Tauchsieder: Trauern mit Twitter?

Tauchsieder: Trauern mit Twitter?

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Flüchtlingskrise, Westerwelle und Genscher: Es fehlt die Zeit die Ereignisse angemessen zu händeln und zu würdigen.

von Dieter Schnaas

Die 140-Zeichen-Kondolenz ist eine einzige Gedanken- und Taktlosigkeit. Was bringt Menschen dazu, ein eiliges „R.I.P“ hinzudäumeln, wenn Prominente sterben?

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht in diesen Wochen; mir geht es vor allem zu schnell. Ich halte mit der Welt nicht mehr mit und den Nachrichten, die sie produziert. Die Umlaufgeschwindigkeit des Neuen ist so hoch, das ich mich zugleich überfordert und unterfordert fühle. Die Welt rauscht durch mich hindurch wie Wasser in einem Durchlauferhitzer. Ich fühle mich wie ein endlos lange Papierrolle in der Druckerpresse, der eine rasende Welt laufend neue Zeugnisse ihres permanenten Vollzugs aufdrückt…, aber nein, das klingt zu altmodisch, sagen wir besser: Mein Gehirn ist zu einer Art Newsticker degeneriert - es verdoppelt augenblicklich das, wovon es in Kenntnis gesetzt wird, während es die Fähigkeit zur Distanznahme beinahe komplett verloren hat, die Fähigkeit zum Innehalten, zur Reflexion, zum Nach-Denken. Kurz: Ich bin ganz Arbeitsspeicher ohne Festplatte.

Twitter Von 140 auf 10.000 Zeichen

Twitter-Fans könnten künftig mehr Freiheiten bekommen. Gründer Jack Dorsey stellt eine Lockerung der 140-Zeichen-Obergrenze bei Tweets in Aussicht - und will damit ein größeres Publikum erreichen.

Twitter: Von 140 auf 10.000 Zeichen Quelle: dpa

Das Problematische an diesem Befund ist, dass mich diese schrille, bunte, laute, schnelle Welt weder intellektuell zu sättigen noch hungrig zu machen versteht. Sie macht mich nur noch nervös und unzufrieden - und manchmal auch leer, weil ich das Gefühl habe, ihr nicht mehr genügen, ihr nicht mal mehr ansatzweise gerecht werden zu können. Natürlich kenne ich den klassischen Befund der Soziologie: Die schiere Vielfalt der Optionen nährt bei uns wohlversorgten Einwohnern atlantischer Komfortzonen das sehrende Gefühl der Unzufriedenheit, weil wir mit jeder Chance, die wir ergreifen, hundert andere liegen lassen (müssen) - Chancen, die dann andere ergreifen, die auf den Arbeits-, Heirats-, Kultur-, Freizeit- und Wohnungsmärkten womöglich erfolgreicher sind als wir - und damit unsere Unruhe und Unzufriedenheit steigern. Aber das ist es nicht. Ich bin seit meinen Zwanzigern ein mir angenehm neidfreier Mensch, habe stets reichlich Genügen am Verfolgen, zuweilen auch Gelingen dessen gefunden, was mir wichtig war. Und heute? Nun, heute weiß ich zwar noch immer, den Bereich des mir Wichtigen zu markieren. Aber es kostet mich zunehmend viel Anstrengung, mich auf das Wichtige zu konzentrieren, es zu verteidigen gegen die Totalität der Gegenwart. Bildlich gesprochen könnte man sagen, dass die Brandung des Immer-Neuen an der Insel des Immer-Gültigen nagt.

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Zahlen und Fakten zu Twitter

  • Nebenprodukt mit Erfolg

    Twitter war zunächst nicht mehr als ein Nebenprodukt der Firma Odeo, die eine (allerdings wenig erfolgreiche) Podcasting-Plattform entwickelte. Die Macher suchten 2006 nach Alternativen – und entwickelten den Dienst mit seinen 140 Zeichen kurzen Texthäppchen. In den ersten Monaten gewann er zwar kaum Nutzer, doch nach einem erfolgreichen Auftritt auf der Technologiekonferenz SXSW hob Twitter ab.

  • Idee von vier Freunden

    Anfangs standen vier Freunde hinter Twitter: Evan Williams, der dank des Verkaufs seiner Plattform Blogger.com an Google auch Geldgeber war; außerdem Jack Dorsey, Biz Stone sowie Noah Glass. Letzterer wurde allerdings wegen seiner schwierigen Art schon bald aus der Firma gedrängt.

  • Intrigen und Machtkämpfe

    Die kurze Geschichte der Firma ist geprägt von Machtkämpfen zwischen den einstigen Freunden. Der erste Chef Jack Dorsey musste auf Veranlassung des Mitgründers Evan Williams sowie des Verwaltungsrates seinen Posten verlassen. Williams selbst hielt sich auch nicht dauerhaft an der Spitze – bei seiner Entmachtung im Oktober 2010 hatte Dorsey seine Finger im Spiel. Seitdem lenkte Dick Costolo, zuvor bei Google tätig, die Firma. Nach der Warnung des Unternehmens im ersten Quartal 2015, dass die angepeilten Umsätze nicht erreicht würden, und die Aktie weit unter den Ausgabekurs rutschte, war die Luft für ihn dünn geworden. Nach Monaten der Kritik von der Wall Street, Anteilseignern, Mitarbeitern und Kunden wurde Costolo am 1. Juli 2015 durch Twitter-Mitgründer Jack Dorsey ersetzt.

