Tauchsieder: Was läuft schief im Journalismus?

kolumneTauchsieder: Was läuft schief im Journalismus?

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Journalisten: Unbelangbare Arrangeure der Wirklichkeit?

Kolumne von Dieter Schnaas

Was ist dran am "Mainstream" der "Lügenpresse"? Während wir diskutieren, schafft Facebook Fakten: Die Meinungsvielfalt droht in eine plurale Meinungseinfalt umzuschlagen.

Journalisten sind wie Finanzjongleure. Beide handeln mit Nachrichten und Gerüchten. Beide spielen mit der Welt und arrangieren die Wirklichkeit. Beide blasen das, was ist, zu einer guten Story auf. Vor allem aber sind beide aller Haftung für ihr Tun entzogen. Während die Masters of the Universe im Schutz von Organisationen arbeiten, von denen die Souveräne der Welt behaupten, die seien too big to fail, sind Journalisten als Inhaber des Vorrechts, letztinstanzliche Urteile über alles zu sprechen, prinzipiell unbelangbar: too powerful to fail.

Zeitgenossen, die mit großer Einfalt gesegnet (oder dezidiert demokratiefeindlich) gesinnt sind, haben daraus den dämlichen (oder üblen) Schluss gezogen, die Deutschen würden von einer systemkonformen "Lügenpresse" systematisch hinters Licht der Wahrheit geführt. Was davon zu halten ist, kann man hier nachlesen. Mit welchen Problemen der Macht, Hybris, Selbstreferenz und Reproduktionslogik der politische Journalismus in Deutschland tatsächlich zu kämpfen hat - davon handelt ein neues Buch des Politikwissenschaftlers Thomas Meyer, Chefredakteur und Mitherausgeber der Zeitschrift Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte.*

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Facebooks "Instant Articles"

  • Was ist "Instant Articles"?

    „Instant Articles“ ist ein Facebook-Dienst, der es ermöglicht, ganze Artikel und Videos von Verlagen sofort im Newsfeed zu lesen. Nutzer müssen nicht – wie bisher – auf die Teaser der Nachrichtenportale klicken, um dann auf die jeweilige Website zu gelangen.

  • Welche Nachrichtenportale nehmen daran teil?

    Aus Deutschland sind es die Online-Portale Spiegel und Bild. Die BBC und der britische Guardian stellen ebenfalls Inhalte zur Verfügung. Aus den USA nehmen unter anderem die New York Times, BuzzFeed und National Geographic teil.

  • Wie kann man "Instant Articles" nutzen?

    Verfügbar ist der Dienst erst einmal nur für Nutzer von Facebooks iPhone-App. Nutzer müssen dafür die Seite facebook.com/instantarticles „liken“. Eine Auswahl der Portale, deren Nachrichten man sehen will, ist vorerst nicht möglich.

Meyer eröffnet das Buch mit einem Befund von Frank Schirrmacher. Der inzwischen verstorbene FAZ-Herausgeber hat im März 2014 aus Anlass eines ZDF-Interviews mit dem Vorstandsvorsitzenden von Siemens, Joe Kaeser, vor einem "journalistischen Übermenschentum" gewarnt. Kaeser war damals - auf dem Höhepunkt der Krim-Krise - nach Russland gereist und hatte dabei auch mit Russlands Präsident Wladimir Putin gesprochen. Ein Affront gegen die deutsche Regierungspolitik? Der Triumph von Konzerninteressen über die Staatsräson? Für Claus Kleber gab es daran offenbar keinen Zweifel.

Doch anstatt sich die Argumente von Joe Kaeser anzuhören und den Siemens-Chef mit der Kritik aus Politik, Kultur und Wirtschaft zu konfrontieren, geriet dem ZDF-Moderator das Interview zum Kreuzverhör, so Schirrmacher, zur "Sternstunde der Selbstinszenierung" des Journalismus: "Die Deutschen sollten nicht erfahren, was Joe Kaeser in Moskau tat, sondern wie Claus Kleber darüber denkt." Kurzum, Frank Schirrmacher machte damals auf die "zunehmende Bereitschaft der Medienleute" aufmerksam, so Meyer, "per Selbstermächtigung im politischen Betrieb mitzumischen und sich zu politischen Großinquisitoren aufzuschwingen". 

Was daran überrascht, ist zunächst einmal: dass Meyer davon überrascht ist. Von der "Unbelangbarkeit" politischer "Alpha-Journalisten" in der "Republik der Wichtigtuer" ist in Feuilletons, Aufsätzen und Büchern - durchaus in selbstkritischer Absicht - seit mindestens zehn Jahren die Rede. Tatsächlich sind die Topoi von der Selbstbezüglichkeit der Medien, von ihrer Inszenierungslust, von der Echtzeit-Eile und dem Hang zur personalisierten Berichterstattung längst, wie Meyer selbst schreibt, "ein leicht abgenutzter Klassiker der Medienkritik".

Entsprechend liest sich sein Buch über weite Strecken wie die aktualisierte Fassung eines zehn Jahre alten Textes, der auf dem theoretischen Fundament eines 20 Jahre alten Textes des Soziologen Niklas Luhmann ("Die Realität der Massenmedien") beruht. Es ist ein Text, der auch durch Streckung, Wiederholung, Variation selten gewinnt. Aber das alles ändert nichts daran, dass Meyers zentrale Thesen im Lichte zahlreicher Beispiele aus jüngerer Zeit (Wulff, Steinbrück, Guttenberg, aber auch: das Versagen des Wirtschaftsjournalismus vor 2007) unbedingt diskutiert gehören. Worum also geht es?  

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