Tauchsieder: Von Marktstaaten und Staatsmärkten

kolumneTauchsieder: Von Marktstaaten und Staatsmärkten

Kolumne von Dieter Schnaas

Der Berliner Sozialhistoriker Jürgen Kocka erweist den Klassikern Karl Marx, Fernand Braudel und Joseph Schumpeter seine Referenz - und schreibt eine kleine, meisterhafte "Geschichte des Kapitalismus".

Vergangene Woche habe ich an dieser Stelle zwei jüngere Wirtschaftsbücher aus der Reihe "Beck Wissen" vorgestellt, mich über den herausragenden Band von Michael Sommer über die "Wirtschaftsgeschichte der Antike" gefreut und die viel zu kleinteilig geratene "Geschichte des ökonomischen Denkens" von Heinz D. Kurz getadelt. Auch diese Woche ist von zwei Büchern die Rede. Beide widmen sich der Geschichte des Kapitalismus. Eines ist ärgerlich. Eines ist ausgezeichnet. 

Legen wir los mit dem Ärgernis: Ulrike Herrmann hat es verfasst, Historikern, Bankkauffrau und Wirtschaftsredakteurin, ein typisches Journalistenbuch, muss man leider sagen, das von geliehener Autorität und einem stupenden Mut zur zeitgeistigen Steilthese, von keinerlei Angst vor logischen Widersprüchen und ökonomischer Halbbildung lebt. Kein Wunder also, dass "Der Sieg des Kapitals", was die Verkaufszahlen anbelangt, erfolgreich ist. Offenbar muss man heute vor allem sehr meinungsstark sein, perspektivisch verkürzt argumentieren, Zusammenhänge ausblenden und die Erträge der Wissenschaft ideologisch aufladen, um einen zielgruppenorientierten Bucherfolg zu landen. 

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Worum geht es? Nun, Herrmann möchte einerseits eine aufklärerische "Geschichte von Wachstum Geld und Krisen" schreiben und die Gesetze des Kapitalismus erklären, der einem Volk von ökonomischen Stümpern - zu denen sich Hermann, versteht sich, ausdrücklich nicht zählt - nur diffuses Unbehagen bereite. Andererseits hat sie überhaupt keine Probleme damit, diese Geschichte aus einem radikal antiaufklärerischen Blickwinkel heraus zu erzählen: aus dem Blickwinkel der ökologisch-staatsinterventionistisch-linkspolitisch bewegten Weltretterin des Jahres 2014. Das Ergebnis ist, nunja, peinlich: Selbst die Bibliothekare der grünen Heinrich-Böll-Stiftung dürften das Buch seines suggestiv-simplifizierenden Gestus wegen bei den "Wahlkampfbroschüren" verstauben lassen statt es im Bereich "Sachbuch" einzupflegen.

Tauchsieder Wirtschaft für die Westentasche

528 Titel und kein Ende... - welche Gründe hat der sagenhafte Erfolg der Reihe "Beck Wissen"? Und was taugen ihre Bücher über die Geschichte der Wirtschaft?

Mit der "Beck Wissen"-Reihe bietet C.H.Beck kompaktes Wissen für die Jackentasche Quelle: dpa

Um es kurz zu machen: In den historischen Passagen ihres Buches bedient sich Hermann überreichlich bei den wegweisenden Studien zum Beispiel der Historiker Fernand Braudel und Eric Hobsbawm - mit dem Unterschied, dass Herrmann ihre Geschichte tendenziös verengt, ideologisch einfärbt und noch dazu mit Platitüden würzt, die jeden Erstsemester zum Weinen bringen: "Deutsche sorgen generell gern vor", heißt es an einer Stelle, an einer anderen: "Wenig später kamen dann Fahrrad, Auto, Radio, Kino und Flugzeug hinzu. Die Industrialisierung war nicht mehr aufzuhalten, sobald sei einmal eingesetzt hatte." Aus dem Meer des ökonomischen Unsinns seien an dieser Stelle nur drei zentrale Thesen herausgefischt, die das ganze Buch von Beginn an in eine Schieflage bringen. 

Erstens: Herrmann will der Einfachheit halber den Kapitalismus (böse) von der Marktwirtschaft (gut) unterscheiden und meint: Auf Märkten wird mit Äquivalenten gehandelt. Das ist natürlich blanker Unsinn. Auch Händler sind (heute) Kapitalisten, die Mehrwert erwirtschaften wollen. Zweitens: Herrmann wendet sich gegen die "neoliberale" Ideologie (sie benutzt das Wort auch noch fälschlicherweise als Synonym für "den Kapitalisten", obwohl es eigentlich "den Marktwirtschaftler" bezeichnet...) der niedrigen Löhne und der globalen Wettbewerbsfähigkeit und argumentiert, dass vergleichsweise hohe Löhne und die hohe Produktivität in England die Mechanisierung und Industrialisierung im 18. Jahrhundert ausgerechnet dort überhaupt erst in Gang gebracht hätten. Und? Was soll uns das sagen? Nun, Herrmann zieht daraus den Schluss, dass die (Mindest)-Löhne heute gar nicht hoch genug sein können, weil hohe Löhne und höhere Staatsausgaben das Wachstum treiben, für Innovationsvorsprünge sorgen und Wettbewerbsvorteile sichern - und zwar ganz unabhängig davon, ob man sie einem Top-Manager, Spitzenforscher oder Hilfsarbeiter zahlt.

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