  • Durchweg in den Miesen

    Twitter hat noch nie Gewinn gemacht. Im zweiten Quartal 2015 lag der Verlust bei unterm Strich 137 Millionen Dollar - immerhin 8 Millionen weniger als im Vorjahr. Vor allem Vergütungen für Mitarbeiter in Form von Aktienpaketen und Optionen machen sich bemerkbar.

  • Zaghaft im Werbegeschäft

    Twitter hatte bis vor drei Jahren noch kein Werbegeschäft. Die Gründer verzichteten in der Anfangszeit bewusst auf Anzeigen, um die Nutzer nicht zu verschrecken. Im Frühjahr 2010 starteten erste Versuche mit Werbung zwischen den Tweets. Inzwischen ist das Geschäft beträchtlich angewachsen. Im zweiten Quartal 2015 stammten von den 502 Millionen Dollar Umsatz fast 90 Prozent aus dem Geschäft mit mobilen Anzeigen auf Smartphones oder Tablets. Die Werbeeinnahmen nahmen im vergleich zum Vorjahr um 63 Prozent auf 452 Millionen Dollar zu.

  • Mehr als 270 Millionen Nutzer

    Twitter ist für die mobile Ära gerüstet. Ein Großteil der Werbeerlöse wird auf Smartphones und Tablet-Computern erwirtschaftet. Insgesamt hat Twitter mehr als 316 Millionen Nutzer pro Monat.

  • Twitter-Aktionäre sind gleichberechtigt

    Twitter versucht nicht, den Einfluss der Gründer durch eine Aktienstruktur mit zwei Klassen zu sichern. Andere Internet-Unternehmen wie Google oder Facebook haben bei ihren Börsengängen den Investoren Papiere angeboten, die weniger Stimmrechte haben als die Aktien von Gründern und Spitzen-Managern. Bei Twitter sind alle Anteilseigner gleich, die Ausgabe von Vorzugsaktien ist nur als Möglichkeit für die Zukunft vorgesehen.

Sie verstehen, was ich meine? Nehmen wir zum Beispiel die prominenten Toten der vergangenen Wochen. Kriegen Sie sie noch halbwegs zusammen? Hans-Dietrich Genscher, Guido Westerwelle, Lothar Späth und Helmut Schmidt; Zaha Hadid, Imre Kertesz, Roger Cicero und Johan Cruyff; Hugo Strasser, Nancy Reagan, Nikolaus Harnoncourt und Hannes Löhr; Peter Lustig, Umberto Eco, David Bowie und Roger Willemsen; Artur Fischer, Paul Bley, Maja Maranow und Pierre Boulez… - ich wette, Sie hatten (wie ich) mindestens die Hälfte nicht mehr auf dem Zettel. Der Grund dafür ist nicht, dass uns keine Zeit mehr verstattet wäre, sich mit dem Leben und der Bedeutung der einen oder des anderen auseinanderzusetzen, sondern dass wir nach einem kurzen, schreckhaften „Huch!?“ von einer Todesnachricht zur anderen übergehen, ohne uns für das Leben und die Bedeutung der einen oder anderen Person noch einmal wirklich zu interessieren. Wahrscheinlich ist das kursiv gestellte „Oder“ hier von entscheidender Bedeutung: Die größte Medienkompetenz scheint heute zu haben, wer sich für bestimmte Dinge nicht interessiert, wer zu selektieren, in sich den Strom der Nachrichten zu unterbrechen versteht. Wer eine Zeitung mit einem langen Nachruf und daraufhin noch mal ein Buch zur Hand nimmt, wer stunden-, vielleicht tagelang nach-liest, nach-sieht, nach-hört, was das Erbe von Genscher oder Kertesz oder Boulez oder Hadid sein könnte.

Die geringste Medienkompetenz wiederum bringen ausgerechnet jene mit, die sich an der Spitze des massenmedialen Fortschritts wähnen. Sie greifen tatsächlich zum Smartphone, um Bestürzung zu twittern und Trauer zu posten, sobald jemand „zu früh“ gestorben, ein Flugzeug abgestürzt oder ein Terroranschlag verübt worden ist. Sind das noch harmlos-wohlmeinende Gesten der vernetzten Hilf- und Sprachlosigkeit? Oder haben wir es schon mit einem Exhibitionismus teilnahmsloser Anteilnahme zu tun? Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass soziale Netzwerke Menschen einander in ihrem Menschsein nicht näher bringen können – der routiniert phrasierte Schreck, das eilig hingedäumelte „R.I.P“, die unfertigen „Gedanken“, die angeblich „bei den Angehörigen“ sind, erbringen ihn Woche für Woche, Tag für Tag. Facebook und Twitter sind Plattformen zur Verbreitung spontanemotionaler Dutzendware, Billigmärkte für den Austausch trivialisierter (Mit-)Gefühle – und damit der exakte Ausdruck dessen, was Menschen zu nichts verbindet. Zwischen der Sekunden-Bestürzung der Netzgemeinde und dem existenziellen Trauerschock der Angehörigen klafft ein absurder Abgrund, der so groß, so unüberbrückbar ist, dass eine 140-Zeichen-Kondolenz notwendig beides ist: eine Gedanken- und eine Taktlosigkeit.

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