Das wäre das Meisterstück der „Dragon Lady“ gewesen. Ho Ching ist die Herrscherin über einen der mächtigsten Konzerne der Welt: Temasek. Das Unternehmen ist die Staatsholding von Singapur mit milliardenschweren Beteiligungen an Unternehmen aus den verschiedensten Branchen – von Fluglinien bis Banken, von Telekomkonzernen bis Hafenbetreibern. Vor wenigen Wochen holte die Topmanagerin zum großen Schlag aus: Port of Singapore Autority, kurz: PSA, die Hafengesellschaft des südostasiatischen Stadtstaates, sollte das Geschäft des britischen Rivalen P&O kaufen und damit zum zweitgrößten Anbieter an den Kaianlagen der Weltmeere aufsteigen. Am Ende ging Singapur leer aus. Der Konkurrent aus dem Arabischen Emirat Dubai bot viel mehr und kam in letzter Minute zum Zug. Noch heute schaudert es manchen Europäer beim Gedanken an den Bieterkampf. Bei einem Sieg von Temasek hätten asiatische Anbieter „die weltweite Hafenwirtschaft dominiert“, raunt Detthold Aden, Chef der Bremer BLG Logistics Group, die am Hafenterminalbetreiber Eurogate beteiligt ist und damit zur Nummer eins in Europa aufstieg. Der gescheiterte Übernahmeversuch wird nicht der letzte Angriff aus dem tropischen Inselstaat vor der Küste Malaysias auf lukrative Unternehmen überall auf der Welt sein. Denn Temasek Holdings, Singapurs alles überstrahlender Staatskonzern, streckt seine Fühler über die eigenen Landesgrenzen hinaus – und vermehrt nach Europa. Über sieben Milliarden Dollar gab Temasek im vergangenen Jahr für Unternehmenskäufe weltweit aus. Um die Expertise für Europa auszubauen, wurde vor acht Monaten Simon Claude Israel, der bisherige Asien-Pazifik-Chef des französischen Nahrungsmittelkonzerns Danone, in den Temasek-Konzernvorstand berufen. Und der Beauftragte der Bundesregierung für Investitionen in den Neuen Bundesländern, der frühere Deutschland-Chef des Schweizer Anlagenbauers ABB, Horst Dietz, kam allein im vergangenen Halbjahr zweimal zu Gesprächen mit dem asiatischen Unternehmen nach Singapur.
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Ho Ching steht seit zwei Jahren an der Spitze von Temasek. Bekannte schildern die 51-Jährige als sachlich, zielstrebig und beherrscht. Die studierte Elektroingenieurin ist die zweite Ehefrau des Premierministers Lee Hsien Loong – und damit auch die Schwiegertochter des großen alten Mannes der Republik Singapur, des Staatsgründers Lee Kuan Yew. Ho Ching hat die Aufgabe, das dem Finanzministerium angegliederte Finanzimperium des Stadtstaates zu internationalisieren. Das macht sie – trotz des Rückschlags bei PSA – äußerst diskret, aber wirksam. Wie wirksam, das stellte sie am 20. Januar in Bangkok unter Beweis. Als sie am Flughafen der thailändischen Hauptstadt ankam, dementierte Thailands Regierung noch, dass die Dame überhaupt im Land sei. Denn was sie vorhatte, war für Thailand brisant: Sie wollte zwei Unternehmen kaufen, das florierende Mobilfunkunternehmen AIS und die Holding Shin Corp. Binnen weniger Stunden war der Kaufvertrag mit Premierminister Thaksin Shinwatra persönlich unterschrieben, die beiden Perlen der thailändischen Wirtschaft gingen für geschätzte zwei Milliarden an Singapur. Während Ho Ching – Auftrag erfüllt – beruhigt nach Hause flog, muss sich Premier Thaksin seitdem landesweit Protesten und Unruhen wegen des Ausverkaufs erwehren. Erfahrung in derlei Blitzaktionen bringt Ho Ching aus den elf Jahren vor ihrer Position bei Temasek mit: Damals war sie als „Regierungsbeauftragte für Geheimprojekte zum Schutz der nationalen Sicherheit“ Singapurs unterwegs. Temasek ist das Vehikel der Regierung Singapurs für Investitionen. Das Wort ist identisch mit dem Namen, den Singapur früher bei den Einwohnern von Java trug, der Hauptinsel Indonesiens. Temasek bedeutet „Meeresstadt“, Singapur selbst ist malayisch und heißt so viel wie „Löwenstadt“. Weltweit gibt es wohl keine Staatsholding, die mit Temasek konkurrieren könnte. Eine straffe, konfuzianische Organisation sowie eine – anders als im benachbarten Malaysia – ausschließlich nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten ausgerichtete Investmentstrategie haben das Firmenimperium binnen dreier Jahrzehnte auf einen Wert von geschätzten über 50 Milliarden Euro anschwellen lassen. Über die Konzernholding steuert die Regierung ein Konglomerat, zu dem Börsenschwergewichte wie die staatliche Telefongesellschaft SingTel, die Fluglinie Singapore Airlines, die Container-reederei Neptune Orient und Singapurs größte Bank, die DBS Bank, gehören. Die Homepage der DBS-Bank zieren Bildmotive nicht etwa aus Singapur, sondern aus der Volksrepublik China.










