Tauchsieder: Mit Tunnelblick durch die Krise

kolumneTauchsieder: Mit Tunnelblick durch die Krise

Bild vergrößern

Tauchsieder: Dieter Schnaas hält seinen Kopf in den Nachrichtenstrom – und blubbert mit

Kolumne

Wirtschaftswoche-Chefreporter Dieter Schnaas hält den Kopf in den Nachrichtenstrom und blubbert mit. Heute: Angela Merkel sehnt das Ende einer Krise herbei, die gerade erst anfängt. Ein Einspruch.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat in einem Meinungsbeitrag für den "Tagesspiegel" vor dem G-8-Gipfel im italienischen L’Aquila zwei schockierende Sätze zu Papier gebracht.

Erstens: "Mit einer ungeheuren Kraftanstrengung ist es in den vergangenen Monaten gelungen, die Auswirkungen der schwersten globalen Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit zu begrenzen."

Anzeige

Zweitens: „Auch werden wir mit Nachdruck dafür eintreten, die staatlichen Ausgaben nach Beendigung der Krise möglichst rasch wieder auf einen nachhaltigen Pfad zurückzuführen.“

In Satz eins erweckt Merkel den Eindruck, die Krise sei im Wesentlichen überstanden – das ist gefährlich naiv. In Satz zwei behauptet sie indirekt, die Politik habe in der Vergangenheit nachhaltig gewirtschaftet – das ist schlicht frech. In Satz ein und zwei schließlich tut Merkel so, als sei ihr Werben für das das baldige Ende staatlicher Konjunkturprogramme der Weltwirtschaftsweisheit letzter Schluss – das ist, mit Verlaub: ziemlich ignorant.

Amerikaner planen weiteres Konjunkturpaket

Es gehört jedenfalls nicht viel Fantasie dazu, um sich vorzustellen, dass US-Präsident Barack Obama die Kanzlerin auf dem am Mittwoch beginnenden G8-Gipfel im italienischen L’Aquila scharf zurechtweisen wird. Allein im Juni sind in den USA 467.000 Menschen arbeitslos geworden, 145.000 mehr als im Mai. Die Arbeitslosenquote ist auf 9,5 Prozent hoch geschnellt und damit auf den höchsten Stand seit mehr als 25 Jahren.

Die Vorsitzende des Stabs der Wirtschaftsberater von Obama, Christina Romer, hat den Amerikanern daher bereits ein weiteres Konjunkturpaket in Aussicht gestellt: "Wir werden alles tun, was nötig ist."

In einem Beitrag für den britischen „Economist“  hat Romer vor drei Wochen eindringlich davor gewarnt, das Ende der Kreise zu früh auszurufen, den Argumenten der Sparer, Haushälter und Inflationsängstlichen zu folgen – und eine lahmende Wirtschaft damit der Gefahr einer dauernden Stagnation auszusetzen. Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman sekundierte vergangenen Freitag in der „New York Times“, dass das 787 Milliarden Dollar schwere Konjunkturprogramm Obamas "nicht im Entferntesten“ ausreiche, den drohenden Abschwung der USA in „ein verlorenes Jahrzehnt“ aufzuhalten.

Die Geschwindigkeit, mit der eine finstere Realität in den USA noch die düstersten Prognosen überholt, ist in der Tat erschreckend: Romer hatte noch vor einem halben Jahr prognostiziert, dass die Arbeitslosigkeit auf neun Prozent steigen würde, wenn das Konjunkturpaket Obamas nicht umgesetzt werde. Nun, wie gesagt, steht die Quote bei 9,5 Prozent,obwohl es umgesetzt wurde.

Krise wird uns noch sehr teuer zu stehen kommen

Das alles lässt auch für den Haushalt der USA Schlimmes befürchten. Die Annahme eines Rekorddefizits in Höhe von 1.800.000.000.000 (Billionen) Dollar – rund 13 (!) Prozent des Bruttoinlandsprodukts – basiert auf einer prognostizierten Arbeitslosenquote von 8,1 Prozent.

Angesichts dieser Zahlen den Eindruck zu erwecken, eine Exportnation wie Deutschland könne schon bald wieder zur Tagesordnung übergehen, grenzt an Wählertäuschung. Natürlich ist es zu begrüßen, dass der Bundestag eine Schuldenbremse beschlossen hat und dass man "nachhaltig" wirtschaften wolle. Und natürlich weiß auch Obama, dass eine Defizitquote von dauerhaft 15 Prozent sogar die USA ruinieren muss. Doch ebenso klar ist, dass die Politik den späteren Ruin einer Volkswirtschaft dem sofortigen vorzuziehen hat – und dass wir Steuerzahler diesen späteren Ruin gewissermaßen vorfinanzieren.

Anders gesagt: Die Krise wird uns mit großer Wahrscheinlichkeit noch sehr teuer zu stehen kommen. Zunächst in Form weiterer Hilfsmaßnahmen für Banken und Industrie – das dritte Konjunkturpaket kommt, wetten? Dann in Form steigender Steuern und Arbeitslosenzahlen. Und schließlich, mit ein paar Jahren Verzögerung, durch hohe Inflationsraten, mit denen der Staat dann tatsächlich ganz „nachhaltig“ versuchen wird, seine Schulden abzubauen.

Auf unsere Kosten, versteht sich.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%