird ungleich kühler und sachgerechter als noch vor wenigen Jahren beurteilt.

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