Tauchsieder: Vorsicht: Nationales Interesse!

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Tauchsieder: Dieter Schnaas hält seinen Kopf in den Nachrichtenstrom – und blubbert mit

Kolumne

Neuerdings wandert mein Blick immer Richtung Datum, wenn ich die Zeitung lese oder mich durch die Internet-News klicke. Zur Sicherheit. Irgendwie scheint die Republik sich ja nicht vom Fleck zu bewegen seit dem 1. April – oder was meinen Sie?

Heute Morgen zum Beispiel: 64 Hochschulprofessoren fordern einen Stopp des geplanten Neuverschuldungsverbots (ab 2020!), darunter auch ein sogenannter Wirtschaftsweiser, Peter Bofinger. „Wir wollen nicht dazu aufrufen, jetzt fröhlich Schulden zu machen“, sagt Bofinger, aber, aber: „Die Zukunft des Landes“, die wolle man nun wieder auch nicht aufs Spiel setzen. Also raus mit dem Geld, was kostet die Welt, wenn nicht mehr fröhlich, dann eben ganz ernsthaft. Es ist zum Totlachen.

Was einem wirklich Sorge machen kann in diesen Wochen, ist die Sorgenexpansion der Manager und Politiker. Alle blicken sie plötzlich über den eigenen Tellerrand hinaus und mischen sich kraftvoll ein - gesellschaftliches Engagement landauf, landab, Fremdeinfühlung und Fernstenliebe, wohin man blickt.

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Sorge um die Futures statt um die Zukunft

Bei Porsche zum Beispiel sorgen sie sich um das Geschäft mit Futures statt um das Auto der Zukunft; bei Opel um den Automobil-Standort Deutschland statt um Marktanteile - und bei Karstadt sorgen sie sich neuerdings sogar um das Ausbluten der Innenstädte statt um attraktive Kaufhäuser, um das Wohnumfeld der Menschen statt um schwarze Zahlen. Entschuldigung, aber: Könnte es sein, dass uns am Ende am besten gedient wäre, wenn jeder erst mal vor der eigenen Haustüre…?

Vor wenigen Wochen schob man noch schamvoll das Argument der „Systemrelevanz“ auf die Rampe, um „staatliche Eingriffe“ in die Marktwirtschaft zu rechtfertigen. Heute schämt sich der CSU-Vorsitzende und Bundespopulist Horst Seehofer nicht einmal mehr zu sagen, auch das Wohlergehen der Bauern sei von „nationalem Interesse“. 300 Millionen Euro also für Trecker-Diesel? Kein Problem.

Dass ein Schuss Ordnungspolitik von „nationalem Interesse“ sein könnte, dafür scheint in diesen Wochen kaum jemand mehr einen Sinn entwickeln zu können. Am allerwenigsten der Herrschaftsverband der CDU-Ministerpräsidenten, der nicht müde wird, unter zynischem Hinweis auf die „Unabhängigkeit der Tarifpartner“ von Niedriglöhnern und Kleinverdienern mehr „Eigenverantwortung“ zu verlangen – und der gleichzeitig den hoch bezahlten Zockern (und gut verdienenden Angestellten) bei Porsche Milliardenhilfen in Aussicht stellt.

Wenn das so weitergeht, sind bei der Bundestagswahl Ende September vielleicht sogar 18, 19, 20 Prozent für die FDP noch zu wenig. Die Hauptsache aber wird sein, dass es dennoch nicht reicht fürs „bürgerliche Lager“, damit all’ die ordnungspolitischen Sonntagsredner mal die Gelegenheit bekommen, in Ruhe darüber nachzudenken, ob sie rhetorisch berechenbar sein wollen und politisch beliebig – oder doch lieber: politisch berechenbar und rhetorisch beliebig.

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