Tauchsieder: Wie die Vision einer besseren Welt uns antreibt

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Aufbruch zu neuen Ufern ist die Leitidee der Moderne

Kolumne von Dieter Schnaas und Christopher Schwarz

Aufbruch zu neuen Ufern – das ist die Leitidee der Moderne. Doch was, wenn dem Fortschritt die Ziele abhandenkommen, wenn die Grenzenlosigkeit an Grenzen stößt? Ein Plädoyer für den Zweifler, der trotzdem aufbricht.

Wer aufbricht, geht dahin, wo die Angst ist. Sie ist die Schwester des Heldenmuts. Das haben schon die Alten gewusst, die den Aufbruch in das Bild der riskanten Seefahrt gefasst haben. Das Meer fordert die Neugierigen und Furchtsamen heraus. Es ist ein Ort des Versprechens und des Schreckens zugleich: Hinter dem Horizont lockt ein Ozean der Möglichkeiten, droht die hohe See der Ungewissheit.

Eben deshalb werden wir von Unruhe ergriffen, sobald wir uns an Küsten, Stränden, Ufern befinden und aufs Meer blicken. Wir bedenken unser Leben, ziehen Bilanz, stehen mit beiden Beinen im Hier und Jetzt – und lassen die Gedanken hinaus ins Weite fahren, Richtung Sehnsucht, Zukunft, Konjunktiv: Was wäre, wenn? Der Mensch, schreibt der Philosoph Hans Blumenberg, führt sein Leben und errichtet seine Institutionen auf dem festen Lande. Die Bewegung seines Daseins aber kleidet er in die Metapher des Aufbruchs.

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Aus dieser Paradoxie, aus der Spannung zwischen festem Boden und schwankendem Grund, entsteht das, was wir Fortschritt nennen. Übrigens nicht erst seit den Tagen von Christoph Kolumbus und James Cook. Hans Blumenberg hat am Beispiel der Höhle gezeigt, dass das Ineinander von Sicherheit und Gefahr uns buchstäblich in die Wiege gelegt ist. Einerseits ist der menschliche Bedarf an Welterschließung begrenzt: Die Geborgenheit der Höhle schirmte unsere Vorfahren gegen den „Absolutismus der Wirklichkeit“ ab.

Andererseits trieben Neugier und Hunger sie immer wieder nach draußen, ins harte Licht der gefährlichen Welt: weil die Höhle außer Schutz nicht viel zu bieten hat. Wenn aber diese Doppelbewegung von Sorge und Expansion, von Zuflucht und Aufbruch tatsächlich das anthropologische Muster unseres Aufenthaltes in der Welt ist – bedeutet das, dass auch Grenzüberschreitungen ihre Grenzen haben?

Hybris wird mit Schiffbruch bezahlt

Der Soziologe Gerhard Schulze legt den Schluss nahe und erinnert an das Erfolgsgeheimnis der „austronesischen Expansion“. Vor 6000 Jahren brachen die Polynesier vom chinesischen Festland auf und erschlossen den pazifischen Archipel. Sie gingen sorgsam mit den Ressourcen der Inseln um, die sie bewohnten, und fanden zugleich den Mut, sich immer wieder hinauszuwagen aufs offene Meer. Vorsicht und Kühnheit, Bestandspflege und Eroberung fanden bei den Polynesiern zu produktiver Einheit. Im Zusammenspiel von Pioniergeist und Besorgnis drangen sie in die unendlichen Weiten des Pazifiks vor.

Tauchsieder Der Liberalismus des Westens hat das Nachsehen

Vor 25 Jahren rief Francis Fukuyama das „Ende der Geschichte“ aus. Was auf den Kalten Krieg folgen würde, sei eine unendliche Friedensperiode des konstruktiven Miteinanders. Was für ein Irrtum!

Quelle: dpa Picture-Alliance

Auch die Antike gebot dem Menschen noch Respekt vor dem Meer: Wer sich zu weit auf die hohe See wagte, verletzte die natürlichen Grenzen des Menschen, bekam es mit Poseidon zu tun – und wurde für seine Hybris mit Schiffbruch bestraft.

Erst die europäische Moderne hat alle Vorsicht über Bord geworfen, den Wegbereiter und Bahnbrecher zur Leitfigur erhoben. Sie ist fasziniert von der Idee des Aufbruchs und der permanenten Grenzüberschreitung, von der Fantasie, die mit Eroberern und Abenteurern hinaus in die Welt der Unwägbarkeiten zieht. Die Helden der Neuen Zeit sind Draufgänger, die etwas riskieren und Entdecker, die Neuland erobern. Sie tauchen in der Gründerzeit des modernen Staates auf, im 16. Jahrhundert, und drängen die Zauderer und Zweifler an die Peripherie: Tatmenschen, die nicht mehr nur fest im Glauben sind, sondern auch ganz im flüchtigen Diesseits wurzeln.

In der Sphäre der Ökonomie ist es der geniale, frühkapitalistische Spekulant, der vom Gewinn im Handstreich träumt, seinen Geldgebern goldene Berge verspricht und im entscheidenden Moment sein ganzes Vermögen aufs Spiel setzt. Er ist vom Motiv der Gewinnsucht getrieben, ein Mann, der sein Leben beherzt in die Hand nimmt und sein Glück macht wie Fortunatus, der Held des ersten Kaufmannsromans (1509), dessen Schiffe „von ainem land fueren zu dem andern und ire gewinn merten“.

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