Tauchsieder: Was von Erhard übrig blieb

kolumneTauchsieder: Was von Erhard übrig blieb

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Ludwig Erhard auf dem CDU-Parteitag 1971 in Düsseldorf

Kolumne von Dieter Schnaas

Ludwig Erhard wird behandelt wie eine wirtschaftspolitische Jukebox. An der Grundmelodie von Erhards Denken ist niemand mehr interessiert. Dritter und letzter Teil einer Serie über den Vater der sozialen Marktwirtschaft.

Vergangene Woche haben wir die historischen Leistungen von Ludwig Erhard gewürdigt – und sind dabei zu einem paradoxen Schluss gekommen: Nur wer Ludwig Erhard radikal historisiert, wird mit ihm gegenwärtig was anzufangen wissen. Nur wer darauf verzichtet, ihn in vergleichender Absicht zu zitieren, wird ihn analogisierend verstehen.

Unser Vorschlag zielte auf eine Entmystifizierung der "Wirtschaftswunder"-Figur. Wir fragten: Warum sind die Wirtschaftswunder-Jahre hierzulande eine Heldensage und die "Trente Glorieuses" in Frankreich nur eine glückliche Wachstumsphase nach dem Zweiten Weltkrieg? Und wir kamen zu dem Schluss: Weil Deutschland seine Souveränität verspielt und die Geschichte den deutschen Staat verneint hatte. Und weil Ludwig Erhard den (west-)deutschen Staat 1948 aus dem Geist der Marktwirtschaft gründete, noch bevor er sich staatsrechtlich konstituierte: Seine Wurzel ist vollkommen ökonomisch.

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Die Stärken Deutschlands

  • Exportorientiert

    Deutschland ist zwar nicht mehr Exportweltmeister, liegt jedoch ganz vorne im internationalen Vergleich. Deutschland liegt an dritter Stelle, wenn es um den Export von Gütern, Dienstleistungen und Investitionen im Ausland geht. Deutsche Güter werden weltweit nachgefragt, so ist die Bundesrepublik wenig anfällig, wenn die Konsumlaune im Inland oder im europäischen Ausland nachlässt.

  • Schützend

    Wer in Deutschland etwas entwickelt, kann sich sicher sein, dass seine Eigentumsrechte per Gesetz gewahrt werden. Das beschert Deutschland den dritten Platz im Bereich Schutz des geistigen Eigentums, außerdem liegt die Bundesrepublik in Sachen Ausgaben für das Gesundheitssystem, Innovationsumfang und Grüne Technologie auf dem vierten Platz.

  • Effizient

    Deutschland gelingt es sehr effizient, seine Bürger und Unternehmen zu schützen. So punktet die Bundesrepublik mit der Inneren Sicherheit, mit dem Schutz des geistigen Eigentums - und mit einer effizienten Kontrolle der Kapitalmärkte. In allen drei Kategorien belegt die Bundesrepublik den 5. Rang.

  • Ausbildend

    In Sachen Produktivität und Effizienz liegt Deutschland im internationalen Vergleich ganz vorne. In den Bereichen Ausbildung, kleine und mittlere Unternehmen, Fortbildung der Mitarbeiter und Produktivität der Mitarbeiter liegt die Bundesrepublik an der Spitze und belegt in den vier Kategorien den ersten Platz.

  • Ausgeglichen

    Die deutsche Wirtschaft ist breit gefächert. Ob Autos, Technologie oder Dienstleistungssektor, hierzulande sind viele verschiedene Industrien angesiedelt. Das erhöht zum einen die Attraktivität des Landes, zum anderen senkt es aber auch die Gefahr, dass Deutschland aufgrund Probleme einer einzelnen Industrie selbst in Schwierigkeiten gerät. Mit seiner breiten Aufstellung in unterschiedlichen Branchen liegt Deutschland international auf Rang 2.

Mit der Währungsreform (20. Juni 1948) und der Freigabe der Industriepreise (24. Juni 1948) waren ein knappes Jahr vor der Gründung der Bundesrepublik (23. Mai 1949) nicht nur jede Menge Waren im Umlauf, sondern auch jede Menge Vertrauen in ein Deutschland, das keine starken und totalitären Züge mehr aufwies: "Der institutionelle Embryo" eines Staates, der gleichsam unter der Aufsicht des Marktes stand, erzeugte positive "politische Zeichen", so der französische Philosoph Michel Foucault. Erhards dezentral organisierte Marktwirtschaft schuf die "Legitimität für einen Staat", der sich anschickte, ihr Garant zu werden.

Im Geiste des Neoliberalismus

Anders als in Frankreich (anders auch als in England und den USA), wo sich der (bestehende) Staat als "Modernisierungsagentur" verstand und (fast dasselbe) Wachstum durch "Planification" entfesselte, ist (West-)Deutschland im Geiste des Neoliberalismus aus den Ruinen des Zweiten Weltkrieges auferstanden. Während also die souveränen Siegermächte an die planerischen Erfordernisse der Kriegswirtschaft anknüpften, die Umstellung auf eine Friedenswirtschaft mit staatlichen Impulsen steuerten und sozialpolitisch abfederten, unterzog Erhard das besetzte und zerstörte Deutschland dem Praxistest der neoliberalen Theorie. Diese Theorie stammte fraglos von größeren Denkern, als Erhard einer war, und lag ihm fix und fertig vor.

Wie aber konnte sich Ludwig Erhard seiner Sache so sicher sein? Alfred Müller-Armack, Walter Eucken, Wilhelm Röpke, auch Friedrich August von Hayek haben der neoliberalen Theorie schließlich je eigene Akzente verliehen. Dennoch waren die Wurzeln und Grundzüge der sozialen Marktwirtschaft bereits 1948 wie in Stein gemeißelt. In doppelter Abkehr einerseits von einem Liberalismus, der die Marktwirtschaft in den Zwanzigerjahren "zum Idol seiner Weltanschauung" pervertiert hatte und dem Irrtum erlegen war, "die Wettbewerbsordnung für eine Naturform gehalten zu haben, die keiner besonderen Pflege bedarf" (Müller-Armack) sowie andererseits von einem Faschismus, der als unheilvolle Melange aus Nationalismus, Sozialismus, Industrialismus, Vermassung und Tyrannei gedeutet wurde (von Hayek), gewann die neoliberale Theorie ihre spezifische Kontur.

Gefahr für die Gesellschaft

Alles, was auch nur entfernt nach Kartell, Kollektivismus und (Staats-)Allmacht roch, wurde als Gefahr für das Gewebe einer sozialen Gesellschaft selbstbestimmter Bürger markiert. Das ging so weit, dass sich von Hayek und Röpke bereits vor dem Ende des Krieges nicht einmal scheuten, in Großbritannien den nächsten Nazismus heraufziehen zu sehen, nur weil William Beveridge dort gerade dabei war, eine aus Steuermitteln finanzierte staatliche Gesundheitsversicherung für alle durchzusetzen.

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